Region

Traurige Bilanz: Stromleitungen werden Störchen zum Verhängnis

Camino nistete im letzten Jahr auf einem Baukran in Pruntrut.

Camino nistete im letzten Jahr auf einem Baukran in Pruntrut.

Neun Störche aus dem Fricktal bekamen für das Projekt «SOS Storch – Storchenzug im Wandel» einen Sender umgeschnallt. Sicher lebt nur noch einer von ihnen. Fünf Tiere kamen durch einen Stromschlag ums Leben.

Mit Camino hat das Fricktal seinen bekanntesten Storch verloren. Im letzten Jahr schaffte es der Jungstar aus Kaiseraugst sogar ins Schweizer Fernsehen. Weil er zusammen mit seiner Storchenpartnerin auf einem 30 Meter hohen Baukran in Pruntrut nistete, legte er den Kran nach Bauende kurzerhand lahm. Denn eine internationale Konvention, welche die Schweiz unterzeichnet hat, verbietet es, Nester von Störchen während der Bau- und Brutzeit zu entfernen.

Camino war einer von 86 Störchen, die für das Projekt «SOS Storch – Storchenzug im Wandel» mit einem Datenlogger versehen wurden. Die 40 Gramm leichten, solarbetriebenen Sender, die mit zwei Gummibändern unter den Flügeln hindurch auf dem Rücken der Störche befestigt werden, setzen täglich eine SMS mit fünf Koordinaten ab. Im Internet kann so die Zugroute jedes Senderstorchs mit- und nachverfolgt werden.

Ein Blick auf die Liste der Störche, die seit 2012 einen Datenlogger bekommen haben, verheisst nichts Gutes: Ein Grossteil der Einträge erscheint in roter Schrift. Rot steht für: Der Vogel ist tot. 54 der 86 Störche leben nicht mehr, bei 11 ist der Sender defekt und man weiss somit nicht, ob sie noch leben. Sicher noch am Leben sind damit nur 21 der 86 Störche. Das sind knapp 25 Prozent. Von den 19 weiteren Störchen, die zwischen 2012 und 2015 mit einem Satellitensender ausgestattet wurden, lebt mit Sicherheit gar nur noch jeder fünfte.

Nicht besser sieht die Bilanz bei den Störchen aus dem Fricktal aus. Insgesamt 9 wurden in Kaiseraugst (2), Möhlin (3) und Rheinfelden (4) seit 2012 mit einem Datenlogger versehen. Sechs von ihnen sind tot, bei zwei funktioniert der Sender nicht mehr. Damit weiss man nur von einem sicher, dass er noch lebt.

Malou II geniesst spanische Sonne

Munter ist Malou II, der am 21. Juni 2014 als «Altvogel» in Möhlin besendert wurde. Er lässt es sich gerade, wie jeden Winter, in und um Alcázar de San Juan, einer Stadt mit 30 000 Einwohnern in der Provinz Ciudad Real, gut gehen. Bei viel Sonnenschein und aktuell Temperaturen von 15 bis 17 Grad interessieren ihn wohl weniger die regionalen Sehenswürdigkeiten wie Windmühlen oder der Torreón del Gran Prior als vielmehr die nahe gelegene Deponie, auf der sich Malou II täglich den Bauch vollschlägt. Bald schon wird auch er wieder zurückfliegen – in sein Heimatdorf Möhlin, wo er in der Regel den Grossteil des Sommers verbringt. Anders als Camino, der seiner Kinderstube, dem «Adler» in Kaiseraugst, bei seiner ersten Rückkehr aus Spanien, 2017, nur eine Stippvisite abgestattet hat und sich dann im Jura und im Elsass niederliess, zieht es Malou II jedes Jahr aufs Neue ins Fricktal.

Ungewiss ist es bei Hermes und Thierry, ob sie noch leben. Hermes erhielt als Nestling im Juni 2014 in Möhlin einen Datenlogger – nur ein Monat später brach das Signal ganz in der Nähe der Storchenstation ab, im Dezember 2015 wurde sein Ring laut Storch-Schweiz-Website in Spanien gefunden. Bei Thierry, der im Juni 2017 als Nestling in Rheinfelden besendert wurde, stieg der Datenlogger schon nach wenigen Tagen aus; es handelte sich um ein bereits gebrauchtes und repariertes Gerät. Ob Thierry noch lebt, ist ungewiss.

Stromleitungen als Todesursache

Häufige Todesursache ist, wie bei Camino, der Stromtod. Die Störche fliegen in Starkstromleitungen oder kommen um, wenn sie auf den Masten landen wollen und dabei die Leitung mit dem Flügel berühren. Einige Tiere wurden auch abgeschossen.

Wie verhängnisvoll Stromleitungen für Störche sein können, zeigt allein schon der Blick auf die zu Tode gekommenen Fricktaler Störche: 5 der 6 Tiere kamen durch einen Stromschlag ums Leben. Auffallend dabei: Viele Störche kommen in ihrem ersten Lebensjahr um. «Die Hälfte der Jungstörche überlebt das erste Jahr nicht», bilanzierte Holger Schulz, Projektleiter von «SOS Storch – Storchenzug im Wandel», vor einiger Zeit gegenüber der AZ. Die Störche hätten noch wenig Erfahrung und seien im Fliegen ungeschickter als die älteren Tiere. «Es kommt deshalb immer wieder vor, dass ein Storch in eine Stromleitung fliegt und stirbt.»

Jérôme zum Beispiel. Der Storch bekam im Juni 2016, mit acht Wochen, auf dem Storchennestturm in Rheinfelden einen Datenlogger umgeschnallt. Nur vier Wochen später wird er tot gefunden – direkt unter der Starkstromleitung im Naturschutzgebiet Burstel in Möhlin. Er kam nicht weit.

Ganz anders seine Schwester Zoé. Sie bekam ebenfalls am 17. Juni 2016 auf dem Storchennestturm einen Sender umgeschnallt und flog, anders als viele Artgenossen, über Spanien hinaus nach Marokko. Hier, auf einer Hochebene rund 25 Kilometer südlich von Ksar-el-Kebir und damit rund 1800 Kilometer von zu Hause entfernt, verunglückte Zoé am 8. Oktober 2016 beim Anflug auf einen Freileitungsmast, wo sie wohl übernachten wollte.

Ebenfalls durch einen Stromschlag kamen die beiden Fricktaler Störche Appollo und Calima ums Leben – beide in der Region um das katalonische Lerida, dort also, wo im Januar auch Camino zu Tode kam.

Apollo wurde samt Logger in einer Obstplantage unter einer Hochspannungsleitung gefunden. Der Logger war noch intakt und konnte ausgelesen werden. Damit stehen von Apollo sämtliche Detaildaten – die Logger senden zwar nur eine SMS mit fünf Koordinaten pro Tag, zeichnen jedoch die Bewegungen im 20-Minuten-Rhythmus auf – zur Verfügung. Diese Detaildaten haben die Projektverantwortlichen ins Internet gestellt. Sie können mit Google Earth angesehen werden.

Der einzige der sechs toten Fricktaler Datenlogger-Störche, der nicht durch einen Stromschlag ums Leben gekommen ist, ist Gallus. Der Jungstorch aus Kaiseraugst musste im Juli 2014, vier Wochen nach seiner Besenderung, mit einem infizierten Beinbruch eingefangen und später, im November 2014, eingeschläfert werden.

Verwandte Themen:

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Meistgesehen

Artboard 1