Oeschgen

«Verabschieden uns in tiefer Dankbarkeit»: Der Circus Nock ist nicht mehr

Lichterlöschen beim Circus Nock

Lichterlöschen beim Circus Nock

„Schweren Herzens habe sich die Familie Nock dazu entschieden, den Zirkus bis auf Weiteres nicht mehr weiterzuführen“. So hiess es in einer Mitteilung des Traditionsunternehmens am Freitagmorgen.

Der Circus Nock hört nach 158 Jahren auf. Er macht dafür das gewandelte Freizeitverhalten, die schwieriger gewordene Suche nach Spielplätzen sowie die verschärfte Tierschutzauflagen verantwortlich.

Die Tore sind verriegelt, auf das Klingeln der Türglocke öffnet niemand. Das Winterquartier des Circus Nock in Oeschgen wirkt an diesem Freitag verlassen, am Stall hängt ein Schild: zu vermieten. Der Himmel weint.

Zum Weinen ist für alle Zirkusfans auch das Communiqué, das der Circus Nock gestern kurz vor Mittag verschickt. Das Familienunternehmen und die Dynastie Circus Nock hätten sich «schweren Herzens entschieden, den Zirkus bis auf weiteres nicht mehr weiterzuführen», heisst es im Schreiben.

Das «bis auf weiteres» tönt nach einem Hoffnungshalm, an den sich kaum jemand klammern mag. Zu deutlich ist der Rest des Textes, der mit «Wenn Nostalgie, Professionalität und Leidenschaft allein nicht mehr ausreichen» überschrieben ist.

Direktorin Franziska Nock.

Direktorin Franziska Nock.

Der Circus Nock ist Geschichte. Nach 158 Jahren. Er ist, nein: er war der älteste Zirkus der Schweiz und stand kurz vor der Jubiläumstournee. Dafür wollte sich die Familie rüsten, da wollte sie allen zeigen, was Zirkus kann – und dass er Zukunft hat. Deshalb hat die Familie Nock auch Anfang Jahr entschieden, die diesjährige Tournee zu verkürzen und nur von Juni bis September durchs Land zu ziehen. Dafür, so versprach die Familie, werde man im nächsten Jahr ein Feuerwerk zünden.

Dazu kommt es nicht mehr. Man wusste in der Region schon lange, dass es der Zirkus schwer hat, dass er ums Überleben kämpft. Dennoch kommt das abrupte Aus nun doch überraschend. Er sei vom Moment und der Radikalität des Schrittes überrascht, sagt Kulturdirektor Alex Hürzeler, der ebenfalls in Oeschgen wohnt, nicht weit vom Nock-Winterquartier entfernt, und seit Jahrzehnten ein Nock-Fan ist.

Impressionen aus dem Circus Nock:

Geahnt hat man in Oeschgen nicht, dass es derart schlimm steht. Gefühlt sei der Zirkus seit ewig in Oeschgen, sagt Roger Wernli, der viele Jahre lang Gemeindeschreiber von Oeschgen war und nun in Münchwilen arbeitet. Man habe vor einigen Jahren sogar eine «Zone Nock» geschaffen, damit es der Familie leichter falle, ihre nötigen Bauten zu realisieren, erinnert er sich. Die Familie habe den Gemeinderat und das Verwaltungspersonal jedes Jahr an die Premiere eingeladen, einen Termin, auf den er sich immer gefreut habe. Doch, sagt der ehemalige Gemeindeschreiber, die Nachricht habe ihn schon geschockt.

Gründe für das Aus gibt es mehrere. Es ist, fasst man das Communiqué zusammen, eine Mischung aus verschärften Tierschutzanforderungen, steigende Auflagen und Preisen bei den Stellplätzen sowie nachlassendem Publikumsinteresse. Allein in den letzten beiden Saisons ging die Zahl der Besucher um jeweils fünf Prozent zurück.

All das drückte auf die Einnahmen und die Rendite. Das Zirkusgeschäft sei komplexer geworden, heisst es dazu im Communiqué. «Und trotz einer sehr hohen Eigenfinanzierung sind die Defizite gewachsen.» Wenn der Zauber der Manege das Portemonnaie auf Dauer nicht mehr füllt, dann hilft kein Zauber.

«Es ist schwierig geworden, die Leute für Zirkus zu begeistern»: die Nock-Chefinnen im Interview

«Es ist schwierig geworden, die Leute für Zirkus zu begeistern»: die Nock-Chefinnen im Interview (Beitrag vom Juli 2018)

Die Schwestern Alexandra und Franziska Nock leiten gemeinsam den Circus Nock. Im SommerTalk mit Luca Laube sprechen sie über Herausforderungen im Zirkusalltag. (Juli 2018)

Lange mit Entscheid gerungen

Was das heisst, was das Aus für die Familie bedeutet, wie sie in die Zukunft geht, möchte die AZ am Freitag von der Familie wissen. Das Handy von Zirkusdirektorin Alexandra Nock läutet ins Leere. Franziska Nock, die zusammen mit ihren Schwestern Alexandra und Verena den Zirkus in siebter Generation führte, nimmt das Telefon zwar ab. Sie mag am Freitag aber keine Auskünfte geben. Sie sagt nur, sie wisse noch nicht, wie es bei ihr und der Familie weiter gehe, und vertröstet auf später, sagt, in einigen Tagen stehe sie Red und Antwort, dann, wenn der erste Schock auch bei der Familie verdaut ist.

Wie tief der Schock über das Aus bei der Familie sitzt, wie lange die Familie mit dem Schritt gerungen haben muss, wie schwer er ihr fällt, zeigen die Formulierungen im Communiqué. «Wir verabschieden uns in tiefer Dankbarkeit von unserem treuen Publikum, den Zirkusfans und unseren vielen Unterstützern», schreibt die Familie. Die leuchtenden Augen der grossen und kleinen Zuschauer würden für immer in Erinnerung bleiben. «Das Zirkusleben und die Zirkusluft werden uns fehlen. Und wir bedauern, unser 160-Jahr-Jubiläum nicht mehr mit Ihnen allen feiern zu können.»

Den einen Schuldigen, die eine Ursache für das Aus gibt es nicht. Aber es gibt viele, die etwas dazu beigetragen haben, dass es nicht mehr ging. Es ist wie ein Puzzle, bei dem man die Teile entfernt – irgendwann entschwindet das Bild. Ein Grund sind die Zuschauer, oder treffender: die Nicht-Zuschauer. Jeder erinnert sich an den Zirkus, erinnert sich gerne – und viele, der Schreibende eingeschlossen, waren seit Jahren oder Jahrzehnten in keinem Zirkuszelt mehr. «Unzählige Unterhaltungsangebote wie Musicals, Konzerte oder Festspiele im Sommer konkurrenzieren den Zirkus», hält die Familie Nock fest. Dadurch habe ein Zirkus heute den schwierigen Spagat zwischen Nostalgie und Innovation zu meistern. Ein Spagat, der heute nur noch wenigen Zirkussen in der Schweiz gelingt.

Historische Bilder der Zirkusfamilie Nock:

Gesetzliche Auflagen verschärft

Die Familie Nock nimmt aber auch die Gemeinden in die Pflicht. Zentrale Plätze in Schweizer Innenstädten und auch in den Gemeinden würden immer mehr zur Mangelware. «Die Plätze werden kleiner, sind nicht mehr immer verfügbar und die Mietpreise sowie die behördlichen Auflagen steigen von Jahr zu Jahr», hält die Familie fest und fügt, etwas verbittert nach: «Haben sich Städte und Gemeinden früher auf den Zirkus gefreut, wird einem heute da und dort das Gefühl vermittelt, nur noch geduldet zu sein.»

Unter Druck stehen die Zirkusunternehmen noch aus weiteren Gründen. «Die gesetzlichen Auflagen punkto Tierschutz sind verschärft worden. Tierschützer kritisieren die Tiernummern und die Haltung von Tieren», schreibt die Familie. Einen Strich durch die Rechnung machten gerade in den letzten Jahren zudem die warmen Sommer, «denn niemand will bei diesen Temperaturen in ein Zirkuszelt sitzen».

All das hat dazu geführt, dass der Circus Nock nicht mehr konnte, dass er die Reissleine ziehen musste, weil er «in der jetzigen Lage den gewohnten hohen Qualitätsstandard nicht mehr gewährleisten» kann.

Der letzte Vorhang ist mit der letzten Vorstellung im November 2018 gefallen. Nur wusste da noch niemand, dass es der allerletzte Vorhang war, dass es nie mehr heissen wird: Manege frei.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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