Bezirksgericht Rheinfelden

Verkehrsrowdy bremst Autofahrer auf A1 aus – dann knallt es von hinten

Erst beleidigt der Täter einen Autofahrer, dann setzt er zum Bremsmanöver an. (Symbolbild)

Erst beleidigt der Täter einen Autofahrer, dann setzt er zum Bremsmanöver an. (Symbolbild)

Ein Deutscher musste sich vor dem Bezirksgericht wegen groben Fehlverhaltens auf der Autobahn verantworten. Eine zivile Streife der Polizei hatte seinen Ausraster, bei dem er einen anderen Autofahrer ausbremste und beschimpfte, gefilmt.

Fast zwei Stunden nimmt sich das Richtergremium des Bezirksgerichts Rheinfelden am Mittwochabend Zeit, um noch einmal zu diskutieren, was im Frühling 2016 passiert war, als Ramses (Name geändert) auf der Autobahn völlig ausrastete. Für den 50-jährigen Beschuldigten, einen aus Ägypten stammenden Deutschen, sind es bange zwei Stunden. Die Staatsanwaltschaft hatte für seine Tat eine dreijährige Haftstrafe gefordert – 18 Monate davon unbedingt. «Sein Verhalten war absolut skrupellos. Er hat aus einem nichtigen Anlass das Leben anderer Verkehrsteilnehmer gefährdet», erklärte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer.

Stillstand auf der Fahrbahn

Doch der Reihe nach. Ramses war an jenem Tag im April 2016 mit seiner damaligen Freundin auf dem Heimweg von Rheinfelden (D) nach München. Er hatte eben seine Kinder zu seiner Ex-Frau gebracht – und sich mit ihr heftig über gemeinsame Ferientage mit den Kindern gestritten. «Ich war emotional aufgewühlt», schildert er vor Gericht. «Das darf aber keine Ausrede sein.»

Auf der A3, Höhe Zeiningen, kam es dann zum Vorfall. Ramses fuhr bei Tempo 140 auf der Überholspur bis auf drei Meter auf einen vor ihm fahrenden Kleinwagen auf. Er gab dem Lenker, einem in der Schweiz wohnhaften Italiener, mehrmals per Lichthupe zu verstehen, dass er Platz machen solle. Als dieser auf die Normalspur wechselte, blieb Ramses zunächst einige Sekunden auf gleicher Höhe neben ihm, überholte ihn schliesslich, fuhr knapp vor ihm auf die Normalspur und bremste ihn aus – von 140 km/h bis zum Stillstand. Mehrere nachfolgende Fahrzeuge mussten ihnen ausweichen, ein LKW sogar auf dem Pannenstreifen.

Wüste Gesten auf beiden Seiten

Als beide Autos standen, stieg Ramses aus und machte ein paar Schritte auf das andere Auto zu. Der Lenker des Kleinwagens schildert vor Gericht, er habe sich «durch das aggressive Auftreten des Beschuldigten an Leib und Leben bedroht gefühlt». Deshalb habe er wegfahren wollen. Beim Einbiegen auf die Überholspur allerdings kollidierte er mit einem von hinten heranfahrenden Fahrzeug. Er erlitt ein Schleudertrauma, sein Auto einen Totalschaden.

«Ich wollte ihn zur Rede stellen», begründet Ramses sein Bremsmanöver und das Aussteigen. Die beiden Beteiligten werfen sich vor Gericht gegenseitig vor, mit wüsten Gesten – etwa dem Stinkefinger – provoziert zu haben. Ramses will gar gesehen haben, dass ihn der Italiener wegen seiner Hautfarbe beleidigt habe. Das streitet dieser allerdings vehement ab. «Ich bin selber Ausländer in der Schweiz und würde das nie tun.» Für sein Fehlverhalten – unter anderem wegen überhöhter Geschwindigkeit und Beleidigung durch Gesten – sei ihm der Führerausweis zwischenzeitlich entzogen worden. Er habe seine Strafe akzeptiert. «Nun ist es an ihm, seine Strafe ebenfalls zu akzeptieren», so der Italiener.

Die Polizei filmte alles

Der Beschuldigte seinerseits kann und will den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft grösstenteils nichts entgegensetzen: «Was ich gemacht habe, macht kein normaler Mensch. Ich hatte mein Hirn ausgeschaltet. Es tut mir leid.» Abzustreiten gibt es für ihn ohnehin nicht viel: Eine zivile Streife der Kantonspolizei hatte das ganze Manöver mitgefilmt. Er wolle das Vergehen seines Mandanten nicht bagatellisieren, sagt der Verteidiger, aber: «In Deutschland wird wesentlich aggressiver gefahren als in der Schweiz. Womöglich ist das eine Erklärung.» Er kritisiert auch das Verhalten des zweiten Lenkers. «Er hätte die Spur früher wechseln können.»

Der Verteidiger fordert ein deutlich geringeres Strafmass als die Staatsanwaltschaft. Das Urteil liegt schliesslich dazwischen. Die Richter verurteilen Ramses zu einer bedingten Haftstrafe von 24 Monaten, einer ebenfalls bedingten Geldstrafe – beides bei einer Probezeit von fünf Jahren – sowie zu einer Busse von 1800 Franken. Die Probezeit sei ein Sicherheitsventil, die Busse ein Denkzettel, sagt Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab. Sie findet klare Worte: «Auch wenn Provokationen im Raum standen, so rechtfertigt dies keineswegs solch eine radikale Reaktion.»

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