Der Ständerat will die Strahlenschutzvorschriften für Handyantennen nicht lockern. Am Montag lehnte er eine entsprechende Motion mit 22 zu 21 Stimmen ab – gegen den Willen des Bundesrates und der Swisscom, die schweizweit das Handynetz auf die neue 5G-Technologie aufrüsten will.

Ohne höhere Grenzwerte werde der Aufbau des 5G-Netzes länger dauern und lückenhaft bleiben, warnt Swisscom.

Evelyn Reimann, Tochter von SVP-Nationalrat Maximilian Reimann, freut sich über den Entscheid des Ständerates. Denn die 38-Jährige aus Gipf-Oberfrick hat ein Problem: Sie leidet unter Elektrosensibilität – was ihr Hausarzt bestätigte.

Die Diagnose bedeutet für Reimann, dass sie auf elektromagnetische Funkstrahlung mit körperlichen Problemen reagiert. «Kopfschmerzen, Herzrasen, Schlaflosigkeit, Muskelstarre oder Erschöpfung gehören zu den Symptomen», erklärt sie.

Gegen Strahlung, die von Antennen ausgeht, konnte sich Evelyn Reimann bisher gut schützen: «Durch Schutznetze, spezielle Fensterscheiben und neue Erdungen konnte die Funkstrahlung vom Haus abgeschirmt werden», sagt sie. Ausserdem habe sie immer im Kellerbüro geschlafen, denn die Mobilfunkstrahlung dringe nicht durch den Beton.

«Es geht gar nichts mehr»

Jetzt beschert der 38-Jährigen aber ein neues Problem schlaflose Nächte: Vectoring. Die Swisscom nutzt die neue Technologie, um mehr Datenvolumen über Kupferkabel zu leiten – vor allem auf dem Land, so Reimann. «Die Emission des Vectorings durchdringt auch Beton. Es ist unmöglich, sich abzuschirmen.»

Evelyn Reimann, Autorin von zwei Büchern, wollte eigentlich beginnen, einen dritten Roman zu schreiben. «Als dann aber das Vectoring auftrat, ging gar nichts mehr.» Doch es gibt eine Alternative zur für Reimann schädlichen Technologie: Glasfaserkabel. Diese würden nicht strahlen.

Laut einem Bericht der «NZZ am Sonntag» hat Evelyn Reimann nun rechtliche Schritte ergriffen, um die Swisscom dazu zu bringen, in Gipf-Oberfrick neu Glasfaser- statt Kupferkabel zu verlegen. Ihr Vater ist Co-Präsident der parlamentarischen Gruppe nichtionisierende Strahlung und plädiert für eine technologisch fortschrittliche, aber gesundheitlich unbedenkliche Kommunikationsinfrastruktur.

Loris Fabrizio Mainardi, der Reimann mit Rolf Stephani rechtlich vertritt, sagt der AZ: «Wir fordern das Departement Bau, Verkehr und Umwelt primär auf, das Umweltschutzgesetz richtig anzuwenden.»

Darin sei verankert, dass unnötige Störemissionen vermieden werden müssten – auch wenn ihre Strahlung als nicht gesundheitsgefährdend eingestuft wird. Mainardi: «Im Gegensatz zum Gebrauch von Mobilfunkantennen gibt es beim Internet eine modernere Alternative: Glasfaserkabel.» Für den Rechtsvertreter steht fest: «Um kurzfristig Geld zu sparen, zögert die Swisscom mit dem Vectoring die Aufrüstung auf Glasfaserkabel hinaus und meine Mandantin leidet darunter.»

Reimann ist, seit sie der zusätzlichen Strahlenbelastung ausgesetzt ist, auf der Suche nach einem Ort, wo sie endlich wieder leben und schlafen kann. «Am liebsten möchte ich zu Hause sein. Ich finde es skandalös, dass ich im eigenen Dorf nicht mehr wohnen kann.»

Laut ihrem Rechtsvertreter haben sich bisher weder das kantonale Departement Bau, Verkehr und Umwelt noch die Swisscom zum Problem geäussert. Das Telekom-Unternehmen werde aber bis Mitte März Stellung nehmen.