Region
Staffelegg schneefrei, Gasthof Saalhöhe offen

Sie verbinden unsere Täler, sie haben nie Wintersperre – aber an Tagen wie diesen sind Pässe ein Abenteuer. Die ersten, die neben den Strassen landen, sind aber meist nicht die Fremden, sondern die Einheimischen. Sie fahren dann zu schnell.

Sabine Kuster
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Albula, Furka, Gotthard, Grimsel – die meisten Alpenpässe sind derzeit gesperrt. Für Bernina und Julier gilt das Kettenobligatorium. Von der Salhöhe reden die Radiosprecher nie.

Dabei hat der Bauer dort oben bereits den ersten Autofahrer von der Wiese auf die Strasse gezogen. Er wird kaum der Einzige bleiben, der diesen Winter die Passstrassen im Aargau unterschätzt.

Wie sind sie denn, unsere Pässe im Winter? Die Passtour beginnt auf dem neuen Staffeleggzubringer. Nach dem Horentunnel sind die Felder weiss, pinke Pfähle markieren den Strassenrand. Noch während ich in der ersten Steigung vom vierten in den dritten Gang schalte, überholt mich das erste Auto.

Im Winter ist Dienstag bis Donnerstag zu

Linkskurve, Rechtskurve, lange Linkskurve, dann knickt der Horizont: die Staffelegg, 621 m. Das «Hospiz» heisst Restaurant Staffelegg. Beim Eingang hängt ein Zettel: «Achtung offen, Türe klemmt etwas!!!» Doch heute hilft das Rütteln nichts; im Winter ist von Dienstag bis Donnerstag Ruhetag. Auf dem Münzautomaten-Karussell neben dem Haus liegt Schnee und ein paar Flocken fallen vom Himmel.

Ich fahre zurück nach Küttigen, verpasse die Haarnadelkurve, wende, dann gehts hoch aufs Benkerjoch. Die Sonne flackert zwischen den Baumstämmen durch. Links reckt sich die Wasserfluh. Hinten drängelt einer und braust auf der ersten geraden Strecke an mir vorbei.

Steigung: 16 Prozent

Oben ist nichts. Nur eine Tafel: Benkerjoch 668 m und eine andere mit der Steigung: 16%. Das Benkerjoch ist der steilste der vier Pässe dieser Tour. Unten in Wölflinswil sagt einer: «Das Bänkerjoch ist gar kein Pass, ich muss lachen, wenn dem einer Pass sagt. Das ist ein Hubel.»

Probleme habe er bei der Überquerung noch nie gehabt und überhaupt: «Ich habs gern, wenn das Auto auf dem Schnee ‹e chli schwaderet›.» Sein Kollege sagt: «Meine Tochter bibbert jetzt schon, weil sie morgen nach Aarau muss.» Früher fuhren die Wölflinswiler selten nach Aarau, denn die Passstrasse war nicht befestigt. Seit sie 1977 asphaltiert wurde, steigt die Zahl der Einwohner stetig.

Vor Oberfrick biege ich scharf links ab nach Wittnau. Ab Kienberg ist die Strasse so schmal, dass Busse nicht kreuzen können, fürs Postauto ist sie dennoch offen. Inzwischen schneit es heftig, die Passstrasse ist weiss. Die Salhöhe liegt auf 779 Metern.

Pass mit Solothurn teilen

Die Aargauer müssen ihren höchsten Pass mit den Solothurnern teilen. Die eigentliche Passhöhe liegt noch etwas höher als der Grenzstein, gesetzt 1768 im damaligen Dreiländereck zwischen dem Hoheitsgebiet der Berner, Solothurn und dem österreichischen Fricktal.

Heute treffen sich hier die Gemeindegrenzen von Oberhof AG, Erlinsbach AG und Kienberg SO. Früher fuhr die Tour de Suisse über die Salhöhe, beim Rennen Porrentruy–Zürich gabs hier den Bergpreis.

Beim Waldgasthaus Chalet Saalhöhe rutsche ich auf den Parkplatz. Mit einem ‹a› schreibt sich der Pass, das Gasthaus mit Doppel-‹a›. In der Gaststube bringt die Serviertochter eine heisse Schokolade. Doppelt so lange wie sonst habe sie heute gebraucht um hochzufahren, sagt sie. Es ist ihr erster Winter auf der Salhöhe, sie hat Respekt vor dem Pass.

Die Einheimischen sind die ersten

«Die ersten, die bei Schnee neben der Strasse landen, sind die Einheimischen», sagt der Wirt, Jurka Lucek, «sie sind zu schnell unterwegs.» Seine Familie wirtet in diesem Bijou seit einem halben Jahrhundert. Ende Oktober montiert er am 4×4 die Winterpneus, sie bleiben dran bis im Mai.

Ab und zu muss Lucek ein Auto zurück auf die Strasse ziehen, das von der Barmelweid her kommend zu schnell auf die Passstrasse geschossen ist beziehungsweise darüber hinaus auf die Wiese beim Grenzstein. Einer habe ihm so ein junges Tannli geköpft «wie mit dem Rasiermesser», sagt Lucek. Mit 100 Sachen sei er unterwegs gewesen, habe der Autofahrer gestanden. Lucek band ihm die Stossstange mit Schnur wieder am Wagen fest.

Auch der Bauer auf der Solothurner Seite der Salhöhe zieht mit dem Traktor immer wieder Autos auf den rechten Weg. Der Salzwagen fährt vorbei. Der Fahrer ist aus Kienberg, seit 35 Jahren schaut er, dass es die Autofahrer bis ganz nach oben schaffen. Aber bei den Minustemperaturen hier wirkt Salz nicht immer.

Jägertee und Fondue

Es ist längst dunkel, als ich den letzten Pass ansteuere. Den Böhler, 612 mü.M., kurvenreiche Verbindung zwischen Schöftland und Unterkulm. Im Holzhäuschen, dem «Böhler Edelweiss», gibts Jägertee, Fondue und Platz für 20 Personen, wenn sie eng zusammenrücken. Volker Krause, ehemaliger Bauunternehmer und Ofenbauer, hat mit der Bude hier vor vier Jahren sein Glück gefunden. «Ich hätte es 20 Jahre eher machen sollen», sagt er. Ab und zu, wenn einer zu viel Jägertee getrunken hat, fährt er ihn eigenhändig ins Tal.

Der Alkohol macht den Fahrern hier mehr zu schaffen, als der Schnee. Wenn der Winter auf dem Böhler zu arg ist, bleibt immer noch der Umweg über Suhr ins Wynental. Ich aber bin oben und muss irgendwie wieder runter. Die Strasse rollt sich im Scheinwerferlicht schwarz vor mir aus. Wer die Kurven nicht kennt, hinter dem stauen sich auch hier die Ungeduldigen.