Trockenheit
Das ist der Aargauer Problemfluss: Droht der «Sissle» in diesem Sommer erneut das Austrocknen?

Dem 18 Kilometer langen Gewässer droht einmal mehr das Austrocknen – und den Fischen darin der Hitzekollaps. Die Fachspezialisten beim Kanton haben die Sissle deshalb genau im Auge, um allfällige Sofortmassnahmen einleiten zu können. Im Hintergrund laufen derweil die Planungen für zwei Projekte, welche die Situation langfristig verbessern könnten. Eines davon sogar schon in den kommenden Wochen.

Hans Christof Wagner
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Im Sommer 2018 war der Bach auf der Höhe von Sisseln beinahe ausgetrocknet – und so könnte es auch 2022 kommen.

Im Sommer 2018 war der Bach auf der Höhe von Sisseln beinahe ausgetrocknet – und so könnte es auch 2022 kommen.

Nadine Böni (19. Juli 2018)

Der tägliche Blick ins Internet bereitet Christian Tesini, Fachspezialist Jagd und Fischerei beim Kanton Aargau, Sorge. Gerade einmal vier Liter Wasser pro Sekunde – also 0,004 Kubikmeter – betrug der Abfluss der Sissle am gestrigen Mittwoch gegen 14 Uhr bei der Messstelle in Eiken. Und das wenige Wasser, das noch fliesst, wird immer wärmer: 24 Grad Celsius. Für manche Fischarten schon ein kritischer Wert vor dem Hitzekollaps.

Kanton sistiert Wasserentnahme am Unterlauf

Und so hat der Kanton Anfang Woche denn auch reagiert. Er hat die Wasserentnahme am Unterlauf der Sissle, also unterhalb des Gemeindegebiets von Frick und Oeschgen, sistiert.

Neben dem Blick auf die aktuellen Werte von Abfluss und Pegel hat Tesini auch stets die Wettervorhersage im Blick: Wird es die kommenden Tage ausreichend regnen, um das Austrocknen der als «Problemfluss» geltenden Sissle zu verhindern? Tesini weiss:

«Wenn es nicht bald ergiebig regnet, reicht es nicht aus. Gewitter und kurze Schauer bringen nicht allzu viel.»

Wenn die Regenmengen nicht ausreichen, schätzt Tesini, dass die «Sissle» auch in diesem Sommer wieder austrocknen wird. So wie es in den vergangenen Jahren schon mehrfach geschah. Etwa in den Megasommern der Jahre 2018 und 2019, als der Fluss zwischen Juli und November in seinem Unterlauf teils fast komplett trockengefallen war und ein Fischsterben folgte. Dieses hätte noch schlimmer ausfallen können, hätte der Kanton zuvor nicht Notabfischungen vorgenommen.

Der Kanton führte zusammen mit den Pächtern an der Sissle im Juli 2018 eine Notabfischung durch.

Der Kanton führte zusammen mit den Pächtern an der Sissle im Juli 2018 eine Notabfischung durch.

Dennis Kalt (26. Juli 2018)

Abfischen sei erst ein Thema, wenn gar kein Wasser mehr fliesse, betont Tesini. Es könnte aber auch 2022 in Betracht kommen. Auch Urs Savoldelli, Sissle-Pächter im Abschnitt Sisseln, stellt sich schon darauf ein. Aber er gibt auch zu bedenken:

«Abfischen macht nur Sinn, wenn der Platz für die Fische andernorts da ist, entweder im Oberlauf der Sissle oder im Rhein.»

Und Savoldelli relativiert auch. Dass die Sissle austrockne, sei kein neues Phänomen und schon vor 80 Jahren vorgekommen. Schuld daran sei nicht nur der Klimawandel, sondern auch der Jurakalk und Kiesuntergründe, durch die das Bachwasser versickere.

Projekt zur Aufwertung kostet Millionen

Dennoch will der Kanton mit finanzieller Beteiligung der Anrainergemeinden Sisseln, Eiken, Oeschgen und Frick mit dem Projekt «Sissle 2030» jetzt massiv in den Fluss investieren. Projektleiter Silvan Kaufmann von der Sektion Wasserbau sagt, die Kosten stünden noch nicht fest. Er schätzt sie auf einen «mittleren zweistelligen Millionenbetrag». Rund sieben Flusskilometer von der Sissle-Mündung in den Rhein bis Frick seien betroffen.

Seit rund zwei Wochen schaffen im Abschnitt bei Oeschgen Bagger bereits testweise ein Gerinne, das auch bei Extremtrockenheit noch Wasser führt. Dieses sei nächste Woche fertig und werde den Sommer über beobachtet und bemessen. Von den Resultaten hängt dann auch die Ausgestaltung des Gesamtprojekts ab, das laut Kaufmann wohl erst 2024/25 starten wird.

Bereits in den kommenden Wochen startet zudem ein Projekt des WWF Aargau – ebenfalls mit dem Ziel, ein komplettes Austrocknen der Sissle künftig zu verhindern. Ein rund 200 Meter langer Flussabschnitt im Bereich Eiken soll dazu renaturiert werden.

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