Kaiseraugst

Storchenvater bangt um die Jungstörche – ihr Überleben hängt gar vom Wetter ab

Das Storchen-Weibchen mit den vier Jungtieren im Horst beim Schulhaus in Kaiseraugst.

Das Storchen-Weibchen mit den vier Jungtieren im Horst beim Schulhaus in Kaiseraugst.

Kälte und Nässe setzen den Jungstörchen in Kaiseraugst zu. Vom Wetter am Wochenende hängt sogar ihr Überleben ab.

Es ist ein sorgenvoller Blick, den Storchenvater Urs Wullschleger an diesem Freitag aus seinem Wohnzimmerfenster Richtung Schulhaus wirft. Dort, auf einer Platane, nisten zwei Störche. Das Männchen steht auf dem Horst, das Weibchen sitzt im Nest und schützt so die vier Jungtiere, die vor wenigen Tagen geschlüpft sind.

Etwas später, der Journalist ist bereits wieder auf dem Weg zum Auto, steht auch das Weibchen auf, und man erahnt die flauschigen Umrisse der Köpfchen der Jungstörche.

Was Urs Wullschleger Sorgen bereitet, ist das Wetter. Die ganze Nacht über hat es geregnet und auch am Freitag fällt immer wieder Niederschlag. Die Temperaturen sind für diese Jahreszeit im Keller. Auch am Wochenende ist zum Teil heftiger Regen angesagt – bei nicht einmal ganz zehn Grad. «Das sieht nicht gut aus», meint Wullschleger, schüttelt den Kopf.

Denn die Jungstörche, zwischen zwei und zehn Tagen alt, sind jetzt besonders anfällig. Wird ihr Flaum nass und ist es kalt, bekommen sie leicht eine Lungenentzündung. «Dann ist es um sie geschehen.»

Die nächsten Tage heisst es für Wullschleger und die Storchenfreunde im Fricktal deshalb: hoffen und bangen. Aktuell sind in Kaiseraugst neun Paare am Brüten. Das sind gleich viele wie im letzten Jahr, allerdings ist ein neuer Horst am Rhein entstanden. Ein Männchen hat ihn gebaut, wartete dann. Und wartete. Und wartete auf die Holde – bis sich nach zwei Wochen doch noch ein Weibchen zu ihm gesellte.

Leer geblieben ist dafür der Horst bei der Reitanlage. Diesen baute ein Pärchen im letzten Jahr neu, legte auch Eier. Dann kam das Männchen unter den Zug. Das Weibchen fand zwar einen neuen Partner, dieser schmiss aber, quasi als erste Liebeshandlung, die Eier aus dem Nest.

Die beiden sind in diesem Jahr nicht auf den Horst zurückgekehrt. «Unbekannt verzogen», schmunzelt Wullschleger, der nur zu gut weiss, dass die Wahrscheinlichkeit, dass einer oder beide Störche im Süden umgekommen sind, nicht klein ist. Immer wieder kommen Meldungen aus Spanien: Storch XY ist tot.

Wieder blickt Wullschleger, der von seiner Wohnung aus freie Sicht auf drei Horste hat, zum Nest auf der Platane. Dass die Jungen hier überleben, ist ihm besonders wichtig. Denn eine Lehrerin beteiligt sich mit ihrer Klasse am Programm «Storchenforscher» von Storch Schweiz. «Die Schüler sind begeistert dabei», sagt Wullschleger. Sie warten schon darauf, dass die Störche beringt werden – und sie ihnen Namen geben können.

Offiziell tragen die Störche Nummern als «Namen»; die Eltern der vier Schulhaus-Jungstörche heissen «Storch HES SH 565» und «723». «Das kann sich niemand merken», meint Wullschleger. Deshalb gäbe man ihnen zusätzlich normale Namen. Das Storchenpaar beim Schulhaus heisst Papageno und Papagena.

Wie viele Jungstörche überleben, wagt Wullschleger bei den aktuellen Wetterkapriolen nicht abzuschätzen. Er hoffe, dass 15 bis 20 überleben, meint er, zuckt die Schultern. «Wenn es ganz schlimm kommt, sind es nur eine Handvoll.» Jeder Storch brütet zwischen zwei und fünf Eier aus.

Gefahr lauert sechs Wochen lang

Er sei schon sehr angespannt, räumt Wullschleger ein – und wird es die nächsten Wochen noch bleiben. Denn die Gefahr ist erst gebannt, wenn die Jungstörche rund sechs Wochen alt sind. Dann ist ihr Gefieder dicht und sie halten auch Regen und Kälte aus.

Wullschleger macht regelmässig eine Runde durch das Dorf, klappert alle Horste ab und schaut, ob alles im grünen Bereich ist. Machen kann er nichts, wenn es nicht so ist. «Das ist die Natur», sagt er. Dies ist für ihn, der sich seit 1991 mit viel Herzblut für die Störche im Dorf einsetzt, auch der Trost in einem schlechten Storchenjahr. Die Natur reguliere den Bestand bei den anderen Vögeln genauso, sagt er. «Bei den Störchen fällt es einem einfach mehr auf.»

Im Fricktal brüten die Störche nur in drei Orten, neben Kaiseraugst in Möhlin und Rheinfelden. Weshalb nicht in anderen, in Mumpf etwa, wo es auf dem Kirchturm einen Horst hat, kann Wullschleger nicht sagen. «Das ist eines der Rätsel, für die ich keine Antwort habe.»

Neuer Horst geplant

Eine Antwort hat Wullschleger dafür auf die Frage, wie viele weitere Horste es in Kaiseraugst verträgt. «Sicher einen», sagt er und nennt auch gleich den Ort, an dem er entstehen soll: Auf dem Gebäude der Ortsbürger hinter der ehemaligen «Sonne». Damit liegen dann vier Horste im Dorfkern; insgesamt sind es mit dem geplanten Horst elf auf Kaiseraugster Boden.

Wullschleger, der jedes Jahr aufs Neue fasziniert ist von «seinen» Störchen, wünscht sich für die nächsten Wochen vor allem eines: «Schönes und wärmeres Wetter.» Wieder lacht er. Aber der eine oder andere Regenschauer müsse dann trotzdem sein. «Denn wenn es wie im letzten Juni sehr lange trocken ist, finden die Störche nur noch schwer Futter.»

Erneut prasselt ein Regenguss auf das Storchenpaar im Schulhaus-Horst. Das Männchen steht wie angewurzelt am Rand des Horstes, bewegt sich nicht. «Hoffentlich läuft das Wasser richtig ab», murmelt Wullschleger. «Sonst haben die Jungen keine Chance.»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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