Kaiseraugst
Verwitwete Frauen und Männer mit Kindern helfen sich gegenseitig

Ihre eigene, traurige Geschichte verbindet Natalie Häusler eng mit dem Verein Aurorar. Hier hat die heutige Vereinspräsidentin die Kraft gefunden, den Tod ihres Mannes zu verarbeiten.

Sandra Bös
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Sie kann heute wieder lachen: Die Präsidentin des Vereins Aurora mit ihrem Hund Joya.

Sie kann heute wieder lachen: Die Präsidentin des Vereins Aurora mit ihrem Hund Joya.

Vor zehn Jahren erfüllte sich Natalie Häusler gemeinsam mit ihrem Mann ein Lebenstraum: Sie kauften sich ein schönes Reiheneinfamilienhaus in Kaiseraugst.Mit ihren beiden Kindern lebten sie sich in der neuen Gegend gut ein.

Einige Monate nach ihrem Einzug klagte Natalie Häuslers Mann über starke Kopfschmerzen. Sie dachte sich nichts Grosses dabei und gab ihrem Mann eine Tablette gegen die Schmerzen.

Doch die Schmerzen verschwanden nicht und ihr Mann brach noch am selben Tag zusammen. Die Diagnose des Arztes - eine Hirnblutung im Bereich des Stammhirns.

Für die Familie brach eine Welt zusammen. «Erst bekam ich einen Anruf von den Ärzten, dass eine Operation für meinen Mann nicht machbar sei, da sie zu riskant wäre. Stunden später riefen sie mich nochmals an, um mir zu sagen, dass sie ihn doch operieren müssen, da es seine einzige Chance wäre. Ich war total überfordert und die Situation war sehr belastend für mich.» so Natalie Häusler.

Hilfe für Verwitwete mit Kindern

Der Verein Aurora ist Informations- und Kontaktstelle für Verwitwete mit Kindern. Der Verein versteht sich nicht als Selbsthilfegruppe, sondern als Unterstützung, Beratung und Begleitung auf einem schweren Weg. Nicht nur in Basel finden die Treffen statt. Auch in vielen anderen grösseren Städten der Schweiz treffen sich Verwitwete mit Kindern regelmässig, wie zum Beispiel in Aarau, Bern, Chur,Zürich, St. Gallen und Luzern. Insgesamt zählt der Verein 270 Mitglieder, wovon nur etwa 10 Prozent Männer sind. Mehrmals im Jahr werden Ausflüge organisiert, bei denen alle Mitglieder in der Schweiz herzlich eingeladen sind. Eintritte, Mittagessen und oft noch eine Glace für die Kinder sind dann meist vom Verein spendiert. Der Mitgliederbeitrag von 50 Franken deckt die laufenden Kosten nicht, daher ist der Verein auf Spenden angewiesen. Betroffene, Angehörige oder Interessierte erfahren mehr unter: www.verein-aurora.ch oder melden sich bei der Präsidentin unter: info@verein-aurora.ch

Nach der Operation kam heraus, dass ihr Mann am «Locked-In-Syndrom» litt. Bei diesem seltenen Krankheitsbild sind die Betroffenen zwar bei vollem Bewusstsein, jedoch nicht fähig, sich zu bewegen oder zu sprechen.

«Sein Hirn funktionierte noch genauso gut wie vor seinem Zusammenbruch, doch die Befehle, die es sendete, kamen bei den Nervenzellen im Körper nicht mehr an. Nach vielen Therapiestunden war es ihm schliesslich möglich, seine Hand und seinen Unterarm zu bewegen. Ausserdem konnte er mit der Zeit auch wieder blinzeln.»

Das Blinzeln ermöglichte dem Ehepaar, mithilfe einer Buchstabentafel zu kommunizieren.

«Einmal hat mich mein Mann in die Reha bestellt, er wollte, dass ich schnell vorbei komme. Als ich dort war, sagte er mir mit der Tafel, dass er mich liebt. Ich wunderte mich, dass er mich extra deswegen herholte, heute weiss ich, dass er Angst hatte, mir diese Worte nie mehr sagen zu können» erzählt Natalie Häusler.

Trotz der tollen Fortschritte, die ihr Mann während der Therapie in der Rehab Basel machte, war klar, dass sein Zustand sich nicht noch mehr verbessern würde. Einzig die Handbewegungen hätten noch etwas kontrollierter werden können.

«Mein Mann wollte, dass ich ihm Zyankali besorge. Doch dazu wär ich nicht fähig gewesen und ich wollte mich keinesfalls strafbar machen. Für unsere Kinder war es schon schrecklich genug, einen Elternteil zu verlieren.»

Natalie Häusler wendete sich an die Organisation Dignitas. Dass ihr Mann auf diese Weise nicht leben wollte, musste sie akzeptieren. Etwa ein Jahr nach seinem Zusammenbruch war es dann so weit: Ihr Mann erlöste sich von seinem Leiden.

Im eigenen Haus durfte er sich von seiner Familie verabschieden und einen würdevollen Tod sterben.

«Drei Minuten nachdem er sich selbst das tödlich wirkende Medikament in die Magensonde gespritzt hatte, hörte sein Herz auf zu schlagen. Eine Ärztin sagte mir, dass dies bis zu 20 Minuten dauern kann. Das war ein Zeichen dafür, dass mein Mann wirklich bereit war, zu sterben.»

Obwohl die Erinnerung Natalie Häusler immer noch mit mit grosser Traurigkeit erfüllt, hat sie die schlimmste Zeit nun hinter sich. Doch noch immer wird sie fast täglich in diese Zeit zurückgeworfen.

«Verwitwet zu sein, bleibt immer an einem haften. Wenn man als Alleinerziehende beispielsweise neue Leute kennenlernt, kommt früher oder später die Frage auf, wo der Vater der Kinder ist oder ob man geschieden ist. Noch schlimmer ist es, wenn man auf alte Freunde von früher trifft, die noch nichts davon wissen. Irgendwann hat man einfach keine Lust mehr, sich zu erklären.» sagt Natalie Häusler.

Der Verein «Aurora - Für Verwitwete mit Kindern» hat Natalie Häusler in ihrer Situation sehr geholfen, obwohl sie erst vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes Mitglied des Vereins wurde.

Regelmässig traf sie sich einmal monatlich mit anderen Verwitweten im Mr. Wong in Basel.

«In anderen Städten der Schweiz gab es diese Treffen damals schon länger, aber nicht in Basel. Ich war von der ersten Stunde an mit dabei. Im ersten Jahr waren wir gerade mal zu zweit.»

Heute seien bei jedem Treffen im Mr. Wong mehrere Mitglieder anwesend. «Hier muss sich keiner erklären, da alle in der gleichen Situation stecken. Bei den Treffen reden wir über Dinge, die uns beschäftigen, geben uns gegenseitig Tipps und versuchen so, den anderen zu helfen. Es gibt keine Regeln und jedes Treffen gestaltet sich sehr individuell.»

Seit März 2012 ist die Kaiseraugsterin Natalie Häusler sogar die Präsidentin des Vereins. Unter anderem organisiert sie die Mitgliederversammlungen, kümmert sich um neue Anmeldungen und koordiniert alle Ausflüge des Vereins.

«Ich nehme mir etwa zwölf Stunden pro Woche Zeit für den Verein. Das ist sehr viel, aber es bereitet mir Freude und ich finde es eine tolle Sache. Der Verein hat schon vielen Betroffenen sehr geholfen.»

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