Rheinfelden

Vom grossen Glück im kleinen Garten

Auf 148 Parzellen können sich die Hobbygärtner im Familiengarten «Neuland» ausleben. Es ist eine Art Swissminiatur, in die man da eintaucht.

Um die Schweiz im Kleinen zu erleben, muss man nicht an die Swissminiatur nach Melide reisen, sondern nur hinausgehen, vor die Tore der Städte, an die Peripherie der Gemeinden, dorthin, wo die Schrebergärten der Nation liegen.

Hier erlebt man die ganze Bandbreite gesellschaftlicher Koexistenz, das Miteinander, das Füreinander, das Nebeneinander und manchmal, ja, auch das Gegeneinander.

In den Familiengärten, wie die kleinen Self-made-Flächen hierzulande oft genannt werden, prallen Gegenbegriffe und Gegensätze aufeinander, reiben sich aneinander und finden dann doch den Weg miteinander.

Ganz pragmatisch, ganz schweizerisch. Es ist die Geschichte von Freiheit, die reguliert wird, von Selbstverwirklichung, die kollektiv gelebt wird, von Natur, die mit Gartenzäunen begrenzt wird.

Es ist die Geschichte der Schweizer Gesellschaft, multikulti, vielfältig, farbig, die Geschichte einer Gesellschaft, die irgendwo zwischen hipp und spiessig mäandert.

148 Welten in einer

Es ist aber auch die Geschichte des Individuums und seiner Suche nach dem grossen Glück im Kleinen. Im Familiengarten Neuland, dem grössten der vier Schrebergärten in Rheinfelden, sind die Flächen, die dieses Glück verheissen, zwischen 100 und 220 Quadratmeter gross, oft (aber nicht immer) eingezäunt und mit einem Gartenhäuschen bestückt.

148 Parzellen gibt es im Neuland, 148 Welten in einer, 148 Manifestationen des grünen Seins. Vielfalt in der umzäunten Einheit.

Rundgang durch Neuland, an einem Samstagmorgen, Ende April, kurz nach 10 Uhr. Viele Gärten liegen noch brach. Gearbeitet wird auf rund 20 Parzellen. Hier wird Gemüse gezogen, da am Gartenhäuschen geschraubt, dort grilliert; hier werden Blumen gesetzt, da gejätet, dort ein Kräutergarten angelegt.

Alltag im Grünland, jenem Stückchen Erde, von dem die (Hobby-)Gärtner selber sagen: Das ist Freizeit vom Alltag. Und die ist äusserst begehrt: Alle 148 Parzellen sind derzeit verpachtet, rund 20 Personen stehen laut Brigitte Denk, Vizepräsidentin des Familiengartenvereins, auf der Warteliste.

Bis vor kurzem auch Ida und Mirko Budimir. Sie: 63, Pflegeassistentin, grosse Blumenliebhaberin, koordiniert im Familiengarten die Blumenpracht. Er: 61, Pfleger, Rosenfreund (und -kavalier), ist auf Neuland für die Gartenplanung verantwortlich.

Fünf «lange Jahre» mussten sich die beiden gedulden, bis sie eine Parzelle bekamen, «endlich», sagt Mirko, «denn jetzt können wir unseren Traum leben». Er lacht: Aus der Not habe seine Frau in den letzten Jahren eine Tugend gemacht – und neben ihrem eigenen Balkon im Augarten-Quartier jene von zwei Nachbarn mit Blumen geschmückt.

Mirko ist stolz auf das bereits Erreichte, stolz auch auf den grünen Daumen seiner Frau. «Komm Schatzi», sagt er liebevoll, «erzähl von Deinen Blumen.» Er selber eilt davon, schleppt eine von Hand gezeichnete Skizze an, auf der jeder Zentimeter des 100 Quadratmeter grossen Gartens verplant ist. Wege, Gemüse, Kräuter, Blumen, Bohnen, Sitzplatz. Alles hat seinen Platz.

«Auch die Gemütlichkeit darf nicht zu kurz kommen», mahnt Mirko, das Zusammensein mit Freunden, das gemeinsame Grillieren, das Bier mit dem Nachbarn. Dieses soziale Moment, dieses Kollektive im eigenen Refugium ist vielen Pächtern im Land der Gärten wichtig.

Oasen im Alltag

Mirko blickt sich im Garten um, ruft den Neffen Marko Banjac herbei («unsere grosse Stütze im Garten»), blickt seine Ida an, seufzt. «Das ist unser Freizeit-, Kreativitäts-, Erholungs-, und Rückzugsort in einem», sagt er dann, «unsere kleine Oase.»

Von der «Oase im Alltag» ist an diesem Samstagvormittag noch in manch einem Garten die Rede, wenn die Sprache auf das «Warum?» fällt, vom Refugium, vom Eintauchen in die Natur, von Meditation, von Geselligkeit, vom zusammen Feiern, vom Abschalten beim Gärtnern. Widersprüche, die keine sind.

100 bis 220 Quadratmeter Freiraum sind wenig, sind viel zugleich in einer Zeit, in der stetig mehr Menschen auf gleich bleibendem Raum zusammenleben. Die Familiengärten sind Fluchtpunkte, sind Ankerpunkte zugleich.

Entsprechend vielschichtig ist auch die Erwartung an das Gärtner-Sein, es schwankt irgendwo zwischen Lehnstuhl-Feeling und Selbstversorgung.

25 Nationen auf Neuland

Dieses Multikulti der Bedürfnisse gründet auch, aber nicht nur in einem Multikulti des Zusammenlebens. 25 Nationen sind auf Neuland zu Hause, Schweizer, Deutsche, Portugiesen, Ex-Jugoslawen, Italiener, Spanier, Tamilen und sogar Chinesen.

Die Zahl der Ausländer unter den Pächtern hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Das macht das Zusammenleben spannend. Aber auch anonymer und anspruchsvoller.

Denn überall dort, wo unterschiedliche Bedürfnisse und Kulturen aufeinanderprallen – man kann auch sagen: überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen, betritt man (potenziell) friktionsbeladenes Gelände.

Da machen die Schrebergärten keine Ausnahme. Sie bilden die Konfliktmuster im Kleinen ab, sind Nahaufnahmen der gesellschaftlichen Realitäten.

Und was zeigt der Blick ins Mikroskop? Viererlei: Littering ist, erstens, nach wie vor ein grosses Problem. Man kommuniziere immer wieder, so Brigitte Denk, dass nichts, rein gar nichts im Wald entsorgt werden dürfe, also auch kein Grüngut. «Nicht alle halten sich daran.» Wer erwischt wird, zahlt.

Die Aktivierung der Vereinsmitglieder ist, zweitens, schwierig. Das zeigt sich bei der Suche nach Vorstandsmitgliedern, das zeigt sich bei gemeinsamen Anlässen. «Es ist nicht einfach, eine Form zu finden, die allen passt.»

Drittens steht Neuland für die gewandelten Bedürfnisse der Gesellschaft, für ihre Individualisierung auch. Man kann auch sagen: für den Generationenwechsel. Das Ich hat an Stellenwert gewonnen, das einfach nur sein, das Frei-Sein.

Es hat den ursprünglichen Sinn der Familiengärten, die Selbstversorgung mit frischem Gemüse und Kräutern, zwar nicht abgelöst, aber sich eine Koexistenz erkämpft, die für Brigitte Denk auch «absolut in Ordnung ist». Jedem das Seine.

Frisch auf den Teller

Wobei: Wenn man am Garten von Urs Küng vorbeikommt, im Gemüsebeet die knackigen Salate erspäht, dann reizt es schon, zuzugreifen. Back to the roots. Küng, 55, seit 1995 Pächter im Neuland, strahlt. «Was frisch aus dem eigenen Garten auf den Teller kommt, schmeckt schon besser.»

Bei ihm ist das viel: Kopf- und andere Salate, Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln, Gurken, Tomaten, Zucchetti, Auberginen. Letztere legt er, der gelernte Koch, der seit drei Jahren eine Firma für Haus- und Gartenunterhalt hat, auch gerne mal auf den Grill. «Gut gewürzt, natürlich.»

Ein Ausgleich zum Job ist der Garten auch für ihn in erster Linie, eine (Liebes-)Geschichte, die nie zu Ende geschrieben ist, nie zu Ende geschrieben sein kann, «denn es gibt immer etwas zu tun». Zu pflanzen, zu gestalten.

Derzeit baut Küng einen Kräutergarten, als Nächstes steht die Renovation des Gartenhäuschens an. Und da auch das Nichtstun für Küng durchaus seinen Reiz haben kann, das Zusammensitzen, das Grillieren, das «Zusehen, wie es wächst» ist Küng – wie viele Neuländer – «fast täglich» in seinem kleinen Reich.

Grenzkonflikte

Mein oder dein. Wo Menschen miteinander – oder dann zumindest: nebeneinander leben, kommt es unweigerlich zu (Grenz-)Konflikten. Das ist, viertens, auf Neuland nicht anders.

Ab und an muss der Vorstand zwischen zwei Parteien schlichten. Gestritten wird, wie überall unter Nachbarn, über Pflanzen, die aufs Nachbargrundstück ragen; über zu laute Musik; über Katzen, die gefüttert werden; über Gärten, die vernachlässigt wirken.

Zweimal im Jahr macht der Vorstand eine Gartenbegehung. Ist eine Parzelle ungepflegt, wird der Besitzer abgemahnt. «Neue Pächter unterschätzen oft den Aufwand», weiss Denk.

Hilft das nicht, bekommt er beim zweiten Mal die Kündigung angedroht. «Es braucht klare Regeln», ist Brigitte Denk, die auf Neuland für das HEKS vier Gärten mit Flüchtlingen bewirtschaftet, überzeugt. Auch das: typisch Schweiz.

Besuch bei Liselotte Oeschger, 72, Hausfrau, seit 1980 auf Neuland. Es ist ein schmuckes Fleckchen Erde, das man da betritt, ein Potpourri der Sinne, eine Ode an Magen und Gemüt, ein «geordnetes Chaos», wie sie es nennt. Und es ist ein (Lebens)werk, das nie fertig wird, nie fertig werden darf – weil es in sich lebt. «Das ist Natur.»

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