Am Sonntag entscheiden die Rheinfelder an der Urne, ob rund acht Hektaren Wald im «Wäberhölzli» gerodet, die Senke mit sauberem Aushubmaterial gefüllt und der Wald danach wieder aufgeforstet wird. Der Abstimmungskampf wird emotional und zum Teil mit harten verbalen Bandagen geführt.

Viel zur Emotionalität beigetragen hat die Vorgeschichte: An der Gemeindeversammlung im Dezember lehnten die Stimmberechtigten die Deponie zuerst ab, worauf rund 180 Deponiegegner den Saal vorzeitig verliessen. Rund eine Stunde später stellte FDP-Präsident Christoph von Büren einen Rückkommensantrag und in der zweiten Abstimmung kam die Deponie durch. Dagegen ergriff die IG «Nein zur Deponie im Wäberhölzli» das Referendum.

Die Deponiegegner sprachen nach der Gmeind von einem «Buebetrickli» und einem Missbrauch der demokratischen Rechte. Die IG sowie Walter Bender reichten gegen den Gemeindeversammlungsentscheid eine Beschwerde beim Kanton ein mit der Forderung, den zweiten Entscheid zugunsten des ersten zu kassieren. Das Departement Volkswirtschaft und Inneres lehnte beide Beschwerden ab.

Herr Mäder, der Abstimmungskampf um die Deponie «Wäberhölzli» wird hart und mit viel Emotionalität geführt. Überrascht Sie das?

Ueli Mäder: Nein, die Intensität der Auseinandersetzung ist gut verständlich. Beide Seiten verfolgen hehre Anliegen.

Was hat zu dieser Emotionalität geführt?

Natur ist emotional positiv besetzt, Deponie eher negativ. Diese Dualität polarisiert per se. Hinzu kommt das Prozedere mit den Abstimmungen.

Wie verhärtet sind die Fronten?

Vor einer Abstimmung sind die Haltungen verhärtet. Das ist auch okay so. Beiden Seiten liegt viel daran, sich durchzusetzen.

Wie ist es derzeit um die Rheinfelder Seele bestellt?

Ich stelle fest, dass viele Rheinfelder Seelen derzeit aufgewühlt sind.

Der Abstimmung ging eine denkwürdige Gemeindeversammlung mit einem Rückkommensantrag voraus. Wie viel trägt dieses «Buebetrickli», wie es die Deponiegegner nennen, zur jetzigen Situation bei?

Buebetrickli trainierten wir früher im Handball. Sogar mit einem späteren Polizeidirektor. Das hat auch etwas Spielerisches. Aber wenn schon, hier tricksten beide Seiten. Von daher richtet sich die moralische Entrüstung über die bösen anderen immer auch an die Adresse des eigenen Schattens.

Hat Sie die massive Opposition gegen die Deponie überrascht? Wie erklären Sie sich diese?

Nein, die Opposition ist durchaus nachvollziehbar. Sie will ja die Natur und die Tiere schützen. Wie die Befürworter der Deponie auch.

Lief im Vorfeld etwas mit der Kommunikation falsch?

Die Deponie erhielt ja schon früher einmal Zustimmung. Das führte vielleicht dazu, die Widerstände zu unterschätzen. Mittlerweile liegen viele detaillierte Fakten vor. Sie helfen, sich ein Bild zu machen. Und das ist wichtig. Kommunikation ist ein Prozess. Manchmal kann auch viel Information wenig klärend sein, wenn sie kaum aufgenommen wird. Wichtig ist Transparenz bezüglich grundlegender Fakten und Interessen.

Die Grundsatzfrage stellte sich nach der Gemeindeversammlung: Darf Demokratie alles?

Demokratie ist ein hohes Gut. Dazu müssen wir Sorge tragen. Auch, indem wir sie weiterentwickeln und vorhandene Teilhabe-Möglichkeiten ausweiten. Ab und zu bietet uns die direkte Demokratie auch wenig befriedigende Alternativen. Und da haben Gemeinden am ehesten die Möglichkeit, eine Vorlage weiter zu differenzieren. Aber das ist nicht immer möglich. Und dann ist ein breit oder mehrheitlich abgestützter Entscheid besser als einer, der substanziell vernünftiger daherkommt. Im konkreten Fall hielt sich die Gemeindeversammlung an demokratische Gepflogenheiten, die sie aber – von beiden Seiten her – auch etwas strapazierte. Das ist ein Lehrstück für alle.

Besonders die Befürworter der Deponie fahren nun eine Abstimmungskampagne, die ihresgleichen auf lokaler Ebene sucht. Den Abstimmungskampf lassen sich die Ortsbürger einiges kosten. Ist diese Massierung sinnvoll oder kontraproduktiv?

Offenbar sind keine Steuergelder im Spiel. Das würde wohl aufwiegeln.

Das Argument «Geld» taucht immer wieder auf. Die Gegner sagen: Es geht den Ortsbürgern nur um die Deponiegebühren. Selbst wenn dem so wäre: Ist das ehrrührig?

Das liebe Geld gehört zum Kalkül. Das sagen die Befürworter auch klar. Aber hier geht es nicht um eigennützige Profite.

Schwierig zu erklären ist, dass man einen Wald abholzen will, um ihn später wieder aufzuforsten. Wie schaffen die Befürworter diesen Spagat?

Ja, das ist ein Spagat. Und er weckt Irritation. Als Begründung dient der mittelfristige Nutzen. Auch für die Natur.

Es ist in Leserbriefen auch viel von einer «Spaltung» von Rheinfelden die Rede, zu welcher die Deponiefrage führt. Erleben Sie das auch so?

Ja, Rheinfelden ist in dieser schwierigen Frage teilweise gespalten. Allerdings fällt vielen Bürgerinnen und Bürgern der Entscheid auch schwer. Das hat auch etwas Verbindendes und zeigt, dass es keine Schwarz-Weiss-Angelegenheit ist.

Was kann man dagegen tun?

Jetzt sollen sich beide Seiten für ihre Anliegen intensiv engagieren und ihre Argumente plausibilisieren. Das bringt eine lebhafte Auseinandersetzung mit sich. Aber beide Seiten sollten auch nicht den Anschein erwecken, dass je nach Abstimmungsergebnis die Welt untergehe.

Was braucht es nach dem 5. Juni, um allfällige Gräben wieder zuzuschütten?

Wichtig ist ein respektvoller Umgang mit dem Entscheid. Die Kontrahenten müssen sich die Hand reichen – ohne die Verletzungen zu vertuschen. Aber Konflikte verbinden auch.