Sollen Kirchenglocken am Morgen um sechs Uhr schweigen?

Nancy Holten empfindet das Sechsuhrläuten der Kirchenglocke in Gipf-Oberfrick als Ruhestörung. Jetzt sucht sie für ihren Kampf Mitstreiter. Ihr Ziel will sie mit einer sogenannten Immissionsklage erreichen. Ihre Forderung nach der frühmorgenlichen Ruhe sorgte bei vielen az-Lesern für Unverständnis. Eine Pro-/Kontra-Meinung zum Thema.

PRO von Nancy Holten aus Gipf-Oberfrick

Die Gipf-Oberfrickerin Nancy Holten sagt dem Glockengeläut der katholischen Kirche (im Hintergrund) den Kampf an.

Die Gipf-Oberfrickerin Nancy Holten sagt dem Glockengeläut der katholischen Kirche (im Hintergrund) den Kampf an.

«Ich will selber bestimmen, um welche Zeit ich geweckt werde – Ich brauche niemanden, der mich weckt, der mich zum Beten auffordert oder mir ein Glockenspiel vorspielt.»

In der Schweiz gelten zusätzlich zur Nachtruhe auch die Ruhezeiten von Montag bis Freitag zwischen 6 und 7, 12 und 13 sowie 20 und 22 Uhr. Am Samstag ist dies von 6 bis 8, 12 bis 13 und 18 bis 22 Uhr. Diese Gesetze wurden entworfen, um der Bevölkerung Ruhezeiten zu garantieren. Auf dieses Gesetz berufe ich mich.

Ausserdem möchte ich selber gerne bestimmen können, um welche Zeit ich geweckt werde, zum Beispiel mittels eines Weckers. Dafür brauche ich keine Kirchenglocken.
Wer den Klang der Glocken als angenehm empfindet, kann sich auch eine entsprechende App auf sein Mobiltelefon herunterladen und den «Weckruf» geniessen, ohne dabei andere zu stören.

Den «Aufruf» zum Gebet finde ich unangemessen. Jeder soll selbst entscheiden können, wann und wo und ob er beten möchte.

Es gibt viele Personen, die mir gesagt haben, dass sie das Läuten der Glocken nicht störe – ja, dass sie es gar nicht mehr wahrnehmen. Dann stört es sie ja auch nicht, wenn es ausfällt.

Ich liebe dieses Dorf und finde es wunderbar, dass ich hier seit mehreren Jahren mit meinen Töchtern leben darf. Dazu gehören auch das Landschaftsbild und die Ruhe. Das Kirchengeläute muss deshalb für mich nicht unbedingt sein.

Ich wohne nicht direkt bei der Kirche, aber die Glockenlautstärke ist so konzipiert, dass sie im ganzen Dorf mehr oder weniger gut hörbar ist. Deshalb müsste man schon ganz ausserhalb auf einem Bauernhof leben, um die Glocken fast nicht mehr zu hören.

Dass Kirchen zum Heimatgefühl beitragen können, verstehe ich voll und ganz. Kirchen sind wunderbare architektonische Gebäude. Aber braucht es das Glockenspiel um 6 Uhr morgens schon und dies 5 Minuten lang?

Traditionen können auch neu geschaffen werden. Ich denke auch, dass es früher seine Berechtigung hatte, als nicht jeder eine Uhr, sprich einen Wecker hatte.

Aber heute? Wir haben bei uns zu Hause ebenfalls eine schöne Klangschale.

Zusammen mit Kerzenlicht und stimmungsvoller Musik erschaffen wir eine angenehme Atmosphäre. Für mich braucht es deshalb keinen Glockenklang von aussen. Und sicher nicht um 6 Uhr morgens.

KONTRA von Thomas Wehrli, Ressortleiter Fricktal

Thomas Wehrli, Ressortleiter Fricktal

Thomas Wehrli, Ressortleiter Fricktal

«Traditionen verorten den Menschen im Leben – Die Gesellschaft mutiert immer mehr zu einer Ich-für-mich-Abteilung. Das ärgert mich. Zudem sind Traditionen auch ein Stück Heimat.»

Die Kirche verliert zusehends an gesellschaftlicher Relevanz. Sie ist heute nicht mehr die formende und normende Kraft von einst. Sie ist eine Option unter mehreren, um dem Leben Sinn zu geben. Darf man, oder vielmehr: muss man deshalb auch die christlichen Rituale wie das 6-Uhr-Läuten gleich abschaffen? Nein, und dies aus vier Gründen.

Erstens ist das Christentum nach wie vor unsere Leitkultur. Auch wenn der Einzelne immer mehr Platz auf den Kirchenbänken hat– eine Mehrheit der Schweizer gehört nach wie vor einer der drei Landeskirchen an. Solange dies so ist, haben auch die christlichen Rituale ihre Legitimität.

Für mich geht es aber um mehr: Das Christentum gibt uns einen ethisch-moralischen Rucksack mit auf unseren Lebensweg. Dieser Rucksack hat ein biblisches Alter und weist heute immer mehr Risse auf. Das macht mir Sorgen. Mir graut vor dem Moment, in dem die Tragriemen ganz reissen und wir die Leitlinien verlieren, denn ich sehe nichts, was an seine statt treten kann.

Zweitens stört mich die allseits um sich greifende Tendenz, alles, was mir als Individuum nicht in den Kram passt, zu bekämpfen und abzuschaffen. Diese Überhöhung des Ich, dieser Wunsch nach egozentrischer Glückseligkeit, zerstört eine Gesellschaft von innen. Ich für Ich.

Damit Sie mich richtig verstehen: Ich bin ein Mensch, der gerne seine Freiheiten hat und lebt; ich sehe mich als liberalen Geist, der nur dort Eingriffe und Normierungen akzeptiert, wo sie a) notwendig und erklärbar sind und wo sie b) der gesellschaftliche Konsens bedingt.

Fehlt der Konsens oder geht er verloren, ist eine Neuorientierung zu prüfen. Dies ist für mich bei den kirchlichen Inhalten und Ritualen aber (noch) nicht der Fall.

Drittens sind Traditionen ein Stück Heimat. Sie verorten den Menschen in der (Lebens-)Geschichte und haben eine verbindend-einordnende gesellschaftliche Wirkung.

Mit jeder Tradition, die wir abschaffen, geht ein Bruchstück dieses Bewusstseins verloren. Manchmal lohnt es sich, alte Zöpfe abzuschneiden; im Glockenfall sehe ich keinen Gewinn, ausser einer Lärmoptimierung einiger weniger.

Viertens ist es auch eine Frage, wie ich mit dem «Lärm» umgehe. Ich habe mir angewöhnt, kurz innezuhalten, wenn ich irgendwo Glocken läuten höre. Diese kurzen Auszeiten, dieses Innehalten in der beschleunigten Welt von heute, tut mir gut. Selbst morgens um 6 Uhr.