Frick

So lebt es sich im Container-Dörfli: Ein Besuch in der zweitgrössten Asylunterkunft des Kantons

Die Asylunterkunft im ehemaligen A3-Werkhof in Frick ist seit einem Monat in Betrieb. Aktuell leben knapp 100 Asylsuchende im Container-Dörfli. Wie lebt es sich da?

Himmel, dieser Duft! Das Wasser läuft einem im Mund zusammen.

Montagabend, kurz nach 17 Uhr. In den beiden Küchenboxen in der Asylunterkunft im ehemaligen A3-Werkhof herrscht emsiges Treiben. Ein junger Afghane steht am Kochherd, dünstet Dosenpilze. Ein anderer Asylsuchender rüstet Gemüse, ein Dritter brät Fleisch an. An den Tischen sitzen Asylsuchende zusammen, essen, diskutieren, lachen, äugen neugierig bis skeptisch zu den Besuchern, die da unter der Türe stehen.

«Grüezi», ruft einer. Marcel Thueler, Leiter Fachbereich Betreuung Asyl im Departement Gesundheit und Soziales, bemerkt den erstaunten Blick des Journalisten, lacht. «Das ist ein Besucher, der in der Schweiz aufgewachsen ist.» Wie jeder Besucher musste er sich im Büro der Asylunterkunft, einem Container, drei auf zehn Meter, anmelden und die Identitätskarte hinterlegen. «Aus Sicherheitsgründen», sagt Fehmi Lestrani, Leiter der Fricker Asylunterkunft. Und weil es zu den Hausregeln gehört.

Diese sind wichtig. Wie in jeder Unterkunft, in der Menschen auf engem Raum zusammen leben. In Frick sind aktuell knapp 100 Asylsuchende untergebracht. Ausgerichtet ist die Unterkunft auf 164 Personen. Dieses Soll wird in wenigen Wochen erreicht sein.

Notfalls können bis zu 180 Asylsuchende einquartiert werden. «Kurzzeitig», betont Thueler. Denn dann wird es wirklich eng, was schnell zu Spannungen führen kann. «Und damit ist niemandem gedient.» Am allerwenigsten Fehmi Lestrani und seinem Team. Zwölf Mitarbeitende betreuen die Asylsuchenden, rund um die Uhr. Und sie machen ihren Job gut, so weit man das von aussen beurteilen und nach einem knapp zweistündigen Augenschein sagen kann.

Was ist das Rezept von Lastrani? Klare Reglen, sein bestimmtes, aber wohlmeinendes Auftreten – und die Ruhe, die er ausstrahlt. Er lacht, wie ich ihn frage: «Lassen Sie sich nie aus der Ruhe bringen?» Selten, antwortet er. «Sonst würde ich den Job nicht machen.» Er überlegt kurz, fügt dann an: «Entweder man liebt diesen Job oder man macht ihn nicht.» Das bestätigt Thueler, der lange selbst direkt mit Asylsuchenden gearbeitet hat.

Lestrani, der bereits die Asylunterkunft im Notspital in Laufenburg geleitet hat, liebt seinen Job. Er ist vom bescheidenen, bedachten, die Worte genau abwägenden Typus. Lestrani, Kosovare, kam vor gut 20 Jahren selber als Asylsuchender in die Schweiz. Er glaubte an seine Chance, arbeitete sich hoch, studierte. «Mein Migrationshintergrund und meine Erfahrungen als Asylsuchender helfen mir bei der Arbeit», sagt er.

Multikulti-Betreuungsteam

Er wie auch René Burkhalter, operativer Leiter bei der ORS Service AG, welche die Unterkunft betreibt, halten es für «eminent wichtig», Leute mit Migrationshintergrund im Betreuungsteam zu haben. Die Zusammensetzung des Teams, sagt Burkhalter, sei mitentscheidend, wie gut eine Unterkunft funktioniere. Burkhalter ist für sämtliche Asylunterkünfte in den Kantonen Aargau und Zürich zuständig, für welche die ORS Service AG das Betreuungsmandat hat.

Im Multikulti-Team von Lestrani, das rund zehn Sprachen beherrscht, arbeiten Leute, die ursprünglich vom Büro, von der Pflege, aus der Gastronomie oder von einem handwerklichen Beruf kommen. «Wir müssen in der Lage sein, einfache Reparaturen selber auszuführen», sagt Burkhalter. Auch der Kosten wegen.

«Das WLAN hilft, den Ball flach zu halten. Es verhindert Spannungen», sagt Marcel Thueler

«Das WLAN hilft, den Ball flach zu halten. Es verhindert Spannungen», sagt Marcel Thueler

Die medizinische Erstbetreuung kann Lestrani mit seinem Team sicherstellen. Seine Leute machen eine Triage, behandeln leichte Blessuren in der Asylunterkunft selber, weisen schwerere Fälle an einen Vertrauensarzt in Frick zu. Dies sei eine Gratwanderung, sagt Thueler. «Wenn wir die Leute zu schnell zum Arzt schicken, bekommen wir zu hören, dass wir zu hohe Kosten verursachen. Und wenn wir sie zu spät schicken, bringen wir möglicherweise die Asylsuchenden in Gefahr.» Bislang habe man diese Gratwanderung gut gemeistert.

Manchmal reicht dabei schon ein Glas Wasser. «Wenn ein Klient», so nennt die ORS die Asylsuchenden, «kommt und über Kopfschmerzen klagt, frage ich ihn zuerst: Wie viel Wasser hast du heute schon getrunken?», sagt Lestrani. Oft sind es wenige Zentiliter. Zu wenig.

So einfach sind natürlich nicht alle Probleme zu lösen, räumt Lestrani ein. Aus Erfahrung weiss er: «98 Prozent der Asylsuchenden machen überhaupt keine Probleme. Sie sind einfach nur froh, in der Schweiz zu sein, und hoffen, bleiben zu können.» Die restlichen zwei Prozent dagegen sind schwer zu handhaben. Sie machen Stunk, halten sich nicht an Vorschriften, trinken, verpassen Termine.

Bei 164 Personen sind das, statistisch gesehen, drei bis vier Personen. Auf diese sind Lestrani und sein Team vorbereitet. Ein wesentliches Element dabei: Die Hausordnung, die er ohne Wenn und Aber durchsetzt. «Je klarer die Regeln, desto besser funktioniert es.»

Immer wieder begegnen wir beim Rundgang durch das Container-Dörfli, wie die Unterkunft wegen der 41 Wohncontainer auch genannt wird, diesen Regeln. «Die Schuhe nicht im Gang lassen», lautet eine. Kein Alkohol in der Unterkunft, eine zweite, Rauchen nur im Freien, eine dritte. Für Letzteres haben sich die Asylsuchenden in einem Unterstand selber eine Sitzecke mit Transport-Paletten gezimmert.

Die Krux mit der Waschmaschine

Viele der Regeln, Aufgaben und Abläufe sind für die Asylsuchenden neu. Hier ist es Aufgabe von Lestrani und und seinem Team, sie zu erklären. «Das fängt bei ganz alltäglichen Dingen an», erklärt Thueler. Etwa, den Boden mit Wasser aufzunehmen. Oder unterschiedliche Putzlappen für Küche und Sanitäranlagen zu verwenden; blau für die Küche, grün für den sanitären Bereich. Oder die Putzmittel richtig einzusetzen.

«Was für uns Alltag ist, kennen viele nicht.» Wasser zum Putzen? Das wäre ihn vielen Ländern eine Verschwendung, ein Hohn, denn bisweilen reicht das Wasser nur knapp zum Leben.

«98 Prozent der Asylsuchenden machen überhaupt keine Probleme. Sie sind einfach nur froh, in der Schweiz zu sein», sagt Fehmi Lestrani.

«98 Prozent der Asylsuchenden machen überhaupt keine Probleme. Sie sind einfach nur froh, in der Schweiz zu sein», sagt Fehmi Lestrani.

Es sind zwar einfache Dinge, aber für die Zukunft wichtig, gerade dann, wenn die Asylsuchenden in der Schweiz bleiben können. Denn während sie in der Asylunterkunft rund um die Uhr begleitet sind, während sie hier «wohlbehütet sind», wie es Thueler formuliert, sind sie bei einem positiven Asylentscheid auf sich gestellt. Dann leben sie plötzlich in einem Mehrfamilienhaus, in dem es gewaltigen Ärger gibt, wenn sie nicht gelernt haben, wie man die Waschmaschine nach dem Waschgang zurücklässt.

Lestrani vermittelt mit seinem Team alltägliches Basiswissen. Über das Putzen, das Einkaufen, den Verkehr. Der Fussweg ins Dorf ist bei der Fricker Asylunterkunft speziell, denn er führt über die stark befahrene Kantonsstrasse, die den Verkehr zum einen Richtung Aarau führt, zum anderen ab der Autobahn Richtung Dorf leitet. Ein Fussgängerstreifen ist nicht möglich, da die Asylunterkunft ausserorts liegt.

Eine temporäre Mittelinsel sorgt nun dafür, dass die Asylsuchenden in der Strassenmitte eine Schutzzone haben. Diese ist auch nötig, das zeigt der Selbstversuch am Montagabend. Durchgelassen wird man als Fussgänger erst nach geraumer Zeit – und dies, obwohl der Verkehr harzt und sich die Autos Stossstange an Stossstange im Schneckentempo vorwärtsquälen.

Den Asylsuchenden zu zeigen, wie sie sich im Strassenverkehr als Fussgänger zu verhalten haben, «ist eminent wichtig», sagt Lestrani. «Bislang ist alles gut gegangen», ergänzt Thueler, und man glaubt, eine leise Sorgenfalte auf seinem Gesicht ausmachen zu können. «Hoffen wir, dass es so bleibt», fügt er dann an, im Wissen, dass ein Restrisiko bleibt.

Mit ihrer Arbeit betreiben die Asylbetreuer «eine Art Alltagsintegration», nennt es ORS-Mann Burkhalter und nimmt damit ein Wort in den Mund, das Thueler nicht so gerne hört. Denn: Solange jemand im Asylprozess ist, darf der Kanton keine Integrationsmassnahmen umsetzen.

Die Aufgabe, die Menschen in der jeweiligen Region zu integrieren, ihnen Freizeitangebote zu bieten, fällt Freiwilligen zu. In Frick wird diese Aufgabe in den drei Jahren, in denen die Unterkunft in Betrieb sein wird, die Kontaktgruppe Asyl übernehmen. Sie ist im Aufbau.

Mit ihr wie auch mit den Behörden und der Polizei steht Lestrani in engem Kontakt. Einmal wöchentlich treffen sich Kanton, Polizei und Leitung; einmal monatlich sitzt man im grossen Kreis zusammen. In den vier Wochen, in denen die Unterkunft nun offen ist, lautete der Befund stets gleich: alles im grünen Bereich.

Dies bestätigt der Fricker Gemeindeschreiber Michael Widmer. «Die Unterkunft ist gut angelaufen, wir haben keine negativen Rückmeldungen.» Und auch die Hotline, die der Kanton für die Bevölkerung eingerichtet hat und die von Lestranis Team mitbetreut wird, klingelt kaum je. «Und wenn, dann, weil die Leute Hilfsangebote machen», sagt Lestrani. Reklamationen habe es bislang keine gegeben.

Mehr Privatsphäre

Das spricht für die Arbeit des Teams; das spricht für das Belegungskonzept, mit dem der Kanton versucht, in jeder Unterkunft eine gute Durchmischung hinzubringen. Das spricht auch für den Standort, der ausserhalb des bewohnten Gebietes liegt. Und das spricht vor allem gegen die Vorurteile, die im Vorfeld die Runde gemacht haben. Sie werden in Horden durch das Dorf ziehen, war eines davon. «Daran haben die Asylsuchenden kein Interesse», sagt Thueler. «Sie sind einzeln oder in kleinen Gruppen unterwegs.»

Und wenn sie unterwegs sind, zieht es sie weniger ins Dorf als nach Aarau. Denn von hier, der Unterkunft im unterirdischen Notspital, kommen die meisten von ihnen. Hier haben sie ihre Freunde, ihre Bekannten.

Die Verlegung von Aarau nach Frick war für viele Asylsuchende ein zweischneidiges Schwert. Einerseits freuen sie sich, dass sie in Frick mehr Privatsphäre haben – sie wohnen in Vierer-Containern – und dass die Unterkunft oberirdisch ist. Andererseits liegt sie eben nicht in Aarau, nicht in einem pulsierenden Zentrum, nicht dort, wo man sich als 18- bis 30-Jähriger gerne aufhält; ältere Asylsuchende hat es in Frick kaum. Thueler lacht. «Die Asylsuchenden hätten es am Liebsten, wenn die Fricker Unterkunft in Aarau stünde.»

Doch der Asylprozess ist kein Wunschkonzert. Das lernen die Asylsuchenden schnell, vor allem auch, dass ein Termin nicht eine Richtgrösse ist, sondern ein verbindlicher Wert. Lestrani schmunzelt. «Manchmal kommen wir uns schon etwas wie Eltern vor, die ihre Kinder immer wieder anhalten müssen, Termine einzuhalten.» Das ist meist kein böser Wille; in ihrer Heimat hat Zeit oft einen ganz anderen Stellwert.

Es ist kühl und unfreundlich an diesem Montagabend. Nur wenige Asylsuchende halten sich draussen auf, der Billard- und der Tischtennistisch sind ebenso verwaist wie der Töggelikasten. «Wenn es schön ist, herrscht hier Hochbetrieb», sagt Lestrani.

WLAN ist «jeden Rappen wert»

Viel mehr Freizeitangebote bietet die Unterkunft nicht. Einen Fitnessraum, ein Schulzimmer, einen TV-Container. Drei Asylsuchende haben es sich auf den Sofas bequem gemacht, der TV-Bildschirm ist schwarz. Jeder hat Stöpsel in den Ohren. Zwei schauen gebannt auf ihren Smartphone-Bildschirm, schauen so TV. Der dritte schreibt eine Nachricht.

Möglich macht es das Gratis-WLAN auf dem Areal. «Das ist jeden Rappen wert», ist Lestrani überzeugt. Zum einen, weil die Asylsuchenden so in Kontakt mit ihren Familien bleiben können; gäbe es in der Unterkunft kein WLAN, würden sie auf öffentliche Hotspots ausweichen.

Zum anderen «hilft das, den Ball flach zu halten», sagt Thueler. Es verhindere Spannungen und damit Probleme.

Ein zweites Spannungsfeld ist, wie in einer WG, die Küche. Auch hier helfe «ein geniales Konzept», so Lestrani, dass der Ärger ausbleibt: Jeder hat ein eigenes Fach, in dem er Geschirr und Esswaren aufbewahrt. Dieses ist abschliessbar. Mit demselben Schlüssel kann er den schmalen Spind im Zimmer und das Fach im Kühlschrank abschliessen. «So ist immer klar, was wem gehört.»

Ein Asylsuchender bringt gerade seine Einkäufe in die Küche, verstaut sie in seinem Fach. Dosen, Brot, Gemüse. Auskommen müssen die Asylsuchenden mit zehn Franken pro Tag. Wer mitarbeitet und zum Beispiel die Sanitäranlagen reinigt, kann sich ein Sackgeld von drei bis maximal sieben Franken pro Tag dazuverdienen. Die Jobs sind gefragt.

Montagabend, kurz vor 18 Uhr. Der Duft hängt noch immer in der Küchenbox. Ein Asylsuchender zieht sich, ein scheues «hello» murmelnd, aus der Küche in sein Zimmer zurück. Drei auf acht Meter, vier Betten, vier Schränke, zwei Stühle, ein Fenster zur Werkhofhalle. Sonst ist auf den langen, schwach beleuchteten Gängen niemand zu sehen.

Das Container-Dörfli strahlt eine ganz spezielle Atmosphäre aus. «Es ist bei uns ähnlich wie in einer Jugendherberge», sagt Burkhalter. Ein Miteinander, bei dem auch jeder für sich selber schaut.

Mit einem ganz grossen Unterschied. Ferien sind das nicht.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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