Gemeindeseminar

Streit um Verkehrsplanung: «Das Fricktal geht nicht vergessen»

Verkehrsdrehscheibe im oberen Fricktal: Bus und Bahn stehen am Bahnhof Frick zur Verfügung.

Verkehrsdrehscheibe im oberen Fricktal: Bus und Bahn stehen am Bahnhof Frick zur Verfügung.

Das Fricktal geht beim nächsten Ausbau des Bahnangebots im Personenverkehr leer aus. Kantonsvertreter versuchten Fricktaler Gemeinderäte in Frick zu beruhigen. Die Region sei gut erschlossen und neues Rollmaterial werde meist zuerst hier eingesetzt.

«Das Fricktal ist in Sachen öffentlicher Verkehr anderen Regionen oft einen Schritt voraus», sagte Jürg Bitterli, Projektleiter Angebotsplanung öffentlicher Verkehr des Departements Bau, Verkehr und Umwelt, am Gemeindeseminar. So sei beispielsweise neues Rollmaterial meist zuerst im Fricktal im Einsatz.

Zudem sei das Fricktal auch gut erschlossen. Zur Illustration zog er Reisezeiten heran: Wittnau-Baden in 37 Minuten, Zeihen-Zürich in 48 Minuten oder Gansingen-Olten 53 Minuten.

Befürchtungen wegen Güterverkehr

Mit diesen Ausführungen versuchte Bitterli Vorwürfe zu kontern, das Fricktal gehe im Aargau vergessen. Anlass dafür hatte die «Botschaft S-Bahn Aargau 2016» gegeben, in welcher das Fricktal unerwähnt bleibt (die az berichtete). Im nächsten Schritt würden die anderen Regionen erst aufholen und auf den Stand des Fricktals gebracht, so Bitterlis Tenor.

Grossrat Roland Agustoni, der schon im Kantonsparlament Kritik geäussert hatte, liess dies nicht gelten: «Der Ausbau der Linie Stein-Laufenburg ist trotz Sisslerfeld vergessen worden. Das ist ein Fehler.» Er forderte spätestens nach dem Ausbau des Bözbergtunnels Doppelstockzüge auf der S1-Linie.

Hans Ruedi Rihs, Leiter öffentlicher Verkehr Kanton Aargau, entgegnete, dass Doppelstockzüge auch Nachteile hätten – beispielsweise die längeren Ein- und Aussteigezeiten. Zudem könne nicht einfach eine einzige Linie mit anderem Rollmaterial ausgerüstet werden, da die Züge nicht tagein, tagaus auf der gleichen Linie verkehren.

Mit dem Ausbau des Bözbergtunnels sollen auch die Zugfolgezeiten von heute vier auf drei Minuten verkürzt werden. Hauptsächlich um die Kapazität für Güterzüge zu erhöhen. Mehrere Gemeindevertreter befürchteten daher, dass der Personenverkehr künftig vom Güterverkehr überrollt werden könnte. Auch hier versuchte Hans Ruedi Rihs, die Befürchtungen zu entkräften. «Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es keine Verdrängung geben wird», so der Leiter öffentlicher Verkehr. Er gab aber auch zu: «Ein Ausbau des Personenverkehrs ist kaum mehr möglich.»

Unterschiedliche Erwartungen

Angestossen wurden diese Diskussionen durch zwei Grundlagenreferate von Carlo Degelo, Leiter Verkehrsplanung und von Hans Ruedi Rihs. Degelo zeigte mögliche Entwicklungen im Verkehr auf. Es brauche eine Koordination zwischen Strasse und Schiene und eine Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden. Die Gemeinden seien auch angehalten, bei der Siedlungsplanung an den Verkehr zu denken. «Es sollten nicht alle Erschliessungen direkt auf eine Hauptverkehrsstrasse erfolgen», so Degelo.

Rihs zeigte die Spannungsfelder auf, in denen der öffentliche Verkehr steckt. So stiegen in der Schweiz seit dem Jahr 2000 die Anzahl der Personenkilometer auf der Strasse um 5,5 Millionen und auf der Schiene um 6,8 Millionen. Prozentual beträgt der Anstieg auf der Strasse 7 Prozent und auf der Schiene 50 Prozent. «Dies braucht neue Infrastruktur», rief Rihs den Anwesenden in Erinnerung. Auch die Erwartungen an den öffentlichen Verkehr stiegen stetig – und seien teilweise gegenläufig. Während öV-Nutzer hohen Komfort und günstige Preise erwarten, möchten die Automobilisten den Bahnverkehr nicht quersubventionieren.

«Die Stärken des öffentlichen Verkehrs liegen im urbanen Raum», so Rihs’ Fazit. Und: Ein vernünftiger Kostendeckungsgrad erfordere eine vernünftige Nachfrage. In diesem Sinne erwähnte er nochmals den gewünschten Ausbau des Personenverkehrs. «Die Passagiere müssen immer wieder den Nachweis erbringen, dass die Linien frequentiert sind», appellierte er an die Nutzer des öffentlichen Verkehrs.

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