Bühlers Blick

Vom Dorfkönig zum Oberdepp

(Symbolbild)

(Symbolbild)

Seit meinem Rücktritt als Gemeindeammann Ende 2017 verläuft mein Alltag in deutlich ruhigeren Bahnen. Von allen Wochentagen schätze ich den Samstag besonders. Dieser beginnt im Wintergarten mit zwei bis drei Tassen Kaffee und der ausführlichen Lektüre der Aargauer Zeitung. Es folgt der Fussmarsch zum Wochenmarkt, meist verbunden mit dem Auftrag, frische Forellen zu posten. Auf dem Markt treffe ich Freunde und Bekannte, beste Gelegenheit für einen kurzen Schwatz über das Wetter oder den neuesten Dorfklatsch. Zur Belohnung gibt es anschliessend beim Italiener einen Aperol Spritz. Das ist dann ein bisschen wie Ferien.

Der Nachmittag beginnt mit einer ausgiebigen Siesta auf dem Sofa, bevor ich mich mit Kollegen zum wöchentlichen Apéro treffe. Hier geht es meistens um Sport, hin und wieder auch um Politik. Nach dem Nachtessen ist Fernsehen angesagt. Vorzugsweise leichte Kost, wie Rosamunde Pilcher oder Inga Lindström. Meistens verschlafe ich den Schluss und verpasse es, wenn sich die Richtigen zum Happy End finden. Das macht aber nichts. Wie alle Rosamunde-Pilcher- und Inga-Lindström-Fans, die ich kenne, schaue ich diese Filme ja nur wegen der schönen Landschaften.

Manchmal wird die samstägliche Idylle gestört. Wenn unerwarteter Besuch eintrifft oder wenn der Rasen wegen der schlechten Wetteraussichten unbedingt noch gemäht werden muss. Der Samstag kann einem aber auch gründlich verdorben werden. Wie zum Beispiel unmittelbar vor den Ferien, als mir bei der Lektüre der AZ das Frühstücks-Gipfeli im Halse stecken blieb. Da haute doch Christoph Grenacher in seiner samstäglichen Kolumne den Meler Gemeindeammann Fredy Böni so richtig in die Pfanne. Er hat kein gutes Haar an ihm gelassen und ihn indirekt ermuntert zurückzutreten.

Gut, die Zeit der Dorfkönige ist vorbei. Ich erkläre das jeweils so. Wenn meine Vorgänger in den 60er- und 70er-Jahren verkündeten, dass der Rhein aufwärts fliesst, dann haben die Leute ihnen das geglaubt. So unter dem Motto, wenn der das sagt, dann wird es schon stimmen. Wenn ich 40 Jahre später als Gemeindeammann behauptete, der Rhein würde abwärts fliessen, wurde das zuerst einmal bezweifelt und dann sicherheitshalber noch überprüft. Die Zeiten haben sich eben geändert. Das betrifft übrigens nicht nur Gemeindeammänner und Gemeinderäte. Auch die Polizisten, Pfarrer und Lehrer, die früher oft im Dorf das Sagen hatten, haben diesen Wandel erlebt. Sie alle wurden vom Sockel geholt. Das ist gut so. Wer ein öffentliches Amt ausübt, soll seine Macht nicht missbrauchen und darf selbstverständlich auch öffentlich kritisiert werden.

Nur scheint das Pendel jetzt auf die andere Seite auszuschlagen. Vom Dorfkönig zum Oberdepp.

Eigentlich sollte ich mich nicht mehr darüber aufregen, sondern mich auf den nächsten Samstag, den schönsten Tag der Woche, freuen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1