Rheinfelden

Unfallfahrerin: «Mich störte etwas im Auge» – Opfer erhält Genugtuung

Der Unfall ereignete sich nach der Autobahnausfahrt Rheinfelden Ost. Archiv

Der Unfall ereignete sich nach der Autobahnausfahrt Rheinfelden Ost. Archiv

Der junge Mann kann bis jetzt weder richtig gehen, noch lange stehen, noch arbeiten – das Gericht spricht ihm 125'000 Franken zu. Er musste sich circa einem Dutzend Operationen unterziehen und war vier Monate in stationärer Behandlung.

Um fahrlässige schwere Körperverletzung ging es gestern vor dem Bezirksgericht Rheinfelden im Prozess gegen Claudia (Name geändert). Anfang September 2017 war es frühmorgens auf der A3 nach der Abfahrt Rheinfelden Ost in Fahrtrichtung Basel zu einem schweren Unfall gekommen – mit gravierenden gesundheitlichen Folgen für einen damals 23-Jährigen.

Die Beschuldigte war mit ihrem Transporter ungebremst auf einen vorausfahrenden, langsameren Rollerfahrer geprallt, der über 100 Meter über die Fahrbahn geschleudert wurde. Claudia hatte angegeben, dass sie den Motorroller nicht wahrgenommen habe. Sie sei kurz abgelenkt gewesen sei, weil sie ein Fremdkörper im rechten Auge störte und sie sich dieses für zwei Sekunden gerieben habe.

Vier Monate stationäre Behandlung

Für den damals 23-jährigen Martin (Name geändert) hatte der Unfall schwere Folgen. Tagelang schwebte er aufgrund der vielen, schweren Verletzungen in Lebensgefahr. Er wurde vier Monate stationär behandelt. Bis heute kann er nicht ohne Krücken laufen und nimmt starke Schmerzmittel. Ein Teil des Dünndarmes musste entfernt werden und beim Unfall wurde er an den Genitalien derart verletzt, dass er auf natürlichem Wege keine Nachkommen mehr zeugen kann. Seit dem Unfall musste er sich rund ein Dutzend Operationen unterziehen, weitere stehen ihm womöglich sein Leben lang bevor, wie sein Rechtsbeistand betonte.

Die Arbeitsunfähigkeit des jungen Polizisten beträgt seit dem Unfall 100 Prozent, da er weder gut gehen noch lange stehen oder sitzen kann. Medizinisch ist noch nicht geklärt, ob er überhaupt in den Beruf zurückkehren kann. Martin erzählte vor Gericht, wie er auch psychisch unter dem Unfall litt und ihn infolgedessen schliesslich seine langjährige Freundin verliess. Sein ganzes Leben sei auf den Kopf gestellt worden.

Die nächtlichen beruflichen Fahrten auf der Strecke war sich die 60-jährige Angeklagte gewohnt. Beim Unfall stand sie nicht unter Drogen- oder Alkoholeinfluss und war auch gesundheitlich nicht angeschlagen. Ohne Rücksprache mit einem Arzt nahm sie zu jener Zeit allerdings ein rezeptpflichtiges Antidepressivum ein, das sie von früheren Behandlungen noch hatte. Dieses wirke sich aber nicht auf die Fahrtauglichkeit aus.

Bei der Befragung durch Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab zeigte sich, dass ihre Erinnerungen an den Morgen nur noch lückenhaft sind. «Ich war so durcheinander. Ich habe gezittert und konnte kaum laufen», erklärte Claudia, die mehrfach in Tränen ausbrach. «Es tut mir so leid. Ich weiss nicht, was ich sagen soll.»

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Geldstrafe von 300 Tagessätzen à 110 Franken mit vierjähriger Probezeit sowie eine Busse von 2500 Franken beantragt. Als Privatkläger stellte Martin die Forderung, dass seine noch nicht festgelegten Schadenersatzforderungen im Grundsatz gutzuheissen und auf den Zivilweg zu verweisen seien. Zudem sei die Beschuldigte zur Zahlung einer Genugtuung von 125 000 Franken zuzüglich fünf Prozent Zinsen seit dem Unfalltag zu verurteilen.

Privatkläger erhält Genugtuung

Claudias Verteidigung kritisierte die ungewöhnliche Höhe der Genugtuung und plädierte dafür, diese auf den Zivilweg zu verweisen. Auch das Strafmass sei zu hoch bemessen. Sie forderte als Strafmass 90 Tagessätze à 30 Franken plus eine Busse in der Höhe von 1000 Franken.

Das Gericht setzte schliesslich eine Strafe von 200 Tagessätzen à 30 Franken mit zweijähriger Probezeit sowie eine Busse von 1500 Franken fest. Gemäss dem Antrag des Nebenklägers verurteilte die Richterin die Beschuldigte zur Zahlung der Genugtuung. Die Höhe begründete Lützelschwab mit dem immensen Ausmass des Unfalls und den immer noch ungewissen Folgen für Martin.

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