Tageskarten

Trotz entflammter Reiselust: Den Gemeinden droht ein massiver Verlust

SBB-Tageskarten Tageskarte Gemeinde SBB Däniken Bahnreisen Tickets Bahnbillett

Wen das Fernweh packt, fährt mit den SBB-Tageskarten der Gemeinden günstig. Viele Kommunen halten trotz Verlust daran fest.

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Die Gemeinden haben im Coronajahr massiv weniger SBB-Tageskarten verkauft. Gansingen stellt den Verkauf ein.

Die Coronakrise hat sich massiv auf den Verkauf der SBB-Tageskarten ausgewirkt, welche die Gemeinden ihren Bewohnern anbieten. Besonders im April und Mai brach der Verkauf fast komplett ein, wie eine Umfrage der AZ unter den Gemeinden zeigt.

In Frick beispielsweise wurden im April gerade einmal 3 der 60 verfügbaren Karten abgesetzt. In Rheinfelden lag die Auslastung im April bei vier Prozent, in Kaiseraugst wurden im ersten Halbjahr insgesamt 390 Karten abgesetzt – gegenüber 621 in der Vorjahresperiode.

Ähnlich tönt es aus allen befragten Gemeinden. Wallbach verkaufte im ersten Halbjahr 39 Prozent der Karten (Vorjahr: 74 %), in Wittnau lag die Auslastung bei 47,74 Prozent (88,74 %), in Magden bei 50,73 Prozent (85,82 %) und Gipf-Oberfrick verzeichnete im ersten Halbjahr ein Minus von 43 Prozent.

Die gute Nachricht: Seit Juni, in einigen Gemeinden erst seit Juli, haben die Verkäufe wieder deutlich angezogen und zum Teil bereits fast wieder Vorjahresniveau erreicht. In Münchwilen wurden im Juli 98 und im August 97 Prozent der Karten abgesetzt, in Zeiningen waren es 97 und 92 Prozent.

«Die Maskenpflicht scheint die Reisenden nicht von der Benützung des ÖV abzuhalten», sagt Gianni Profico, Gemeindeschreiber in Zeihen. Auch in Zeihen, das im Verbund mit umliegenden Gemeinden 2 Tageskarten anbietet, lag die Auslastung im Juli über 95 Prozent.

Massiver Verlust aus ­Tageskarten-Geschäft

Profico bleibt bei einer Prognose für die nächsten Monate, wie alle Befragten, vorsichtig. Es werde sich weisen, ob dieser Trend im zweiten Halbjahr anhält. «Entscheidend wird auch sein, ob die Massnahmen weiter verschärft werden müssen und das Reisen im ÖV umständlicher wird.»

Doch selbst wenn die wieder entflammte Reiselust anhält: Den Gemeinden droht in diesem Jahr ein massiver Verlust aus dem Verkauf der Tageskarten. Was sonst knapp eine Nullrechnung ist (ohne Personalkosten), fährt nun zum Teil fünfstellige Verluste ein.

Gansingen will Tageskarten nicht mehr anbieten

In Rheinfelden, das sechs Karten pro Tag anbietet, rechnet man mit einem Minusertrag von 25'000 Franken, Zeiningen rechnet mit einem Verlust von rund 5700 Franken, Laufenburg beziffert das erwartete Defizit mit 7000 Franken und Mettauertal geht für seine beiden Karten von rund 10'000 Franken aus.

Ein Defizit in dieser Grössenordnung erwartet auch Mario Hüsler, Gemeindeammann von Gansingen. Seine Gemeinde reagiert nun als erste – und nimmt die beiden Tageskarten aus dem Budget 2021. Als Gründe nennt Hüsler neben dem jährlichen Defizit in vierstelliger Höhe, dass der Tageskarten-Verkauf nicht ein Kerngeschäft der Gemeinde sei, der Verkauf Personal binde und dass rund zwei Drittel der in Gansingen verkauften Tageskarten nicht an Einheimische gingen.

Enttäuscht hat Hüsler zudem, dass die SBB den Gemeinden – anders als den GA-Besitzern – finanziell nicht entgegengekommen sind. Die Gemeinde habe zweimal nachgehackt – «vergebens», wie Hüsler bedauert.

Diese Kritik teilen andere Gemeinden. «Diesem Ärger kann man sich anschliessen, zumal sich die SBB die Mehrkosten durch die Coronakrise beim Bund wieder hereinholen wollen», sagt Sascha Roth, Gemeindeschreiber von Stein, und auch sein Amtskollege Roger Erdin aus Rheinfelden hat die Handhabung der SBB als stossend empfunden. «Die SBB haben lediglich ganze Tageskarten-Sets, deren Laufzeit noch nicht bekommen hat, zurückgenommen.» Für Rheinfelden war so eine Rückerstattung nicht möglich.

Andere Gemeindeschreiber hingegen haben Verständnis für die SBB. Die Gemeinde-Tageskarte sei deutlich günstiger als eine reguläre Tageskarte zum Halbtax, sagt Michael Widmer, Schreiber in Frick. Er findet den Entscheid deshalb nachvollziehbar. Dem pflichtet sein Amtskollege in Gipf-Oberfrick, Urs Treier, bei. Es sei nachvollziehbar, dass ein (Teil-)Staatsbetrieb in einer solchen Situation nur den Privaten entgegenkomme.

Bislang verzichtet keine andere Gemeinde

Profico und Sheena Heinz, Gemeindeschreiberin in Zeiningen, verweisen darauf, dass es sich um gekaufte Karten handelt und das Risiko somit bei den Gemeinden liege. Marco Waser, Schreiber in Laufenburg, kann aufgrund der anderen Anspruchsgruppe – beim GA Pendler, bei der Tageskarte Ausflügler – den Entscheid der SBB «teilweise nachvollziehen».

Eine gute Nachricht gibt es für die Bahnfreunde, die gerne mit der Tageskarte «Gemeinden» verreisen: Ausser Gansingen hat bislang keine der 27 Fricktaler Gemeinden, die Tageskarten anbieten, einen Verzicht angekündigt. Bei vielen Gemeinden ist der Entscheid noch offen und wird im Rahmen der Budgetberatungen durch den Gemeinderat gefällt.

Beibehalten wollen die Tageskarten Rheinfelden (bislang 6 Karten pro Tag), Kaiseraugst (4), Wittnau (2; eher ja), Magden (3), Münchwilen (2), Zeiningen (3), Laufenburg (3), Wegenstetten (2) und Eiken (2). Sie alle argumentieren damit, dass es ein beliebtes Dienstleistungsangebot für die Einwohner sei.

Das letzte Wort hat dann aber ohnehin der Souverän; er kann die Tageskarten bei der Budgetberatung aus dem Budget eliminieren oder wieder ins Budget aufnehmen.

Das gilt auch für Gansingen. Der Gemeinderat sei sich bewusst, dass der Verzicht auf die Tageskarte ein Leistungsabbau sei, sagt Ammann Hüsler. Falls diese Dienstleistung weiterhin gewünscht sei und man dafür ein Minus in Kauf nehme, könne jeder an der Gmeind einen Antrag stellen. Passiert dies, «fällt uns sicher kein Zacken aus der Krone.»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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