Fricktal
Soll Tempo 30 auch auf Kantonsstrassen möglich sein? Die Meinungen sind gespalten

Im Aargau gibt es aktuell gerade einmal zwei Kantonsstrassen, auf denen innerorts Tempo 30 gilt. Aber die Stimmen derer, die Tempo 30 auch innerorts auf Kantonsstrassen fordern, wird lauter.

Thomas Wehrli
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Auf der Hauptstrasse durch Frick rollen pro Tag rund 16000 Fahrzeuge. Archiv/twe

Auf der Hauptstrasse durch Frick rollen pro Tag rund 16000 Fahrzeuge. Archiv/twe

Thomas Wehrli

Es kommt Tempo in die Tempofrage: In Zürich hat die Stadt auf vier Hauptstrassen bereits Tempo 30 eingeführt, 20 weitere Abschnitte sollen folgen. Mit dem «Slow down»-Regime will die Stadt die Lärmbelastung auf ein erträgliches Mass reduzieren, das heisst: unter den Immissionsgrenzwert. Die Massnahme zeigt Wirkung – allerdings nicht in dem Ausmass wie von manchen erwartet. Über Sinn und Wirkung ist deshalb in Zürich ein Streit entbrannt.

Nichtsdestotrotz: Messungen zeigen, dass eine Temporeduktion von 50 auf 30 km/h die Lärmbelastung um rund drei Dezibel reduzieren kann; das entspricht einer Halbierung der wahrgenommenen Verkehrsmenge. Das ist nicht nichts, sagen sich auch im Aargau immer mehr Leute. Die Stimmen derer, die Tempo 30 auch innerorts auf Kantonsstrassen fordern, wird lauter.

Einer der pointiertesten Tempo-30-Rufer ist Thomas Stöckli. Er sass bis Ende 2017 im Fricker Gemeinderat, war hier für den Verkehr zuständig – und machte aus seiner «Slow down»-Vorliebe nie einen Hehl. «Irgendwann wird Tempo 30 im Siedlungsgebiet die Norm sein und Tempo 50 die Ausnahme», sagte er im letzten Juli zur AZ. Und: «Die Geschwindigkeit darf nicht länger das Mass aller Dinge sein. Die Lebensqualität und die Sicherheit müssen höher gewichtet werden.»

Nur in Olsberg Tempo 30

Mit seinen Ideen stiess er beim Kanton aber stets auf taube Ohren. Im Aargau gibt es aktuell gerade einmal zwei Kantonsstrassen, auf denen innerorts Tempo 30 gilt: in Windisch und in Olsberg. «Die Ortsdurchfahrt in Olsberg ist aus Gründen der Verkehrssicherheit in einer Tempo-30-Zone integriert», sagt Simone Britschgi, stellvertretende Leiterin Kommunikation im Verkehrsdepartement.

An der Grundhaltung, dass man beim Kanton wenig von Tempo 30 auf Kantonsstrassen hält, hat sich indes nichts geändert. Diese seien verkehrsorientierte Strassen und sollen den Verkehr «möglichst rasch von den Gemeinde- und Sammelstrassen übernehmen und überregional weiterleiten», sagt Britschgi. «Deshalb stehen die Leistungsfähigkeit und Sicherheit auf Kantonsstrassen im Vordergrund.» Daher vertrete der Kanton die Haltung, dass die gesetzlichen Höchstgeschwindigkeiten von 50 innerorts und 80 ausserorts «möglichst flächendeckend eingehalten werden sollen».

Das Lärmargument kontert Britschgi mit den Lärmschutzmassnahmen, die der Kanton in den letzten Jahren entlang der Kantonsstrassen realisiert hat. Dazu gehören Lärmschutzwände und Lärmschutzfenster. Zudem werden seit 2015 innerorts systematisch lärmreduzierende Beläge realisiert. In neuem Zustand kann mit diesen Belägen laut Britschgi eine Reduktion von fünf bis sieben Dezibel erreicht werden, «was einer Reduktion der Lärmwahrnehmung um 70 Prozent entspricht». Auch längerfristig betrage die Reduktion immer noch rund 50 Prozent.

Die Lärmsanierung ist dabei eine Vorgabe des Bundes. Er gab den Kantonen und Gemeinden 30 Jahre Zeit für die Lärmsanierung ihrer Strassen. Diese Frist läuft Ende März, also nächste Woche, ab. Erreicht hat das Ziel, den Lärm flächendeckend unter den Immissionsgrenzwert zu bringen, noch kaum ein Kanton. Im Aargau seien 70 Prozent der Kantonsstrassen-Projekte abgeschlossen, sagt Britschgi. Der Rest folgt bis 2020 – ohne Tempo 30.

Fredy Böni ist skeptisch

Die Frage, wie der Kanton reagieren würde, wenn eine Gemeinde, nehmen wir Möhlin oder Frick, auf der Kantonsstrasse durch das Dorf Tempo 30 beantragen würde, beantwortet Britschgi ausweichend. «Tempo 30 ist eine von verschiedenen möglichen Massnahmen, um bestimmte Ziele zu erreichen.» In jedem Fall müsse die Gesamtsituation analysiert und die Probleme und Ziele müssten benannt werden, bevor über die zu treffenden Massnahmen entschieden werde.

Im Fall von Frick, wo Stöckli in den letzten Jahren auch in Aarau Tempo für Tempo 30 gemacht hat, habe man «bereits mehrere Abklärungen vorgenommen», so Britschgi und er verweist auf die geplante Strassensanierung, bei der die Hauptstrasse auch umgestaltet wird. So sollen alle Fussgängerstreifen mit Mittelinseln versehen und ein Mehrzweckstreifen eingerichtet werden. Dadurch werde «eine der Situation angemessene Fahrgeschwindigkeit unterstützt», so Britschgi.

Bleiben wir bei den beiden Beispielen. Was sagen die Gemeinden dazu? Die Reaktionen der beiden Gemeindeammänner, Fredy Böni (SVP) in Möhlin und Daniel Suter (FDP) in Frick, fallen unterschiedlich aus. Böni kann sich eine Tempo-30-Zone auf der Kantonsstrasse durch sein Dorf nicht vorstellen. «Bei mehr als 14 000 Fahrzeugen pro Tag sehe ich das nicht.» Zudem sei die Strasse kurvenreich, was sich mässigend auf die gefahrenen Tempi auswirke. Tempo 30 auf Kantonsstrassen sei aber letztlich eine Frage, die primär der Kanton beantworten müsse, so Böni.

Mit seiner Skepsis ist Böni in Möhlin nicht alleine. Im Dorf halten viele nichts von Tempo 30; der Souverän schickte 2007 eine Vorlage klar bachab, die Tempo 30 flächendeckend auf den Gemeindestrassen einführen wollte. 2015 forderten Bewohner, dass in ihrem Quartier Tempo 30 eingeführt wird. Der Gemeinderat hielt wenig von einem versatzstückmässigen Vorgehen, nahm den Tempo-30-Ball aber auf und beantragte im Jahr darauf ein zweites Mal einen Projektierungskredit für eine flächendeckende Einführung. Wieder wurde der Antrag bachabgeschickt – und dies mit 144:84 Stimmen überaus deutlich. «Die Einwohner wollen kein Tempo-30-Regime», bilanziert Böni.

Anders in Frick. Hier wurde in den letzten Jahren in mehreren Wohnquartieren Tempo 30 eingeführt; zuletzt im Oberdorf. In den Quartieren hat man gute Erfahrungen gemacht. Wohl auch deshalb ist Suter nicht per se gegen Tempo 30 auch auf der Kantonsstrasse innerorts. Die Frage sei stets individuell zu beantworten, sagt er. «Dabei ist es gut denkbar, dass Tempo 30 auch auf gewissen Ortsdurchfahrten sinnvoll ist.» Vor allem auf stark frequentierten Strassenabschnitten in Dorf- und Stadtzentren könne Tempo 30 auch auf Hauptstrassen eine Aufwertung bewirken. «Tempo 30 beschränkt sich ja bei weitem nicht auf die Herabsetzung der Höchstgeschwindigkeit», so Suter. «Vielmehr wird dabei der ganze Strassenraum beurteilt und je nachdem neu gestaltet, wobei auch die Förderung des Langsamverkehrs wichtig ist.»

Eine Option für Daniel Suter

Konkret auf Tempo 30 auf der Hauptstrasse durch Frick angesprochen, über die pro Tag rund 16 000 Fahrzeuge rollen, meint der Ammann und Grossrat: «Grundsätzlich wäre dies auf der Hauptstrasse im Zentrum denkbar.» Vorteile sähe er für Fussgänger und Velofahrer. Aber auch die Aufenthaltsqualität entlang «der Fricker Einkaufsmeile» und in den Gartenwirtschaften würde steigen. «Ausserdem dürfte die Lärmbelastung sinken», so Suter. Diese liegt auf gewissen Abschnitten entlang der Hauptstrasse über den Immissionsgrenzwerten und bei einzelnen Gebäuden sogar über den Alarmwerten. Letztere sind ein Kriterium dafür, dass eine Sanierung dringlich ist.

Nach der Sanierung der Hauptstrasse wird die Lärmbelastung dank dem Einbau eines «Flüsterbelages» deutlich sinken, «sodass die Immissionsgrenzwerte danach voraussichtlich eingehalten werden können», sagt Suter. Für die lärmgeplagten Anwohner ist dies allerdings ein schwacher Trost; die Sanierung erfolgt frühestens 2020. Fortsetzung folgt – oder besser: immer dem Lärm nach.