Eiken
Verwandtenbesuch: Von Hongkong ins Fricktal

Ein sportlich gekleideter Herr betritt die Gaststube: «Guten Tag, ich heisse Bussinger. Meine Urgrosseltern haben hier einmal gewirtet.» Peter Bussinger auf Heimaturlaub im Gasthaus des Urgrossvaters.

Walter Christen
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Weitgereister Gast

Weitgereister Gast

Er setzt sich an den Stammtisch im Eiker «Rössli» und erzählt den Wirtsleuten Peter und Ruth Jegge, wie er vor Jahren zum ersten Mal nach Eiken in das Gasthaus seiner Vorfahren kam, und er schildert den Grund seines aktuellen Besuchs: «Seit 49 Jahren lebe ich in Hongkong und befinde mich gegenwärtig auf Heimaturlaub in Zürich. Ich war heute Freitag in Pratteln und bin auf dem Rückweg in einen Zug eingestiegen, der hier in Eiken gehalten hat. Da konnte ich nicht anders, als im ‹Rössli› einzukehren.»

In der Chronik des Eiker Gasthofs «Zum weissen Rössli – Hôtel du Cheval blanc», wie es noch heute auf dem zweisprachigen Wirtshausschild heisst, ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Franz Xaver Bussinger als Patentinhaber erwähnt, der Urgrossvater des 1961 nach Hongkong ausgereisten Peter Bussinger.

Der 74-Jährige ist Bürger von Eiken

Peter Jegge und seine Frau, inzwischen seit 33 Jahren «Rössli»-Wirtsleute, freuen sich über den Besuch des 74-jährigen Heimaturlaubers, der mit berechtigtem Stolz betont, er sei Bürger von Eiken – und von Zürich. Seine Urgrosseltern hatten sieben Töchter, von denen eine seinen Vater heiratete. Der in Zürich aufgewachsene Peter Bussinger erinnert sich, wie er einst im Geheimfach des Schranks aus dem Besitz seiner Urgrosseltern das Dokument über den Verkauf des «Rössli» in Eiken entdeckte. «Erst dank dieser Urkunde wurde mir überhaupt der familiäre Ursprung unserer Familie und die Verbindung zu Eiken im Fricktal bewusst.»

Bis er 25 Jahre alt war, lebte Peter Bussinger in Zürich und absolvierte in Freiburg die Handelsmatur. «Ich sollte Banker werden, doch schon nach einem Monat stellte ich fest, das ist nicht mein Job. So habe ich die Textilfachschule besucht und bin dann nach Hongkong gezogen, wo ich als Textilkaufmann tätig war. Schon in der ersten Woche ging ich in einen Chinesisch-Kurs. Als ich 50 Zeichen gelernt hatte, gab ich auf, weil ich sie stets verwechselte. Zumal es hiess, dass es insgesamt 2000 Schriftzeichen gebe. Obschon ich des Chinesischen nun halt nicht mächtig bin, lernte ich in Hongkong meine Frau kennen – sie ist Chinesin und heisst PeYingTam. Weil sie später in einer europäischen Firma arbeitete, erhielt sie den bei uns aussprechbaren und schreibbaren Namen Cecilia», erwähnt der Gast am Stammtisch des «Rössli».

«Wir haben uns in Hongkong verlobt. Cecilia wohnte dann während eines Jahres bei meinen Eltern in der Schweiz, wo sie in die Haushaltschule geschickt wurde und die deutsche Sprache lernen konnte. Mein Vater fand, sie dürfe mich erst heiraten, wenn sie wüsste, wie man Rösti macht... Und wenn ich schon eine Asiatin heiraten wolle, so solle die Hochzeit in Zürich stattfinden. Wir erfüllten ihm den Wunsch.»

Wieder zurück in Hongong zog die Familie ein Haus und bekam bald Nachwuchs – zwei Töchter und einen Sohn. Inzwischen sind Peter Bussinger und seine Frau sechsfache Grosseltern und leben in einer kleinen Wohnung in der 45. Etage eines 60-stöckigen Hochhauses «mit fantastischem Blick aufs Meer», wie er festhält. «Eigentlich haben wir gedacht, wir würden einmal nach Zürich ziehen, ins Elternhaus, das wir vor zehn Jahren übernommen haben. Aber uns gefällts nach wir von sehr gut in Hongkong, sodass der jährliche Heimaturlaub vor allem dem Unterhalt des Elternhauses dient, das in Familienbesitz bleiben soll.»