Kolumne
Unglaubliche Geschichten

Kolumne Evelyn Reimann über die verrückten Dinge des Lebens

Evelyn Reimann
Evelyn Reimann
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Eine schwerelose, magische Welt hinter den Glasscheiben des Aquariums.

Eine schwerelose, magische Welt hinter den Glasscheiben des Aquariums.

Im Film «Schindlers Liste» sind die unglaublichsten Szenen jene, die wirklich passiert sind. Das erfuhr ich von einem Universitätsprofessor für jüdische Geschichte. Was der Verstand bestenfalls als Zufall oder in diesem Fall als Hollywood-Kitsch verpönt, trägt die reale Handschrift des Lebens. Und das, was wir in diesem Film als glaubhaft annehmen, hat Hollywood als Ausschmückung hinzugedichtet.

Das Leben ist der verrückteste Autor. Es schreibt so verrückt, dass ein menschlicher Autor eine reale Geschichte verflachen, also dem begrenzten menschlichen Vorstellungsvermögen anpassen muss, damit die Leser sie überhaupt glauben.

In meinem letzten Roman schrieb ich ein paar Geschichten, die mir Bestatter und Sterbebegleiter erzählt haben. Unglaubliche Dinge, die im Moment des Todes geschehen, oder Zeichen, die Verstorbene ihren Hinterbliebenen schickten, wie zum Beispiel eine alte Frau, die sich noch ein paar Tage nach ihrem Tod bei ihrer Schwiegertochter für ihr bösartiges Verhalten entschuldigen kam. Es sei völlig real gewesen, die Schwiegermutter habe plötzlich in der Küche gestanden, sie sei lediglich erstaunt gewesen, aber sie erzähle es kaum jemandem, um nicht als verrückt zu gelten.

Ich las an einer Lesung solche Geschichten vor. Prompt kamen nachher zwei Personen und erzählten mir ihrerseits unglaubliche, aber tröstliche Geschichten mit Verstorbenen, die sie sonst eher für sich behalten, um nicht als Geistergeschichten-Erzähler abgestempelt zu werden.

Aber nicht nur in Schwellen-Situationen kann man dem Leben ab und zu hinter die Kulissen schauen. Eine Sängerin erzählte, wie sie als 12-Jährige im Zoo vor dem Aquarium stand – hinter dem enormen Glasfenster eine schwerelose, magische Welt. Plötzlich wurde ihre Aufmerksamkeit auf einen Vater mit zwei kleinen Mädchen gezogen. Es fiel ihr auf, dass die Kinder keine Jacken trugen, obwohl es Winter war, und zielstrebig ohne zu schauen durchs Aquarium liefen. Sie rannte hinter ihnen her. Beim Ausgang drehte sich eines der Mädchen um und schaute sie so intensiv an, dass sie es nie mehr vergass.

Jahre später traf sie ihre Lebenspartnerin, und irgendwann kam ihr ein Blitzgedanke: das Mädchen im Zoo war ihre Lebenspartnerin als Kind! Tatsächlich wohnte diese als Kind direkt neben dem Aquarium, da der Vater zu der Zeit als Biologe im Zoo gearbeitet hatte. Sie lief daher oft mit Vater und Schwester durchs Aquarium. Jacken waren nicht nötig – sie wohnte ja dort.

Sie selbst glaubt nicht an Zufall, sondern an das Echo der Zukunft: Man fühlt, was später geschehen wird.