Urs Niggli, was hatten Sie heute zum Frühstück?

Urs Niggli: Heute nur einen Kaffee.

Aber natürlich Bio!

Aber klar!

Hand aufs Herz: Kaufen Sie ab und an auch Nicht-Bio-Produkte ein?

Nein, ich kaufe selber nur Bio-Produkte, und das seit 27 Jahren.

Aber Sie essen auch «Nicht-Bio»?

Darum komme ich nicht herum. Ich bin beruflich rund zehn Tage pro Monat im Ausland. Die Restaurants verwenden da kaum Bio-Produkte.

Schmeckt Bio besser?

Wenn man von Bio überzeugt ist, dann ist man sich sicher, dass es besser schmeckt. (Lacht.) Zugegeben: Es gibt wenig Forschungsergebnisse, die das objektiv bestätigen.

Der berühmte Placebo-Effekt also. Man glaubt daran – und es schmeckt schon besser!

Ich würde es anders formulieren: Wer Bio isst, tut sich und der Umwelt etwas Gutes. Das wird vom Geschmackssinn belohnt.

Was ist für Sie die Motivation, Bio-Produkte zu essen?

Die Produkte sind natürlicher, man kann auch sagen: authentischer. Denn der Verfremdungseffekt, beispielsweise durch Kunstdünger, fällt im Bio-Landbau weg. Ich will keine Produkte essen, die Rückstände von Pestiziden und Düngern aufweisen. Und ich will eine Landwirtschaft, die nachhaltig ist. Das ist Ziel meiner Arbeit, und das unterstütze ich mit meinem Konsumverhalten.

Kann man ein Rind, das auf einem Bio-Hof gelebt hat, mit besserem Gewissen essen?

In der Bio-Landwirtschaft misst man dem Tierwohl einen sehr hohen Stellenwert bei. Die Anforderungen an einen Bio-Betrieb sind nochmals höher als im strengen Schweizer Tierschutzrecht. Eine Antwort auf die Gewissensfrage allerdings lässt sich nicht generell geben; die muss jeder für sich selber entscheiden.

Zumindest optisch macht einen Bio oft weniger an.

Aber nicht doch! Das ist ein altes Vorurteil. Gehen Sie in einen Coop oder eine Migros – die Bio-Produkte lassen sich heute optisch nicht mehr von konventionell angebauten unterscheiden. Schrumpelige Produkte findet man schon lange keine mehr.

Ist das äussere Bild matchentscheidend für den Erfolg?

Er ist wichtig. Früher sagte man, wenn ein Apfel nicht ganz so schön aussah: Dafür ist die innere Qualität hervorragend. Mit diesem Trostpflaster kann man heute niemanden mehr zum Kauf bewegen.

Wir Schweizer waren 2016, einmal mehr, Bio-Weltmeister im Pro-Kopf-Konsum. Das ruft nach einer Laudatio an Herrn und Frau Schweizer.

Darauf dürfen wir Schweizer auch stolz sein! Verwunderlich ist es allerdings wenig, denn die Schweiz hat weltweit eine der längsten Bio-Traditionen. Bereits vor 100 Jahren gab es die ersten Bio-Pioniere, und vor rund 30 Jahren produzierten schon 500 bis 1000 Betriebe biologisch. In anderen Ländern war man da noch nirgends. Das rief auch die Forschung auf den Plan; das FiBL wurde vor 44 Jahren gegründet – als weltweit erstes Forschungs- und Beratungsinstitut für den Bio-Landbau.

Welchen Anteil hat das FiBL an der Erfolgsgeschichte?

Nach der Phase der Pioniere bekam das FiBL eine dominante Rolle in der Entwicklung des Bio-Landbaus, in der Schweiz wie auch im Ausland. Nur: Es gibt nur die eine Geschichte; man kann also nicht sagen, was gewesen wäre, wenn das FiBL nicht gegründet worden wäre. Vielleicht wäre die Erfolgsgeschichte auch ohne FiBL gleichermassen geschrieben worden, vielleicht auch nicht.

Aktuell geben wir pro Jahr und Kopf 299 Franken für Bio-Produkte aus. Ist der Kulminationspunkt damit erreicht?

Ich bin jetzt seit 27 Jahren am FiBL und man diskutiert jedes Jahr, ob dieser Punkt nun erreicht sei. Ich bin überzeugt, der Bio-Anteil wird weiter wachsen – in der Schweiz wie in anderen europäischen Ländern. Gleichzeitig lernt der konventionelle Landbau auch vom Bio-Landbau. Der Bio-Landbau wird also nicht nur selber ein Trend bleiben, sondern auch Trendsetter für die konventionelle Landwirtschaft sein.

Ist die Schlagzeile: «Die Bio-Landwirtschaft hat 50 Prozent Marktanteil» eine Vision oder eine Illusion?

Das werde zumindest ich sicher nicht mehr erleben, heute haben Bio-Produkte einen Marktanteil von 8,4 Prozent. 10 bis 15 Prozent liegen aber in den nächsten Jahren sicher drin.

Sie kamen vor 27 Jahren zum FiBL. Lässt sich das Institut heute noch mit dem von 1990 vergleichen?

Nein, überhaupt nicht. (Lacht.) Wir starteten ähnlich wie Apple-Gründer Steve Jobs. Wir hatten in einem Keller ein kleines Labor und in der Garage zwei, drei Arbeitsgeräte. Gearbeitet haben wir mit zwei 286er-PCs. Wir waren knapp 20 Leute. Heute arbeiten hier in Frick fast 200 Personen mit dem modernsten Equipment. Man kann es auch im Zeitgeist sagen: Aus den Alternativen wurden hochprofessionelle Forscher.

Haben Sie selber mit einer derart rasanten Entwicklung gerechnet?

Nein. Ich kam vom Bund, führte dort ein kleines Team von drei Leuten. Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Am Anfang dachte ich manchmal: Ui, jetzt trägst Du die Verantwortung für 20 Mitarbeiter und musst einen Umsatz von zwei Millionen Franken erwirtschaften. Hoffentlich schaffst Du das.

Wie war es, mit diesem Druck zu arbeiten?

Hart. Die ersten fünf Jahre waren für mich ein Stahlbad. In dem Moment, in dem ich begriff, dass ich ein Unternehmer sein muss und kein Beamter, dass ich ein guter Kommunikator und Motivator sein muss, ging es bergauf. Aber auch dann hätte ich nicht damit gerechnet, dass wir einmal 30 Millionen Franken pro Jahr umsetzen und zum globalen Player mit Standorten in mehreren Ländern werden.

Verfolgt Sie der Gedanke «Hoffentlich schaffe ich das» auch heute noch?

Nein, seit rund zehn Jahren habe ich eine grosse Gelassenheit. Das hat viel mit der Erfahrung zu tun, aber auch damit, dass mir bislang alles gelang.

Gelungen ist Ihnen auch, eine Kooperation mit China aufzugleisen. Sind nun bald auch die Bio-Produkte «Made in China»?

Die gibt es heute schon. China ist ein wichtiger Exporteur von Bio-Produkten. Die Chinesen treiben die Bio-Offensive intensiv voran, denn darin sehen sie einen Weg, wie sie ihr schlechtes Image im Umweltbereich korrigieren können.

Und wie profitiert das FiBL von diesem Deal?

Durch gemeinsame Projekte. Die Chinesen haben begonnen, unser Know-how einzukaufen. Es wird auch Zeit, dass der «Return of Investment» nun einsetzt. In den letzten zwei Jahren haben wir nur investiert.

Weshalb dauerte es so lange?

Weil die Chinesen vorsichtige und zurückhaltende Menschen sind. Erst, wenn sie das absolute Vertrauen haben, fliesst etwas zurück. Das ist jetzt der Fall.

Erhoffen Sie sich auch einen Know-how-Gewinn?

Ja, besonders bei den Heilkräutern. Wir machen in der Schweiz die Erfahrung, dass Heilkräuter Tieren sehr gut helfen. In China gibt es Tausende Heilkräuter, die wir bei uns nicht kennen. Hier schlummert ein riesiges Potenzial. Aber auch beim biologischen Pflanzenschutz erhoffen wir uns Inputs. Diese Thematik hat bei uns hohe Priorität, denn zwei Landwirtschaftsinitiativen wollen aktuell konventionelle Pflanzenschutzmittel vollständig verbieten. Werden sie angenommen, ist die gesamte Landwirtschaft auf einen Schlag auf natürliche Mittel angewiesen.

Dann spielt Ihnen die gesellschaftliche Entwicklung in die Hand?

Die gesellschaftliche Entwicklung ist in der Tat auf unserer Seite. Der Einsatz von chemischen Produkten wird immer umstrittener, der Ruf nach natürlichen Lösungen lauter. Das ist für unsere Arbeit natürlich super, stellt uns aber auch vor ein Problem: Es gibt heute nicht sehr viele Alternativen zu den chemischen Präparaten. Wir müssen also Vollgas geben, um die gesellschaftliche Entwicklung tragen zu können.

Vollgas gab das FiBL auch bei den Mitarbeitenden. Von 20 auf 200 Mitarbeiter ging es in den letzten 27 Jahren. Geht es in diesem Stil weiter?

Schön wäre es natürlich! Aber eine langfristige Prognose abzugeben, ist schwierig, denn Investitionen in die Forschung unterliegen Schwankungen. Ich glaube aber schon, dass das Wachstum weitergeht. Wie stark, wird sich weisen.

Sie bezeichneten den Umzug vom Leimental nach Frick einmal als Quantensprung. Blieb es bei dem einen?

Nein, wir haben in den letzten Jahren einen zweiten gemacht: Durch unsere Arbeit konnten wir uns international einen Namen machen. Wir kamen aus der alternativen Ecke heraus und werden heute international ernst genommen. Das hat viele Türen geöffnet. Somit folgte auf den quantitativen Quantensprung ein qualitativer.

Dann haben Sie jetzt «ausgesprungen»?

Sicher nicht. Wir stehen nun unmittelbar vor dem dritten Quantensprung. Wir müssen die gesamte Infrastruktur für die nächsten 20 Jahre auf Vordermann bringen.

Sie investieren insgesamt gut 24 Millionen Franken. Der Kanton Aargau steuert dazu 11 Millionen Franken bei. Hand aufs Herz: Wie haben Sie den Regierungsrat herumgekriegt?

Viele Kantone engagieren sich derzeit stark in der Agrarforschung. Von da her war es naheliegend, dass der Kanton Aargau in «sein» landwirtschaftliches Forschungsinstitut investiert, schliesslich sind wir nicht nur das einzige auf Aargauer Boden, sondern sind gleichzeitig international bekannt.

Was bedeutet die Investition des Kantons?

Ohne das Engagement des Kantons könnten wir den Ausbau nicht stemmen.

Wie wichtig ist es, dass Sie investieren können?

Das ist matchentscheidend, um führend bleiben zu können. Das FiBL wird nach dem Umbau nicht mehr zu erkennen sein. Wir werden forschungsmässig auf dem neuesten Stand sein und gleichzeitig neue Arbeitsplätze schaffen.

Wie viele Arbeitsplätze werden geschaffen?

Ich rechne damit, dass in den nächsten Jahren 40 bis 50 Arbeitsplätze hinzukommen.

Fällt ein Teil des Investitionsvolumens für die Region ab?

Natürlich. Wir sind generell ein guter Auftraggeber für das regionale Gewerbe. Das wird auch beim Ausbau nicht anders sein.

Wie sieht der Zeitplan aus?

Mein Ziel ist es, im Frühling 2018 mit dem Bau zu beginnen und ihn Ende 2019 beziehen zu können. Allerdings ist es eine komplexe, grosse Planung und vieles hängt auch davon ab, wie der Kanton und die Gemeinde im Bewilligungsverfahren mitspielen. Ich hoffe sehr, dass keine unerwarteten Stolpersteine auftauchen, denn der Ausbau ist für uns zentral.

Wenn man selber ein Haus aus- und umbaut, dann kribbelt es in den Fingern. Man will, dass es möglichst schnell vorwärtsgeht. Haben Sie dieses Kribbeln als FiBL-Direktor bei diesem Projekt auch?

Ich werde in diesem Jahr 64. Mit dem Stiftungsrat bin ich übereingekommen, dass ich noch fünf Jahre mache. Und ich will noch mindestens ein, zwei Jahre im Neubau arbeiten. Sie sehen: Es kribbelt gewaltig.

Der Ausbau ist auch ein klares Bekenntnis zum Standort Frick. Weshalb eigentlich Frick?

Das war Zufall. Regierungsrat Ueli Sigrist wollte eine seiner Landwirtschaftsschulen verkaufen, wusste aber selber lange nicht, ob es Frick, Muri oder die Liebegg sein sollte. Insofern könnte das FiBL heute geradesogut an einem anderen Ort stehen. Zweimal prüften wir, als wir schon in Frick waren, alternative Standorte. Heute steht ein Wegzug nicht mehr zur Diskussion, da wir hier inzwischen derart viel investiert haben.

Das tönt nicht nach Liebe auf den ersten Blick.

Der Standort ist von den Böden her nicht ideal. Dafür ist er verkehrstechnisch gut an Basel und Zürich angebunden und liegt auch für unsere deutschen Mitarbeiter optimal: Sie können hier arbeiten und in Deutschland wohnen bleiben.

Was sagen die internationalen Gäste? Wo, um Himmels willen, ist Frick?

Nein, ihnen gefällt es landschaftlich hier ausgezeichnet. Mit dem Umbau will ich noch vermehrt internationale Konferenzen nach Frick holen. Das bringt auch dem regionalen Gewerbe weitere Wertschöpfung.

Das FiBL ist einer der grössten Arbeitgeber in Frick. Schätzt man das bei der Gemeinde?

Sehr sogar, und das war von Anfang an so. Ich erinnere mich noch sehr gut, als die Entscheidung anstand, ob wir nach Frick zügeln. Der damalige Gemeindeammann, Anton Mösch, kam nach Oberwil und sagte: Herr Niggli, kommen Sie nach Frick! Das hat mich sehr berührt. Diese zuvorkommende Haltung hat der Gemeinderat seither immer an den Tag gelegt.

Was wünschen Sie sich von der Gemeinde?

Vor allem, dass das Planungs- und Bewilligungsverfahren schlank abläuft. Daneben ist es zwingend, dass die Strasse ausgebaut wird; die heutige vermag den Verkehr nicht mehr zu schlucken. Schön wäre auch, wenn wir eine eigene Postautohaltstelle erhalten. Denn viele unserer Mitarbeiter kommen mit dem öffentlichen Verkehr.

Sie wollen das FiBL noch fünf Jahre führen. Macht man sich da schon Gedanken über einen Nachfolger?

Sicher macht man sich diese. Besonders gefordert ist da der Stiftungsrat. Der Erneuerungsprozess, wenn man ihn so nennen will, hat bereits eingesetzt. Ich bin derzeit daran, meinen Finanzchef, der ebenso lange im FiBL ist wie ich, zu ersetzen. Er ist mein Finanzgewissen und geht Ende Jahr in Pension. Meine Stelle wird wohl in rund drei Jahren ausgeschrieben. Ich bin zuversichtlich, dass wir einen tollen Nachfolger finden.

Können Sie sich selber einen Urs Niggli ohne FiBL vorstellen?

Ohne Probleme. Bis zu meiner Pensionierung werde ich rund 32 Jahre für das FiBL gearbeitet haben, und dies Tag und Nacht. Aber ich habe extrem viele andere Interessen, wie etwa die Kultur, die heute zu kurz kommen. Diesen werde ich mich nach meiner Pensionierung intensiv widmen können. Mit der gleichen Leidenschaft, wie ich sie heute für die Arbeit habe.

Rechneten Sie 1990, als sie die Stelle antraten, damit, so lange zu bleiben?

Überhaupt nicht. Meine beiden Vorgänger waren je sieben Jahre im Amt. Ich sagte zu mir: Wenn du auch sieben Jahre schaffst, kannst du dich glücklich schätzen. (Lacht.) Es gefiel mir so gut, dass ich sieben Jahre anhängte. Und das inzwischen viermal.