Die SP flog am Sonntag aus dem Stadtrat. Rheinfelden ohne linken Stadtrat – das gab es seit mindestens 1945 nicht mehr. In Rheinfelden ist die Linke traditionell stark. Woran lag es? Henri Leuzinger, Stadtbeobachter, nahm am Dienstag gegenüber der az kein Blatt vor den Mund. Es lag am Kandidaten. «Peter Koller hat keine Zugkraft, auch nicht als Grossrat. Und er ist in Rheinfelden wenig präsent.» Andere sprechen davon, Koller habe Vizeammann Brigitte Rüedin aus dem Amt getrieben. Das lässt der 64-jährige Grossrat nicht auf sich sitzen. Im az-Interview kontert Peter Koller: «Ich habe keine Ahnung, welcher Teufel jemanden reitet, der eine derart abstruse Behauptung in die Welt setzt.»

Herr Koller, in Gesprächen mit Rheinfeldern hört man immer wieder: Brigitte Rüedin habe ihre bereits zugesagte Wiederkandidatur zurückgezogen, weil die SP Sie als zweiten Kandidaten aufgestellt hat. Haben Sie Brigitte Rüedin aus dem Amt getrieben?

Peter Koller: Hätte Brigitte Rüedin wieder kandidiert, wäre ihre Wahl ein Selbstläufer gewesen. Weshalb also sollte sie wegen mir ihre Zusage zurückziehen? Wir verstehen uns beide seit vielen Jahren sehr gut und wollten der Partei vorschlagen, mit einem Zweierticket den vor vier Jahren verlorenen Sitz für die SP zurückzuerobern. Ich habe keine Ahnung, welcher Teufel jemanden reitet, der eine derart abstruse Behauptung in die Welt setzt. Hingegen weiss ich unterdessen, dass genau das Gerücht, ich habe die äusserst beliebte Frau Vizeammann aus dem Amt getrieben, von gewissen Kreisen gezielt gestreut wurde, was meine Wahlchance erheblich gemindert hat.

Waren Sie überrascht, als Brigitte Rüedin sagte: Nein, ich trete doch nicht mehr an?

Wie alle anderen Mitglieder der SP war ich glücklich, als Brigitte Rüedin sich entgegen ersten Andeutungen für eine vierte Amtsperiode zur Verfügung stellte. Ihr Rückzug kam für mich dann völlig überraschend. Ich hatte mich sehr auf den gemeinsamen Wahlkampf mit ihr gefreut.

Vielleicht liegt der Rückzug der Kandidatur auch daran, dass die SP ihre eigene Stadträtin bei Sachgeschäften immer mal wieder im Regen stehen liess?

Ich sehe das nicht so. Aber diese Frage kann nur Brigitte Rüedin selber beantworten.

Brigitte Rüedin zog ihre Kandidatur im Februar zurück. Weshalb hat die SP da nicht reagiert? Bereits da wussten Sie ja: Mein Profil stimmt nicht mit den Erwartungen der Wähler überein. Diese wollten eine jüngere Frau im Stadtrat sehen.

Schlicht und einfach, weil niemand anders zur Verfügung stand. Nach dem Rückzug von Brigitte Rüedin erhielt ich meine Kandidatur aufrecht, damit die SP ihren Sitz verteidigen kann – und sicher nicht für mein Ego. Zugunsten einer besseren Kandidatur hätte ich sofort verzichtet.

Was war die Alternative zu Ihrer Kandidatur?

Nach dem Rückzug der Kandidatur durch Brigitte Rüedin hatte die SP genau zwei Optionen: Die Partei erklärt ihren Verzicht auf den weiteren Einsitz im Stadtrat oder tritt mit dem einzigen Kandidaten an, der sich dazu bereit erklärte. Brigitte Rüedin war erleichtert, dass ihr Mandat nicht kampflos abgegeben wird. Sie hat mich an der Nominationsversammlung vorgestellt und mit Überzeugung empfohlen.

Die SP ist nun nicht mehr im Stadtrat. Was heisst das?

Der Vorstand und die Basis müssen gemeinsam Lösungen finden, wie das Interregnum möglichst schon in vier Jahren beendet werden kann.

Muss die Partei nun nicht auch personelle Konsequenzen im Vorstand ziehen?

Das schauen wir uns in Ruhe an. Wenn sich das als notwendig erweisen sollte, wird es auch geschehen.

Ein Vorwurf an Sie lautet: Peter Koller ist in Rheinfelden zu wenig präsent und hat auch im Wahlkampf zu wenig gemacht. Stimmt das?

Ich konnte für den Wahlkampf die beruflichen Verpflichtungen nicht gross reduzieren. Im Rahmen meiner Möglichkeiten, über die ich die Partei informiert hatte, machte ich meiner Meinung nach einen engagierten, kreativen und fairen Wahlkampf, für den ich sehr viele positive Rückmeldungen bekam. Natürlich bedaure ich es ausserordentlich, dass ich der SP den Sitz im Stadtrat nicht halten konnte.

Im Vorgespräch zum Interview haben Sie gesagt: Der Vorwurf, sie hätten in der Stadt und im Grossen Rat keine Zugkraft, treffe sie sehr. Weshalb?

Als Grossrat habe ich mich zweimal der Wiederwahl gestellt und dabei gerade in der Stadt Spitzenergebnisse erzielt. Wie es meinem Charakter entspricht, trete ich sowohl in Rheinfelden wie auch in Aarau ruhig und besonnen auf. Ja, ich stelle mich nicht ständig in den Vordergrund. Nur wenn das von jedem Politiker erwartet wird, verstehe ich den Vorwurf mangelnder Zugkraft.