Eine spannende Rechtsfrage gab es am Mittwoch vor dem Rheinfelder Bezirksgericht schon vor dem eigentlichen Fall zu beurteilen: Muss Gerichtspräsident Christoph Lüdi in den Ausstand treten, weil er im Haftverfahren gegen den Angeklagten eine Verfügung an dessen Anwalt unterzeichnet hatte? Das zumindest forderte die Staatsanwaltschaft im Vorfeld. Richter Lüdi betonte vor der Verhandlung zwar, unbefangen zu sein und mit der Verfügung keinen «materiellen Entscheid» gefällt zu haben. Die Frage aber muss nun vom Obergericht beurteilt werden.

So führte das Bezirksgericht erst einmal nur die Befragungen des Beschuldigten und der Zeugen durch, ohne eine anschliessende Urteilsberatung und ohne ein Urteil zu fällen. Aber auch so blieben einige Fragen offen. Unbestritten ist, dass es in der Nacht vom 16. auf den 17. März in der Asylunterkunft in Wegenstetten zu einem heftigen Streit gekommen ist. Hanad*, ein 28-Jähriger aus Somalia, kochte zu später Stunde in der gemeinsamen Küche und hörte dabei Musik. Und zwar so laut, das sich seine Mitbewohner darüber aufregten. Einer von ihnen, Faisal*, forderte Hanad auf, die Musik leiser zu drehen, ansonsten müsse er die Polizei rufen.

Ins Badezimmer geflüchtet

Was danach passiert ist, darüber gehen die Versionen weit auseinander. Faisal schilderte, Hanad habe zu einem langen Küchenmesser gegriffen und ihm dieses mehrere Male mit der flachen Seite auf den Arm geschlagen. Ausserdem habe er versucht, ihn in den Bauch zu stechen. Er habe aber ausweichen und sich ins Badezimmer flüchten können. «Er ist mein Freund. Ich hätte ihn nie mit einem Messer angreifen können», behauptete hingegen Hanad. Allerdings gab er zu, an dem Abend betrunken gewesen zu sein. «Ich kann mich nicht an alles erinnern. Der Vorfall ist mir ein grosses Rätsel.» Er sei erst wieder zu sich gekommen, als die Polizei ihn bereits festgenommen hatte.

Tatsächlich: Ein in der Nacht von der Polizei durchgeführter Atemalkoholtest ergab beim Beschuldigten einen Wert von 0,93 Milligramm pro Liter. Das entspricht ungefähr 1,8 Promille.

Wenig Licht ins Dunkel bringen konnten – oder wollten? – auch zwei Zeugen, beide damals Mitbewohner. Einer von ihnen hatte versucht, die Streithähne zu trennen, und anschliessend die Polizei alarmiert. Vor Gericht nun verweigerte er die Aussage mit dem Hinweis, er habe Angst vor einer Racheaktion. Das Gericht liess das gelten. Der zweite Zeuge erzählte, er habe den Streit zwar gehört, kurz seine Zimmertür geöffnet und Hanad mit dem Messer in der Hand vor Faisal stehen sehen. Aber: «Ich bekam Angst und habe die Tür rasch wieder geschlossen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.»

Verteidiger fordert Freispruch

Die Staatsanwaltschaft forderte in ihrem Plädoyer eine unbedingte Freiheitsstrafe von 20 Monaten wegen versuchter schwerer Körperverletzung. Ausserdem soll Hanad wegen einer Alkoholabhängigkeit ambulant therapiert werden. Er sei ausserdem für zehn Jahre des Landes zu verweisen. Der Verteidiger hingegen forderte einen Freispruch für seinen Mandanten. Es sei nicht bewiesen, dass Hanad mit dem Messer auf Faisal losgegangen sei – geschweige denn, dass er diesen schwer habe verletzen wollen. Hanad wiederum entschuldigte sich vor Gericht und bei Faisal. Dieser gab ihm nach der Befragung sogar die Hand.

Offen ist, wie es nun weitergeht. Entscheidet das Obergericht, dass Christoph Lüdi tatsächlich in den Ausstand treten muss, so muss ein anderes Bezirksgericht den Fall übernehmen. Darf Lüdi ein Urteil fällen, so wird dieses den Parteien schriftlich zugestellt.

* Namen geändert