Laufenburg
Täglich grüsst der Stau – 17 statt 3 Minuten für zwei Kilometer

Im Feierabendverkehr geht es nur im Schritttempo durch das Städtchen Laufenburg. Da bleibt nicht jeder Autofahrer ruhig und besonnen. Beobachtungen einer Staufahrt.

Thomas Wehrli
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Warten auf die nächsten Meter: Das Staustehen gehört am Abend in Laufenburg für viele zum (fast) täglichen Ritual.

Warten auf die nächsten Meter: Das Staustehen gehört am Abend in Laufenburg für viele zum (fast) täglichen Ritual.

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Das wars. Nichts geht mehr. Deutlich vor der Ortstafel von Laufenburg beginnt der allabendliche Stau in Richtung Stadt, Grenze und Mettauertal. Wegen der Deutschen, wettern viele Schweizer, denn die Alemannen benutzen «unsere Strassen» als Abkürzung auf dem Heimweg. Wegen der Schweizer, kontern Deutsche, denn die Eidgenossen, sparsam im Wesen, verstopfen den Grenzübergang, weil sie noch rasch im Laufenpark ihr Abendessen oder andere Nützlichkeiten shoppen wollen.

Für die gut zwei Kilometer lange Strecke quer durch Laufenburg braucht man tagsüber keine drei Minuten. Am Abend sind es in penetranter Regelmässigkeit zwischen 10 und 30 Minuten. Alltagsbeobachtungen aus dem Stau.

16 Minuten...

... und 37 Sekunden dauert meine Fahrt auf der Baslerstrasse quer durch Laufenburg. Normalerweise benötigt man für die gut zwei Kilometer lange Strecke weniger als drei Minuten. Dennoch: Im Vergleich zu anderen Tagen, an denen man bis zu 30 Minuten im Stau steht, ist es eine rasante Fahrt.

17.38 Uhr. Alles sieht rot. Bremsleuchte an Bremsleuchte. Es wirkt, so denke ich mir, während ich Gang um Gang Richtung Stillstand schalte, wie eine rote Schlange, die sich in Richtung Städtchen schlängelt. Hungrig auf jeden Meter kämpft sie sich im Schutz der hereinbrechenden Nacht voran. Die Realität, der olle Stau, holt einen schnell vom Philosophen-Ross.

Der Prosecco muss warten

17.39 Uhr. Rot scheint auch mein Vordermann zu sehen. Er, Mitte 40, wohlproportioniert, mit der Lizenz zur Glatze, wirft die Arme in die Höhe, verzieht den Mundwinkel zu einem unflätigen Wort (das zumindest «lese» ich in seinem Rückspiegel), greift zum Handy und telefoniert. Was er wem wohl sagt? Vielleicht: Darling, ich komme etwas später, stell den Prosecco schon mal kühl. Oder: Paul, halte die Kunden bei Laune, bis ich da bin. Passen würde beides. Zu ihm in seinem Armani-Anzug (geraten, könnte auch ein Boss sein). Zum Auto, einem Audi, schwarz, von der ganz teuren Sorte, mit vierstelliger Nummer.

17.40 Uhr. Blick in die Büros von Swissgrid. Fleissig, fleissig, in vielen brennt noch Licht – und sind auch noch Menschen zugegen. Einer schaut wie gebannt in seinen PC; wohl weitsichtig, denn er klebt gefährlich nahe am Bildschirm. Ein anderer schlüpft gerade in seinen Mantel. Das wird er Ende 2017, so er dann noch im Unternehmen ist, ein letztes Mal tun. Dann wird der Stromnetzbetreiber seine Büros von Laufenburg und Frick nach Aarau zügeln. Der Protest war immens, als das Unternehmen den Standortwechsel vor rund zwei Jahren kommunizierte. Genützt hat es nichts. Es bleibt beim Lichterlöschen. Ziel ist es, dass die frei werdenden Räume weiter gewerblich genutzt werden. Kein einfaches Unterfangen.

17.42 Uhr. Sieben Kilometer pro Stunde. Ein Hochgefühl.

17.43 Uhr. Die Ortstafel von Laufenburg. Mit Laufen wäre man in der Tat schneller auf der Burg.

17.45 Uhr. Vom Kraftwerk Laufenburg her möchte eine junge Dame, ganz adrett, mit ihrem Fiat 500, ganz in Rot, in unsere Kolonne einfahren. Sie schaut nach links, schaut zu uns, schaut nach links, schaut zu uns. Wir würden sie gerne in unser Stausteher-Team aufnehmen. Aber jedes Mal, wenn sie anfahren will, kommt ein Lichterpaar von Laufenburg her herangebraust – oder treffender: herangekrochen. Nach einer Minute verliert sie die Geduld, stellt den Blinker von links nach rechts um und fährt in die Gegenrichtung davon.

17.46 Uhr. Vorbei an der Überbauung Rhypark, die im Dunkeln liegt. Noch. Ende November werden die ersten Käufer ihre Wohnung in einem der sieben Häuser beziehen. Die Siedlung mit gesamthaft 92 Wohnungen wird das Stadtbild verändern. Den Verkehrsfluss ebenso.

17.47 Uhr. Höhe Oil!-Tankstelle. Eine Angestellte wischt gerade den Vorplatz. Einmal links, einmal rechts. Ich schaue gebannt zu; im Stau ist alles, was sich bewegt, spannend. Einige Meter und Minuten weiter beobachte ich eine ältere Frau, wie sie mit ihrem Staubsauger durch ein Büro saust. Ich werde noch zum Putzexperten – zumindest in der Theorie.

Mehrzweckstreifen statt Kreisel

17.48 Uhr. Ankunft bei einem Stau-Corpus-delicti, der Einmündung der Kaisterstrasse. Dieses Nadelöhr ist mit schuld am zähen Verkehrsfluss (neben den Deutschen, natürlich). Seit Jahren sucht man nach einer Lösung für diesen Flaschenhals. Mal stand ein runder Kreisel zur Diskussion, mal warf der Löwe unter den Gartenbauern einen ovalen ins Spiel. Beide Rundungen haben längst ausgebrüllt. Heute ist ein «Mehrzweckstreifen» das Mass aller Dinge. Ob er was bringen wird? Die einen glauben daran. Die anderen glauben, dass sich vorher der (Kaisten-)Berg von selber versetzt. On verra, 2016.

17.50 Uhr. Die Auslage bei der Bäckerei Maier in Laufenburg hat ebenfalls Feierabendstimmung. Ein älterer Herr mit Hut klaubt Münz aus dem Portemonnaie und zahlt das Holzofenbrot, das die Verkäuferin umwickelt und auf den Tresen legt. Sieht lecker aus. Mann bekommt Hunger.

17.51 Uhr. Ein Teenager taucht aus dem Nichts auf, hastet ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen über den Fussgängerstreifen, eilt Richtung Bahnhof davon. So wird er nicht alt.

17.52 Uhr. Es rollt! Gang zwei erlebt ein Revival. Für 300 Meter.

17.53 Alles steht im Kreisel. Schwindlig wird es bei diesem Kreisfahr-Tempo garantiert keinem. Glücklich, wer da – wie ich – geradeaus in Richtung Mettauertal (oder Sulzertal, damit die Kirche im Dorf bleibt) davondüsen kann. Alle anderen brauchen weiterhin ein Pedal voll Geduld, bis sie die Rheinbrücke überquert haben. Nicht etwa, weil die Planer just heute nach den 54 Zentimetern fahnden, die sie 2004 verloren haben. Nein, ganz einfach deshalb, weil gefühlte 90 Prozent der Stausteher die 225 Meter lange Brücke und den Zoll passieren wollen. Haben Sie etwas zu verzollen? Nur meine Nerven.

17.54 Uhr. Heureka! Nach 16 Minuten und 37 Sekunden ist meine Stauzeit zu Ende. Auf ein Neues. Morgen.

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