Die Diskussion um Rayonverbote und sensible Zonen, um Abgrenzung und Berührungsängste, welche die SVP in Frick einen Monat vor der Eröffnung der Asylunterkunft im ehemaligen A3-Werkhof angezettelt hat, haben Franz Küpfer und Andreas Willenegger genau verfolgt. Die beiden gehören der IG Integration (IGI) in Gipf-Oberfrick an und versuchen, den 17 Asylsuchenden im Dorf zu helfen, ihr Bezugspunkt zu sein. «Ihr Wegbegleiter«, formuliert es Willenegger. Und, ja, auch ihr Freund.

Die Vorstellung, dass die Asylsuchenden das Freibad zu einer «Schönwetter-Filiale» der Asylunterkunft machen, wie es die SVP antönt, «ist abstrus», so Küpfer. Denn: «Es ist nicht ihr Bedürfnis, in die Badi zu gehen – und sie haben nicht das Geld dazu.»

Der Ansatz, den die IGI praktiziert und postuliert, ist genau der umgekehrte: Integration statt Ausgrenzung. «Wenn ich die Bilder von den Flüchtlingsströmen sehe, dann wird mir jedes Mal bewusst: Es ist das Richtige, was wir tun», sagt Willenegger. Und es ist das Effektivste, was man von hier aus tun kann. «Ich kann die Situation in Syrien nicht ändern», sagt Küpfer. «Aber ich kann mithelfen, dass es die Menschen, die bei uns um Asyl suchen, einfacher haben.» Dass sie eine Ansprechperson haben. Dass sie «Teil des Dorfes werden», so Willenegger. Er ist sich auch bewusst: Nicht alle im Dorf wollen das; etlichen sind die Asylbewerber suspekt. Ihnen wäre es am liebsten, sie wären gar nicht hier. «Damit muss man leben.»

Fremdheit abbauen, Ängste lösen

Die IGI lässt sich dadurch nicht beirren. Sie ist überzeugt von ihrem Weg, einem Weg, der auf einem fusst: Menschlichkeit. «Das fängt beim Kleinen an», erzählt Küpfer. Beim Grüssen auf der Strasse etwa oder beim kurzen Schwatz im Dorfladen. Letzteres hat einen Doppeleffekt: «An den Gesprächen partizipieren indirekt auch andere Kunden. Das hilft, allfällige Mauern abzubauen.» Denn die Ängste in der Bevölkerung, davon ist Willenegger überzeugt, fussen primär im Nicht-Kennen, im Fremden. «Ist diese Fremdheit überwunden, sind meist auch die Ängste weg.»

Genau dies ist die Intention der IGI. «Es geht uns darum, eine Parallelgesellschaft zu verhindern», sagt Küpfer. Hier die Einwohner, da die Asylsuchenden. Es geht um ein Miteinander, um ein Durchbrechen des Schwarz-Weiss-Schemas. Dazu setzt die IGI auf verschiedene Bausteine.

Ein ganz zentraler ist das Götti-Prinzip. «Jeder Asylsuchende, der dies will, erhält einen Götti oder eine Gotte», sagt Willenegger. Er oder sie ist für die Zeit, in der der Asylsuchende im Dorf ist, der Ansprechpartner. Ein Götti hilft, Briefe von den Behörden zu verstehen; «die Schreiben sind in typischem Beamtendeutsch verfasst, was nur die wenigsten Asylsuchenden verstehen», so Küpfer. Eine Gotte ist dazu da, wenn schwierige Telefonate zu führen sind oder ein Arztbesuch ansteht oder sonst ein Problem besteht.

«Oft entstehen auch Freundschaften», sagt Küpfer. Das sei sehr bereichernd. Aber klar: Je näher die Beziehung, desto schwerer fällt das Abschiednehmen. Und das gehört dazu, ist Teil von Asylverfahren und -realität. Auch, dass Asylsuchende bei einem negativen Entscheid bisweilen Knall auf Fall weg sind. Untergetaucht. Die unschöne Seite der Asylmedaille.

Ein zweites, ganz zentrales Standbein der 2015 gegründeten IGI ist der Sprachunterricht. «Es ist der wichtigste Schlüssel im Leben und für die Integration», weiss Küpfer, einer der Lehrer. Vor allem auch, weil die wenigsten Asylsuchenden Englisch sprechen. «Also gibt es nur die Wahl zwischen Deutsch und Wortlosigkeit.» Jeden Dienstag ab 18 Uhr drängen Küpfer und weitere IGI-Mitglieder im Pfarreizentrum die Wortlosigkeit ein Stück weiter zurück. Es gehe aber nicht nur um die Vermittlung der Sprache, betont Küpfer. Auch kulturelle Eigenheiten der Schweiz lernen die Asylsuchenden bei den Treffen kennen – und sie erhalten Unterstützung bei den Hausaufgaben, die sie in den offiziellen Deutschkursen aufgebrummt bekommen.

Enge Kooperation mit Gemeinde

Neben dem Deutschunterricht bietet die IGI weitere Angebote an. Begegnungsanlässe gehören dazu, Sport und Gartenarbeit. «Hier war ich am Anfang skeptisch, ob das bei der hohen Fluktuation geht», sagt Küpfer. Es geht. Sehr gut sogar. Und es zeigt einen wesentlichen Aspekt, weshalb die IGI so gut funktioniert: «Die Autonomie ist bei uns grossgeschrieben», sagt Willenegger. Wer etwas anbieten will, kann dies nach Absprache auch tun.

Absprache ist der IGI auch sonst wichtig, mehr noch: Sie ist das Fundament, auf dem die Aktivitäten aufgebaut sind. «Wir haben unser Konzept zusammen mit der Gemeinde entwickelt», erklärt Willenegger. Dies stelle sicher, dass «die Arbeitsteilung an der richtigen Stelle geschieht und wir uns gegenseitig nicht ins Gehege kommen».

Absprache heisst: Die Gemeinde weist die Asylsuchenden auf das Götti-Angebot hin. Absprache heisst: Das Sozialamt bespricht schon mal eine Einzelfallfrage mit dem zuständigen Götti. Absprache heisst aber auch: «Wir halten uns aus allem raus, was mit dem Geldbezug oder mit allfälligen Sanktionen zu tun hat», so Küpfer.

Ihr Engagement sehen Küpfer und Willenegger nicht als Einbahnstrasse. «Wir bekommen auch viel zurück.» Es entstehen neue Freundschaften – durchaus auch mit Leuten im Dorf, die man bislang nicht kannte. Es gibt «eine innere Zufriedenheit». Und: «Es ist die einzig adäquate Antwort auf die Flüchtlingsströme, die wir vor Ort geben können.»