Steuerwettbewerb
Trotz hohen Steuern bleibt den Fricktalern mehr im Portemonnaie

Beim Vergleich des frei verfügbaren Einkommens der Privathaushalte glänzen die Fricktaler Gemeinden.

Andreas Fahrländer
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Die Steuern sind hoch im Fricktal - doch ebenso das frei verfügbare Einkommen.

Die Steuern sind hoch im Fricktal - doch ebenso das frei verfügbare Einkommen.

Keystone

Am vergangenen Samstag zeigte die az eine Karte mit den Steuerfüssen aller Aargauer Gemeinden für das Jahr 2014. Derzeit findet – insbesondere wegen bevorstehender Investitionen – eine allgemeine Trendwende zu steigenden Steuern statt. Was dabei auffällt: Während vor allem die Bezirke Baden und Bremgarten überwiegend im grünen Bereich liegen, erscheint das Fricktal zu grossen Teilen tiefrot. Viele Gemeinden haben hier einen Steuerfuss über 120 Prozent. Was bedeutet diese hohe Zahl für die betroffenen Gemeinden?

Was vom Lohn übrig bleibt

FVE-Wert, nach Abzug von Pendelkosten nach Basel)

Frick: 0,52
Laufenburg: 0,96
Münchwilen (AG): 1,0
Oberhof: 0,87
Obermumpf: 0,75
Rheinfelden: 0,39
Schwaderloch: 0,63
Sisseln: 1,19
Stein (AG): 0,35
Wittnau: 0,7
Aarau (Arbeitsort Aarau): 0,35
Basel (Arbeitsort Basel): -1,52

Regionalstudie zeigt anderes Bild

Wie überall in der Schweiz wird dem Steuerwettbewerb im Aargau grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Berücksichtigt man weitere Faktoren, bietet sich ein ganz anderes Bild. Die Regionalstudie der Neuen Aargauer Bank (NAB) zum Thema «Demografie, Wohnen, Immobilienmarkt» aus dem Jahr 2012 untersuchte das frei verfügbare Einkommen (FVE, siehe Grafik) der Privathaushalte im Kanton Aargau und den angrenzenden Gebieten. In der Studie ist zu lesen: «Unterschiedliche Immobilienpreise, Krankenversicherungsprämien, Familienzulagen sowie weitere Faktoren ergeben in der Summe erhebliche Differenzen zwischen den Wohnorten. Die finanzielle Wohnattraktivität einer Gemeinde wird durch das frei verfügbare Einkommen umfassend ausgedrückt.»

Frei verfügbarers Einkommen der Privathaushalte.

Frei verfügbarers Einkommen der Privathaushalte.

Grafik: Aargauer Zeitung Quelle: Credit Suisse Economic Research

Hier sieht die Situation ganz anders aus: Die Agglomerationen um Basel und Zürich sind tiefrot, während die Fricktaler Gemeinden äusserst positiv dastehen. Auch gegenüber dem Baselbiet ist das Fricktal sehr gut aufgestellt. Im Studienbericht heisst es zum Fricktal: «Trotz der Nähe zum Zentrum Basel liegt das frei verfügbare Einkommen in sämtlichen Gemeinden im oder über dem Schweizer Durchschnitt und damit deutlich höher als in den benachbarten Baselbieter Gemeinden.» Sprich: Die Fricktaler haben nach Abzug aller Fixkosten mehr im Portemonnaie.

Wittnau wächst

Das Beispiel Wittnau zeigt diese Diskrepanz sehr schön: Die Gemeinde hat mit 121 Prozent einen hohen Steuerfuss, beim frei verfügbaren Einkommen steht sie aber mit einem Wert von 0,62 gut da. Werner Müller, Gemeindeammann von Wittnau, erklärt: «Der Steuerfuss ist nur ein Faktor von vielen. Wichtiger als ein möglichst tiefer Steuerfuss sind für uns eine gewisse Kontinuität und eine gute Planung. Es stehen einige Investitionen an.» Wittnau ist in den vergangenen Jahren ein gutes Stück gewachsen. Werner Müller freut das: «Es braucht ein gewisses Wachstum. Bei uns war das durch Landverkäufe und Erschliessungen innerhalb der Bauzone möglich. Wittnau ist aber nach wie vor beschaulich.»

Landschaftliche Schönheit, eine attraktive Infrastruktur und bezahlbarer Wohnraum sind gerade für Neuzuzüger oft wichtiger als ein tiefer Steuerfuss. In der Studie der NAB ist zum Fricktal weiter zu lesen: «Nebst vielen Grünflächen, Wäldern und dem Rhein bietet es nämlich günstige Lebenshaltungskosten.» Etwas anders sieht es in Stein aus. Der Standort der grössten Produktionsstätte des Novartis-Konzerns hat durch die Steuern des Unternehmens einen tiefen Steuersatz von 98 Prozent.

Ein schöner Ort zum Wohnen

Das direkt benachbarte Obermumpf hat mit 125 Prozent einen der höchsten Steuerfüsse im Kanton. Der FVE-Wert liegt in Stein bei 0,35, in Obermumpf bei 0,46. Für eine Obermumpfer Familie mit Kindern kann das im Jahr einige tausend Franken mehr auf dem Konto ausmachen. Eva Frei, Gemeindeammann von Obermumpf, sagt dazu: «Bei uns ist der Steuerfuss etwas höher, dafür ist bei uns sonst vieles günstiger. Es gibt so viele Faktoren, warum man sich für eine Gemeinde entscheidet. Wir haben bei uns eine intakte Natur, viel Ruhe und gut gewachsene Strukturen mit vielen aktiven Vereinen, die das Dorfleben gestalten.» Eva Frei betont die Vorzüge des ländlichen Wohnens: «Aufgrund des Raumplanungsgesetzes haben wir gar keine Möglichkeit, grössere Firmen anzusiedeln. Dafür bieten wir jungen Familien einen schönen Ort zum Wohnen. Es gibt bei uns Lebensqualität und Zusammengehörigkeit.»

In Schwaderloch lebt sichs günstig

Dass der Steuerfuss nicht allein ausschlaggebend ist, zeigt auch das Beispiel Schwaderloch. Die kleine Gemeinde hat mit 126 Prozent den höchsten Steuerfuss im Kanton. Die Lebenskosten sind hier dafür umso günstiger, der FVE-Wert beträgt hier gute 0,63. Sämtliche Fricktaler Gemeinden haben einen Wert über dem Schweizer Durchschnitt und damit eine hohe Standortqualität.

Der Eindruck der tiefroten Gemeinden trügt. Betrachtet man die Lebenskosten, ist das Fricktal teilweise deutlich günstiger als andere Kantonsteile oder die angrenzende Agglomeration Basel. Im Fricktal gibt es nach wie vor günstigen Wohnraum, Baulandreserven und vor der Haustüre gepflegte Kulturlandschaften und unberührte Natur. Und nicht zuletzt haben die Fricktaler Gemeinden mehr Sonnenstunden als die Badener und Bremgarter.