Fricktal

Tote Hose am Abstimmungssonntag: Ist die Urne ein Auslaufmodell?

Bild mit Seltenheitswert: Stimmberechtigter bei der persönlichen Stimmabgabe. Key

Bild mit Seltenheitswert: Stimmberechtigter bei der persönlichen Stimmabgabe. Key

Zwei bis acht Prozent der Wähler geben ihre Stimme noch persönlich ab – zumeist aus Tradition.

Da steht sie. Einsam, verlassen. Kaum jemand beachtet sie noch. Sie ist längst zu der grauen Maus mutiert, die sie nie werden wollte: die Wahlurne. Früher, ja, das waren noch Zeiten! Da standen die Stimmberechtigten Schlange, oft bis auf die Strasse hinaus; sie kamen herbeigeströmt, um sie zu sehen, um sie mit ihrem Stimmzettel zu füttern. Die Urne war ein Star.

Und heute? Tote Hose. Der Zettel-Hunger der Wahlurne wird schon lange nicht mehr gestillt. Gerade noch eine Handvoll Menschen, meist älteren Semesters, finden an den Abstimmungssonntagen den Weg ins Wahllokal noch. Der Rest stimmt brieflich ab, so er denn überhaupt stimmt.

In Frick kamen am Sonntag 37 Stimmrechtsausweise an die Wahlrune – bei insgesamt 1399 abgegebenen Stimmrechtsausweisen. In Zeihen klaubte man nach der halben Stunde, in der das Abstimmungslokal noch offen hat, 11 Stimmrechtsausweise aus der Wahlurne. Das sind 2,7 Prozent der abgegebenen Stimmen. Immerhin elf Personen, ist man geneigt zu sagen, die der einst gefeierten Box noch ihre Aufwartung machen. Gianni Profico, Gemeindeschreiber von Zeihen, dämpft selbst diese MiniEuphorie: «Ehegatten können sich an der Urne vertreten», sagt er. Es sei also nicht so, dass auch alle Personen den Weg unter die Füsse nehmen müssen.

Auch in Möhlin, Gipf-Oberfrick und Oeschgen wird die Wahlurnen-Anhängerschaft stets kleiner. In Gipf-Oberfrick bringen heute noch zwischen 50 und 70 Personen ihren Wahl- oder Abstimmungszettel persönlich vorbei. «Vor acht Jahren waren es 100 bis 120 und vor 15 Jahren noch rund 200 Personen», erinnert sich Gemeindeschreiber Urs Treier.

An ein Revival wie bei den Popsternchen, die es bisweilen auf die Bühne zurückspült, glaubt bei der Wahlurne niemand. Sie werde es «in den nächsten fünf bis zehn Jahren wahrscheinlich nicht mehr brauchen», wagt Roger Wernli, Gemeindeschreiber von Oeschgen, eine Prognose. Auch Profico gibt der Wahlurne keine Zukunft. «Sie wird durch die briefliche Abstimmung und durch E-Voting ersetzt.»

Elektronische Stimmabgabe kommt

Letzteres sehen alle befragten Schreiber als neues Sternchen am Wahlhimmel. Treier geht davon aus, dass sich E-Voting in den nächsten fünf bis sieben Jahren durchsetzen wird. «Die briefliche Stimmabgabe kann dadurch aber nicht ersetzt werden», ist Marius Fricker, Gemeindeschreiber in Möhlin, überzeugt.

Doch weshalb nehmen die Menschen im Zeitalter des «Systems jederzeit» den Weg überhaupt noch unter die Füsse, um ihre Stimme persönlich abzugeben – und dies erst noch am frühen Sonntagmorgen, manch ein Nachtschwärmer würde sagen: mitten in der Nacht? Aus Tradition, sind sich die Gemeindeschreiber einig. «Die Möglichkeit der Stimmabgabe an der Urne beinhaltet etwas Folklore und hat sicher auch einen traditionellen Geist», sagte Michael Widmer, Gemeindeschreiber in Frick. Dies ist für ihn nichts Negatives. «Die Demokratie ist ein wichtiges Gut, dem es Sorge zu tragen gilt. Folglich ist es sicher richtig, wenn bei technischen Änderungen Rücksicht auf bisherige Traditionen und Gewohnheiten genommen wird.»

Oft werde der Urnengang mit einem Spaziergang oder dem Frühschoppen kombiniert, weiss Profico. Andere verbinden die Stimmabgabe mit dem Kirchgang. In Oeschgen etwa rufen die Kirchenglocken zur Messe, wenn das Wahllokal wieder schliesst. Für Wernli mit ein Grund, dass knapp sieben Prozent der Oeschger ihre Stimme noch persönlich abgeben. «Vorwiegend ältere Leute», so Wernli, was zum Altersschnitt der Kirchgänger passt.

Nach jungen Fans indes hält die Wahlurne vergebens Ausschau. Meist, zumindest: «Bei einer der letzten Abstimmungen kam ein Vater mit seinen Kindern vorbei, um ihnen anschaulich zu zeigen, wo die Stimmabgabe erfolgt», sagt Widmer. Das tat der Metall-Seele gut, davon muss sie zehren. Wenn sie wieder dasteht. Einsam, verlassen.

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