Im Wald oberhalb von Oeschgen lebt ein Vertreter eines der grössten Lebewesen der Welt. Lotti Rösti steuert durch das Unterholz direkt darauf zu, zupft daran herum. Angst muss sie keine haben. Beim Lebewesen handelt es sich um einen Pilz, genauer: einen Hallimasch. «Vor einigen Jahren entdeckten Forscher in einem Naturpark im US-Bundesstaat Oregon ein Exemplar, das fast 900 Hektar gross ist», sagt Rösti. Dies entspricht ungefähr 1300 Fussballfeldern.

Die Pilzexpertin weiss gleich noch einige weitere Fakten über den Hallimasch. Etwa, dass er vor der gewöhnlichen Zubereitung fünf Minuten abgekocht und das Kochwasser anschliessend abgegossen werden muss, damit er geniessbar wird. Dass er sowohl lebende als auch tote Bäume befällt. Dass er sich durch ein Geflecht aus Fasern (Myzelien) unterirdisch ausbreitet. Und dass ebendiese Myzelien – stossen sie an die Oberfläche – in der Dunkelheit manchmal weiss leuchten, ähnlich einem Glühwürmchen. «Grund dafür ist eine chemische Reaktion», sagt Rösti.

Dürftige Saison 2016

Die 64-jährige Lehrerin ist nebenher seit vielen Jahren als ausgebildete Pilzkontrolleurin der Schweizerischen Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane tätig. Ihr Zuständigkeitsgebiet umfasst die Gemeinden Bözen, Effingen, Herznach, Hornussen, Ueken und Zeihen. Viel zu tun hatte Rösti in diesem Jahr als Kontrolleurin nicht. Die Pilzsaison im Herbst ist dürftig ausgefallen. Gerade wer auf Speisepilze aus war, dessen Körbchen dürfte in den allermeisten Fällen leer geblieben sein.

«Der Pilz ist ein sensibles Wesen. Die Bedingungen müssen stimmen, dass er überhaupt wächst», sagt Rösti. Dieses Jahr stimmten die Bedingungen allerdings nie wirklich. Erst fehlte die Feuchtigkeit, einmal «ein richtiger Landregen, der den Boden durchnässt», wie sie sagt. Dann, als Ende September endlich Nebel und Regen kamen, fielen die Temperaturen nachts gleich so tief, dass die Pilze nicht mehr spriessen wollten. Kommt hinzu: In diesen Tagen fallen bereits die Blätter von den Bäumen und verstecken die wenigen Pilze vor den Augen der Sammler. Lotti Rösti ist trotzdem in den Wäldern der Region unterwegs – auf der Suche nach dem Unscheinbaren. Sie mag die frische Luft, die Ruhe im Wald und dass sie hier den Kopf abschalten kann, den konzentrierten Blick auf den Boden gerichtet. «Beim Pilzeln vergeht die Zeit einfach schnell», sagt sie.

Alle Sinne benutzen

Trotz der vielen braunen, gelben und orangen Blätter entdeckt sie hie und da Pilze. Ein Falscher Eierschwamm etwa und wenige Meter weiter einige Saitenstielige Knoblauchschwindlinge. Rösti zupft einen Schwindling ab, reibt mit dem Daumen an dessen Lamellen. Und sofort wird klar, woher der knopfgrosse Pilz seinen Namen hat: Der Duft von Knoblauch verbreitet sich.

«Um einen Pilz zu bestimmen, braucht man alle Sinne», sagt Rösti. Das Sehen ist klar: Farbe, Form und Fundort geben einen Hinweis. Dann das Riechen, wie eben beim Knoblauchschwindling. Das Tasten, um die Konsistenz eines Pilzes zu definieren. Das Hören, weil einige Pilze beispielsweise so spröde Lamellen und harte Stiele haben, dass es knackt, wenn sie brechen. Und schliesslich das Schmecken. «Ich nehme ein kleines Stück Pilz in den Mund, kaue kurz und spucke es aus», erklärt Rösti. Der Geschmack gibt einen Hinweis. Der Grünblättrige Schwefelkopf zum Beispiel schmeckt bitter. Er ist leicht giftig und verursacht nach dem Verzehr Magenprobleme. Ein Gattungsgenosse hingegen, der Rauchblättrige Schwefelkopf, ist essbar. Er schmeckt nicht bitter und ist ein «schmackhafter, ergiebiger Speisepilz».

Von den rund 5000 Grosspilzarten, die in Europa vorkommen, kennt Lotti Rösti einige hundert. Ist sie sich bei einer Kontrolle nicht ganz sicher, ob ein Pilz geniessbar ist oder nicht, sortiert sie ihn aus. Kennt sie einen Pilz gar nicht, kann es durchaus vorkommen, dass sie ihn noch unter dem Mikroskop untersucht, weil sie unbedingt wissen will, um was es sich handelt.
Lotti Rösti geht nicht nur Pilzeln, um daraus ein Menü zu kochen. «Diese Lebewesen faszinieren mich – je mehr ich weiss, desto mehr möchte ich wissen», sagt sie. Dabei geht es nicht nur um die Pilze, sondern genauso um die komplexen Zusammenhänge im Ökosystem Wald. Etwa, welcher Pilz mit welchem Baum in einer Symbiose lebt. «Davon gibt es einige», sagt Rösti. Und sie kann auch gleich erklären, welche und warum.