Unfassbar, katastrophal, ein Verrat am Evangelium. Es sind klare Worte, die Bernhard Lindner für den Umgang der römisch-katholischen Kirche mit den Missbräuchen in der Kirche findet. In seiner Kirche. Lindner war mehr als 14 Jahre lang Gemeindeleiter in Oeschgen; vor wenigen Tagen hielt er in der kleinen Kirche seinen Abschiedsgottesdienst.

Dazu hat er, als kleines Abschiedsgeschenk an seine Gemeindemitglieder, ein Best-of seiner Predigten zusammengestellt. Das erste Mal, stellte er beim Zusammenstellen fest, hat er bereits 2010 über die Missbräuche gesprochen. «Es ist unfassbar, dass es der Kirche seither nicht gelungen ist, das Thema aufzuarbeiten.» Unfassbar auch, dass Menschen, die anderen etwas derart Abscheuliches antun, jahrzehntelang gedeckt werden. «Nur weil die Täter geweihte Priester sind», ist Lindner überzeugt. Bei Laien «wäre man anders vorgegangen».

Der Reputationsschaden ist da – und er ist immens. «Es tut mir auch leid für die vielen Menschen, die sich tagtäglich in der Kirche engagieren», sagt Lindner.

Nur langsam fänden Kirchenleitungen an den verschiedenen Orten auf der Welt Wege zu einem klaren, transparenten und verantwortlichen Handeln im Bereich des sexuellen Missbrauchs, das auch das Leid der Opfer würdige. «Es ist ein riesiger Schatten, der das Lichtvolle in der Kirche verdunkelt», umschreibt es der 58-Jährige.

Für Lindner liegt ein Hauptgrund für die Malaise im veralteten Amtsverständnis, an das sich die römisch-katholische Kirche klammert. «Der Pflichtzölibat muss endlich abgeschafft und Frauen zu Weiheämtern zugelassen werden.»

Lindner blickt durch das Fenster im kleinen Pfarreisaal. Draussen nieselt es. Der Himmel weint mit.

Frauen zur Weihe zulassen

«Der Heilige Geist zeigt uns doch seit Jahrzehnten eindringlich, dass der Pflichtzölibat nicht mehr zeitgemäss ist», sagt er dann. Und auch die abwehrende Haltung gegenüber der Frauenweihe lasse sich weder biblisch noch kirchlich begründen. «In der jungen Kirche hatten Frauen Leitungsfunktionen inne.» Lindner schüttelt den Kopf. Die Kirche halte stur an diesen alten Zöpfen fest, sagt Lindner und benutzt dafür das Bild von der heiligen Kuh, die nicht geschlachtet werden darf. «Der Kirchenleitung ist ihr Beharren auf der Tradition wichtiger als die Botschaft.» Wer Jesu Worte und Handeln ernst nehme, für den sei klar: «So predigte er es nicht.»

Gepredigt hat Lindner am vorletzten Sonntag das letzte Mal in Oeschgen. Nach über 14 Jahren als Gemeindeleiter trat er ab. Entsprechend wählte er auch das Schlusslied beim Abschiedsgottesdienst: «Wer hat an der Uhr gedreht», die Abspannmelodie bei Paulchen Panther. «Alles hat seine Zeit», findet er. Und nun sei die Zeit für den Aufbruch gekommen. Für ihn ebenso wie die Gemeinde. «Ich bin glücklich, dass ich die Gemeinde auf ihrem Weg ein Stück weit begleiten durfte.» Dass sie glücklich war, Lindner als Seelsorger zu haben, zeigte sie ihm mit einem Grossaufmarsch zum Abschiedsgottesdienst – und «dem längsten Apéro, an dem ich je war».

Es sei eine gute Zeit gewesen, eine intensive auch, blickt er zurück. Ihm war es stets wichtig, gemeinsam mit den Gläubigen unterwegs zu sein, die Menschen im Glauben und in den verschiedenen Lebensphasen zu begleiten.

Sein eigener Vertreter

Eigentlich war ja bereits Ende Juli 2018 Schluss. Auf diesen Zeitpunkt hin hatte Lindner seinen 50-Prozent-Job in Oeschgen gekündigt. Doch da es seine Zeit brauchte, bis eine neue Lösung gefunden war, betreute Lindner die Gemeinde in einem 20-Prozent-Pensum weiter. Er war der Stellvertreter von sich selbst, wenn man so will. Nun ist eine Lösung gefunden, «die trägt»: Die drei Pfarreien Frick, Gipf-Oberfrick und Oeschgen werden neu von einem Seelsorge-Team unter der Leitung von Martin Linzmeier betreut.

Die Übergangszeit sei für die Gemeinde wichtig gewesen, ist Lindner überzeugt. Denn nicht wenige Gläubige hatten Angst davor, dass das kleine Oeschgen vom grossen Nachbarn überrollt wird. Die Erfahrung der letzten Monate hat ihnen gezeigt: Das ist nicht der Fall. Weil die Nähe zu den Menschen blieb. «Es ist ganz wichtig, dass auch unter den neuen Strukturen die Kirche im Dorf bleibt», sagt Lindner mit Blick auf die Pastoralräume, die derzeit im Bistum eingerichtet werden. Zwar stockt der Prozess in der Region um Frick, doch klar ist: Der Pastoralraum wird auch hier kommen. Früher oder später.

Die Gefahr der Pastoralräume ist, dass Kirche distanzierter und verwalteter (erlebt) wird. «Das darf nicht passieren. Die Kirche muss nahe an den Menschen bleiben», mahnt Lindner. Gerade auch im strukturellen Prozess, in dem sich die Kirche befindet. Das Kirche-Sein hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert – und wird sich weiter ändern. Die Kirche ist kleiner geworden und hat gesellschaftlich massiv an Bedeutung verloren. «Früher gehörte jeder automatisch der Kirche an, heute ist es ein bewusster Entscheid, ein bewusstes Nachdenken darüber», sagt Lindner. In seinen Augen ist das auch eine Chance.

So wie es auch der Blick über den eigenen Gartenzaun ist. «Die Zusammenarbeit über die Konfessionsgrenze hinaus ist wichtig und funktioniert in der Region gut», hat Lindner festgestellt. Ein sichtbares Zeichen dafür ist der kirchlich regionale Sozialdienst oberes Fricktal, der von reformierten und katholischen Kirchgemeinden im oberen Fricktal zusammen mit Caritas getragen wird.

Vaterschaftsurlaub gefordert

Mitgetragen hat sich Linder stets auch von seinen Gläubigen gefühlt. Und auch wenn er sein Büro im April von Oeschgen nach Aarau zügelt, «bleibt mir das Fricktal wichtig». Bei der Landeskirche, wo Lindner nun ein 80-Prozent-Pensum hat, wird er der regionale Ansprechpartner bleiben, wenn es um Erwachsenenbildung geht.

Zudem wird er auch künftig Kurse und Veranstaltungen im Fricktal durchführen, etwa die Fastenwoche, die Abendmeditation auf dem Buschberg oder das Männerpalaver. Letzteres bietet er zusammen mit Uli Feger, Pastoralassistent in Frick, an. Das erste Mal haben die beiden bereits mit Männern ab 40 palavert. «Es war ein eindrücklicher Gesprächsabend», blickt Lindner zurück.

Bei der Landeskirche baut er seit letztem Sommer den Bereich «Männerarbeit» auf. Das Konzept ist inzwischen erstellt, nun geht es an die Umsetzung. Dazu gehört für Lindner auch ein gesellschaftspolitisches Engagement. Er setzt sich für einen Vaterschaftsurlaub ebenso ein wie für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Ohne Engagement, davon ist Lindner überzeugt, geht nichts. In der Gesellschaft nicht und in der Kirche nicht. Und ohne Glaubwürdigkeit. Diese muss die Kirche wiederfinden. Damit der Verrat am Evangelium ein Ende nimmt.