Kolumne von Regula Laux

Trächtige Pferde und suspekte Kunstwerke: Grenzwertige Grenzerfahrungen

Wünschen Sie sich auch manchmal, auf einer einsamen Insel zu leben – fernab von Zwistigkeiten, Tratscherei und Machtgehabe? Ich schon. Aber spätestens, wenn ich eine gute Freundin drücke, ein Glas Wein in netter Runde trinke, eine Diskussion zu einem spannenden Thema führe … verfliegen derlei Wünsche ganz schnell.

Doch ab und zu beschleicht mich das Gefühl, schon auf einer Insel zu leben – hier in der Schweiz. Nein nicht mit karibischer Sonne, Meeresrauschen und Kokosnüssen, aber mit Zöllnern, Grenzen, Formularen und (irrsinnigen) Paragrafen. Beispiele gefällig? Meine erste grössere «Grenzerfahrung» hatte ich mit unseren Pferden, die wir flexibel zwischen Deutschland und der Schweiz hin- und herbewegen wollten. Freipass oder Carnet ATA heissen die Zauberformeln.

Alles lief bestens, doch eines Tages wurde unsere Stute trächtig. So brachten wir also eine dicke Stute nach Deutschland – zum Glück bestand ich darauf, dass der Zöllner ‹tragend› in die Papiere eintrug – und standen einige Monate später wieder am gleichen Grenzübergang mit unserer dünneren Stute, zu der sich ein putzmunteres Hengstfohlen gesellt hatte.

Die vermeintlich natürlichste Sache der Welt wurde zum Riesenproblem: Das Kontingent sei erschöpft, der Grenzübertritt von zwei Pferden daher unmöglich, ich solle im nächsten Jahr wiederkommen … Zum Glück fand ich nach zähem Ringen einen Zöllner, der gesunden Menschenverstand walten liess. Aber bscht, nicht weitersagen, der Fall ist noch nicht verjährt!

Beispiel Nr. 2: Im Moment haben wir im Rehmann-Museum in Laufenburg eine spannende Ausstellung mit Werken des in Rekingen lebenden iranischen Künstlers Behrouz Varghaiyan und seines Pariser Freundes Gilbert Peyre. Klingt doch alles ganz easy bisher, oder? Wäre da nicht der Transport der Exponate gewesen von Paris nach Laufenburg. Die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland war kein Problem, die zwischen Deutschland und der Schweiz aber schon.

Um die Sache zügig über die Bühne zu bekommen, erkundigte ich mich schon Wochen vor dem Grenzübertritt über die Zollformalitäten. Und da die guten Zöllner ja auch mal ausspannen müssen, und mich einer zum anderen schickte, erhielt ich bei jedem Vorgespräch eine andere Auskunft und, was noch schlimmer war, ein anderes Formular.

Mal hiess es, ich müsse eine Kaution hinterlegen, mal, dass ich Zoll zahlen müsse. Mal bestand man auf die Anwesenheit des Künstlers beim Übertritt der suspekten Kunstgegenstände – deren Einzelteile notabene fast alle vom Schrottplatz oder von Trödelmärkten stammen –, mal hiess es, dass das nicht notwendig sei.

Als ich am Tag X der Grenzüberschreitung siegessicher und mit prall gefüllter Formularmappe erschien, alles fein säuberlich ausgefüllt, erklärte mir der Zöllner, dass er sich die Sache nochmals überlegt habe und dass es diese ganzen Formulare nicht brauche. «Vielen, vielen Dank», entfuhr es mir zu meinem grossen Erstaunen in einem netten Säuselton, während ich innerlich kochte, weil der Zöllner plötzlich genau die Argumente brachte, mit welchen ich ihm schon vor Wochen versucht hatte klarzumachen, dass es den ganzen Formularkram doch nicht brauche.

Beispiel Nr. 3: Hier noch ganz kurz eine Geschichte meiner Tochter: Sie, die als Deutsche und Schweizerin in der Schweiz aufgewachsen ist mit der Muttersprache Hochdeutsch und nun in Deutschland studiert, wollte die Uni wechseln. Nur dumm, dass mit dem Wechsel der Hochschule von Ulm nach Neu-Ulm auch ein Wechsel des Bundeslandes verbunden war. Nun verlangten sie doch tatsächlich im Bundesland der Wunsch-Hochschule eine B1-Sprachbescheinigung in Deutsch von meiner Tochter. Nein, ohne diese Bescheinigung könne sie leider nicht zugelassen werden zum Studium, schliesslich komme sie aus der Schweiz! Eben doch von der Insel, der Insel Helvetia.

*Regula Laux führt zusammen mit ihrem Mann eine Kommunikationsagentur in Laufenburg, sie ist Geschäftsführerin des Rehmann-Museums und im Stiftungsrat von Pro Argovia.

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