Fricktal
Um Friedhofspflicht zu umgehen: Deutsche lassen Urnen in Schweiz liefern

Deutschland kennt - anders als die Schweiz - die Friedhofspflicht. Doch daran wollen sich nicht alle halten. Zwecks angeblicher Naturbestattung landen Urnen bei Schweizer Bestattern. Und dieser Urnen-Tourismus nimmt zu.

Thomas Wehrli
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Letzte Ruhe: Rund 10 Prozent der Verstorbenen werden heute im Fricktal nicht mehr auf einem Friedhof beigesetzt. Tendenz steigend.

Letzte Ruhe: Rund 10 Prozent der Verstorbenen werden heute im Fricktal nicht mehr auf einem Friedhof beigesetzt. Tendenz steigend.

Keystone

Im Tod sind alle gleich, lehrt das christliche Urverständnis, doch der Umgang mit ihm ist für jeden anders. Wie man auf Gevatter Tod zugeht, hängt von den persönlichen Wertvorstellungen ebenso ab wie vom gesellschaftlichen Kontext, von den eigenen (Lebens-)Erfahrungen ebenso wie vom Lebensumfeld. Und es hängt nicht zuletzt davon ab, wo einen der Tod ereilt. Denn während Angehörige in der Schweiz mit der Asche des Verstorbenen weitgehend machen können, was für sie stimmt, kennt Deutschland die Friedhofspflicht.

Das Bedürfnis jedoch, die Urne des Verstorbenen zu Hause aufzustellen oder seine Asche der Natur zu übergeben, endet nicht an der Grenze. Und so hat sich in den letzten Jahren eine Art «Urnentourismus» etabliert. «Die Zahl der Anfragen von Angehörigen aus Deutschland nimmt laufend zu», bestätigt Berto Biaggi, Geschäftsführer der Bestattungsdienste Biaggi AG in Gipf-Oberfrick. Derzeit bekäme er rund eine Anfrage pro Monat.

Meist resultiert aus den Anfragen auch ein Auftrag. Der Ablauf dabei ist simpel: Biaggi bestellt beim deutschen Krematorium «zwecks Naturbestattung in der Schweiz» die Urne. Diese geht per Post nach Gipf-Oberfrick und wird dort von den Angehörigen abgeholt. Was dann passiert, also, ob die Asche wirklich in der Schweiz naturbestattet wird oder über die Grenze nach Deutschland zurückgeht, weiss Biaggi nicht. Letzteres ist zwar nicht erlaubt, «kommt aber sicher öfters vor», ist sich der Bestatter bewusst.

10 Prozent abseits vom Friedhof

Die Schweiz tickt in Sachen Tod liberaler. Jeder kann, wenn er will, die Urne eines Verstorbenen im Krematorium abholen und sie zu Hause aufstellen, die Asche verstreuen oder im eigenen Garten begraben. Biaggi schätzt, dass rund 10 Prozent der Verstorbenen im Fricktal heute nicht mehr auf dem Friedhof beigesetzt werden. Tendenz steigend.

Die Bestatter haben auf diesen Trend reagiert und bieten inzwischen spezielle Urnen an, etwa solche, die sich im Wasser auflösen, oder Spezialurnen, bei denen sich der Boden dezent öffnen lässt und die Asche direkt «Mutter Erde» übergeben werden kann. Reagiert haben aber auch Privatpersonen und Firmen. Sie bieten Bestattungen auf Alpen oder in Wäldern an. Seit gut einem Jahr gibt es einen solchen Waldfriedhof auf dem Buschberg oberhalb von Wittnau. Hier haben Gertrud und Hans Häseli mit weiteren Personen 50 Aren Wald übernommen. Wer will, kann sich hier einen von rund 300 Bäumen für 25 Jahre reservieren. Kostenpunkt: 2000 Franken. Ein Platz in der Gemeinschaftsgrabstätte kostet 500 Franken.

Das Interesse sei hoch, sagt Gertrud Häseli, die aufgelegten Flyer seien oft vergriffen. Bislang fand eine Bestattung statt, eine zweite folgt in den nächsten Tagen und für drei Bäume liegen Reservationen vor. Dass es noch nicht mehr sind, liegt für Häseli auch daran, dass eine Reservation eben immer auch bedeute, sich die eigene Endlichkeit einzugestehen.

Zudem: Längst nicht alle im Dorf haben Freude am Engagement von Häseli. Es gebe «Kreise im Dorf», so die Grossrätin der Grünen, die «grosse Mühe» mit dem Waldfriedhof haben. Einen Grund dafür ortet sie im nach wie vor weit verbreiteten katholischen Weltbild, wonach nur die Kirche das Recht hat, Menschen zu bestatten.

Noch 15 Prozent Erdbestattungen

Die Realität indes sieht anders aus. Die Zahl der Laien, die Trauerzeremonien vornehmen, steigt ständig, der Trauerredner – mit oder ohne theologischen Background – hat sich als Beruf etabliert. Im Gegenzug sinkt die Zahl der Erdbestattungen, für die auch in der Schweiz eine Friedhofspflicht gilt. Biaggi schätzt, dass sich im Fricktal noch rund 15 Prozent erdbestatten lassen. Eine Typologie kann der Bestatter nicht nennen, nur eine Annäherung: «Häufig sind die Menschen, die eine Erdbestattung wünschen, in ihrem Glaubensbild eher konservativ und schon älter.»

Für Bernhard Lindner, Gemeindeleiter von Oeschgen, stellt sich weniger die Frage, wie sich jemand bestatten lässt, als wie die Angehörigen mit dem Tod umgehen. Dabei stellt er eine zunehmende «Privatisierung» fest. Der Verstorbene wird im engsten Familienkreis beigesetzt und sein Tod bisweilen nicht einmal publik gemacht. Das hält Lindner für problematisch, denn «ein Mensch gehört nicht der Familie allein». Man müsse auch anderen in irgendeiner Form die Möglichkeit geben, Abschied zu nehmen.

Thomas Sidler, Pfarrer in Frick, formuliert es ähnlich: «Kein Mensch hat so zurückgezogen gelebt, dass niemand ausserhalb der Familie von ihm Abschied nehmen will.» Diesen Raum zu schaffen, hält er für essenziell. Wie und in welcher Form, das sei der Entscheid der Angehörigen.

Den Tod zumindest publik zu machen, ihn nicht totzuschweigen, dazu rät auch Berto Biaggi den Angehörigen. Viele unterlassen es, weil sie Angst vor einer Flut von Beileidsbekundungen haben. «Doch die Anteilnahme kann auch Kraft geben.» Im Tod steckt auch das Leben.

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