Stein

Statt Bücher gibt es kaputte Radios – nun appelliert die Gemeinde: «Bücherbox ist kein Altpapierdepot»

Seit April 2018 in Betrieb: die Bücherbox bei der Steiner Poststelle. (Bild: Dennis Kalt)

Seit April 2018 in Betrieb: die Bücherbox bei der Steiner Poststelle. (Bild: Dennis Kalt)

In Steiner Mini-Bibliothek werden zuweilen kaputte Bücher hinterlegt – andernorts Radios und Haushaltsgeräte. Nun appelliert die Gemeinde

So hatte sich das die Gemeinde Stein eigentlich nicht vorgestellt. Im April des letzten Jahres hat sie die ehemalige Telefonkabine der Swisscom bei der Poststelle zur Bücherbox umfunktioniert. Die Idee: Aus den Mini-­Bibliotheken kann sich jeder bedienen oder seine ausgelesenen Bücher hineinstellen. Doch in letzter Zeit musste die Gemeinde feststellen, dass die Bücherbox vermehrt als Altpapiersammelstelle missbraucht wird. «Immer wieder landen zerfledderte, zerrissene und alte Bücher in der Kabine», sagt die stellvertretende Gemeindeschreiberin Marie-Noëlle Meier.

In einem Appell – «Die Bücherbox ist kein Altpapier­depot» – bittet daher der Gemeinderat nur «gut erhaltene, aktuelle und unterhaltsame Bücher» in die Kabine zu stellen. Des Weiteren seien Bücher mit anstössigem Inhalt verboten. «Schliesslich ist die Bücherbox ja auch für Kinder und Jugendliche zugänglich», sagt Meier.

Radio und Video­kassette im Bücherregal gefunden

Auch im umgebauten Bücher­regal auf dem Perron des Rheinfelder Bahnhofs landet so manches, was dort nicht hineingehört. Dazu zählen etwa Haushaltsgeräte, Radios, Löffel, Verpackungsschnüre oder auch beschriebene Postkarten, sagt Isabelle Cladé, stellvertretende Bibliotheksleiterin. «Manche denken wohl, die Bücherbox sei eine Brockenstube», sagt sie. Auch eine alte VHS-Kassette habe sie schon bei einem Kon­trollgang in gesichtet. «Wer hat denn heute bitte noch einen ­Video-Rekorder?», fragt sie und schiebt nach, dass jedoch nur wenige Tage später die Videokassette von jemandem mitgenommen worden sei.

Seit eineinhalb Jahren gibt es auch in Gipf-Oberfrick einen öffentlichen Bücherschrank, der in der Telefonkabine bei der ehemaligen Poststelle steht. Dort sortiert Karin Heinis – Mitinitiantin der Mini-Bibliothek – diejenigen Bücher aus, die sie für ethisch nicht vertretbar hält. Einmal habe sie ein Buch entfernt, dass eine Anleitung zur Ausübung des Schamanismus beinhaltete. «Den Inhalt des Buches habe ich als unangemessen und gefährlich erachtet», sagt sie. Entfernen müsse sie auch hin und wieder alte, mehrteilige Romanreihen. «Das will heute fast niemand mehr lesen», sagt Heinis.

«Solche alten und dicken Schinken mutieren auch auf dem ­Perron in Rheinfelden zum ­Ladenhüter», bestätigt Cladé, die im regelmässigen Abstand die Ladenhüter aussortiert und die ungelesenen Stapel mit einem kleinen Wagen an den SBB-Schalter rollt. «Die SBB entsorgt dann für uns die Bücher», sagt Cladé.

Am schnellsten vergriffen in den Bücherboxen sind Kinderbücher, sagt Heinis. «Viele ­Eltern und Grosseltern greifen da spontan zu», sagt sie. Manchmal, so Heinis, finde man auch Schätze wie alte Geschichts­bücher, die im Handel gar nicht mehr erhältlich sind. «Es kommt schon mal vor, dass ich vor dem Bücherschrank auf eine Person treffe, die dort auf dem kleinen Stuhl sitzt und versunken in einem Buch schmökert», sagt sie.

Autor

Dennis Kalt

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