Ein Thema bewegt in Gipf-Oberfrick die Gemüter seit zwei Wochen: die geplante Norderschliessung des Dorfes. Die neue Strasse, die weiter zum Fricker Bahnhof führt, soll quer durch den Bauernhof der Familie Hinden führen – und diese ist damit gar nicht einverstanden.

Besser gesagt: Sie ist es nicht mehr. Denn in ersten Gesprächen signalisierte die Familie, dass sie sich eine Lösung – etwa eine Aussiedlung – vorstellen kann. Dann, eine Woche vor der geplanten Infoveranstaltung, zog sie die Reissleine. Dies begründete sie gegenüber der az damals so: «Wir haben lange abgewogen, doch am Schluss mussten wir sagen: Die Variante ‹Mitte› hatte für uns nur Nachteile.»

Die Gemeinderäte von Frick und Gipf-Oberfrick zogen die Infoveranstaltung dennoch durch, stellten die langwierige Planung vor (sie dauert nun schon elf Jahre), zeigten die geprüften Streckenvarianten, darunter eben auch jene durch Hindens Hof, sagten, dass man diese favorisiere und sagten, fast am Schluss, dass die Familie Hinden damit nicht einverstanden sei.

Das Erschliessungsgebiet in der Vogelperspektive mit dem Bahnhof Frick (rot), dem Gewerbegebiet Gipf-Oberfrick (blau), der Bauzone Gipf-Oberfrick (gelb) und dem Bereich der möglichen Anschlüsse (pink).

Das Erschliessungsgebiet in der Vogelperspektive mit dem Bahnhof Frick (rot), dem Gewerbegebiet Gipf-Oberfrick (blau), der Bauzone Gipf-Oberfrick (gelb) und dem Bereich der möglichen Anschlüsse (pink).

«Schlechter Stil»

Diese Aussage, die fast «en passant» erfolgte, wie es eine Versammlungsteilnehmerin empfand, «hat viele Leute vor den Kopf gestossen». Das sei «schlechter Stil» gewesen, doppelt ein zweiter Teilnehmer nach. Beide wollen, wie die übrigen neun Gipf-Oberfricker, mit denen die az gesprochen hat, namentlich nicht erwähnt werden.

Einig sind sich alle in einem Punkt: Eine derart grossflächige Enteignung, wie dies im Fall der Familie Hinden der Fall wäre, geht nicht. «Entweder man findet eine Lösung mit der Familie Hinden – oder die Variante ‹Mitte› ist gestorben», sagt ein Gipf-Oberfricker. So denken viele im Dorf.

Signal von der Gemeinde erwartet

Und noch in einem Punkt herrscht weitgehend Einigkeit: «Der Gemeinderat muss schnellstmöglich ein Signal senden, wie es weitergeht.» Mache er dies nicht, sondern bringe den Planungskredit im Juni einfach vors Volk, «wird er Schiffbruch erleiden». Ein anderer spricht von einem «Scherbenhaufen», den man so anrichten würde, von einer Belastungsprobe für das Dorf, die es unbedingt zu vermeiden gelte.

Ein Alteingesessener fordert vom Gemeinderat «eine klare Führung» in diesem Geschäft. Er müsse nun schnell aufzeigen, wie er weitergehen wolle. «Nur so kann er die Verunsicherung im Dorf auflösen». Diese sei hoch, sagen mehrere Einwohner. Das Thema «emotionalisiert stark», sagt einer. «Es wird nicht mehr um die Sache diskutiert, sondern um Stil und Vorgehen.» Und natürlich das Schicksal der Familie Hinden, das, so spürt man, vielen am Herzen liegt.

Die az fragte bei der Gemeinde nach dem klaren Signal nach und stellte 13 Fragen. Etwa zu den den Rückmeldungen aus dem Dorf oder zum weiteren Vorgehen. Der Gemeinderat wolle derzeit keine Auskunft geben, sagt Gemeindeschreiber Urs Treier. Man führe Gespräche, auch mit der Familie Hinden, analysiere die Situation und berate das Vorgehen. Dieses wolle der Gemeinderat bis Ende April festlegen.

Auch die Familie Hinden will sich derzeit nicht weiter äussern. «Das Dorf soll etwas zur Ruhe kommen», beantworten Gabriela und Theo Hinden eine Interviewanfrage der az. «Die Bevölkerung von Gipf-Oberfrick ist ziemlich aufgewühlt.»

Ab durch die Mitte?

Zur emotionalen Komponente kommt hinzu, dass sich die Gipf-Oberfricker nicht einig sind, ob die Variante «Mitte» überhaupt eine gute Lösung ist, immer vorausgesetzt, man findet eine Einigung mit der Familie Hinden. «Es stimmt an der Variante mehr, als nicht stimmt», sagt eine Gipf-Oberfrickerin. Die Norderschliessung löse die Frage des Langsamverkehrs zum Bahnhof, erschliesse das nördliche Gemeindegebiet gut und entlaste gleichzeitig den Bahnhofplatz von Frick vom Durchgangsverkehr.

Gerade beim Stichwort «Frick» sehen derweil andere rot. «Die Einzigen, die profitieren, sind die Fricker», ärgert sich ein älterer Gipf-Oberfricker. So sei es ja immer und so sei es auch diesmal: «Frick bekommt eine Dorfumfahrung – und wir bezahlen sie.» Er ist nicht allein mit seiner Meinung. Seine Worte zeigen: Der alte Graben zwischen den beiden Dörfern besteht nach wie vor und tritt immer dann zutage, wenn sich eine Gemeinde von der anderen übervorteilt fühlt.

Selbst die Befürworter der Variante «Mitte» müssen einräumen: Das Ei des Kolumbus ist es nicht. Während die einen finden, man müsse eben mit Abstrichen leben, fordern andere, dass man ebendies nicht macht und «die einzig vernünftige» Lösung umsetzt, einen Tunnel durch den Bahndamm. Dass ein solcher rund 16 Millionen Franken kosten würde und die Gemeinden dies als «nicht finanzierbar» bezeichnen, ändert ihre Meinung nicht. «Man gibt Geld auch für Dümmeres aus.»

Ein Gipf-Oberfricker vergleicht es mit einer Familie, die mit einem Wohnwagen in die Ferien will, aber nicht viel Geld ausgeben mag. Sie kauft sich einen kleinen Wohnwagen mit spärlicher Ausrüstung. «Ein Teil der Familienmitglieder muss draussen schlafen und essen muss man gestaffelt, weil es zu wenig Geschirr hat.» Befriedigend seien solche Ferien zwar nicht – aber günstig. Er fordert, wie andere auch, einen Schritt zurückzumachen und eine Lösung zu suchen, die langfristig funktioniert. Es brauche einen «grossen Wurf», fordert ein Alteingesessener, der den Verkehr aus dem Dorf bringe. Wie dieser Wurf aussehen soll, kann er allerdings auch nicht sagen.

In Gipf-Oberfrick wartet man gespannt auf die Signale aus dem Gemeindehaus. Und von der Familie Hinden. Klar scheint: Wenn sie nicht will, ist die Variante ‹Mitte› bereits Geschichte. Denn auf einen Rechtsstreit, «darf man sich nicht einlassen».