Möhlin
Sie ist die «Mutti» vom Schwimmbad Möhlin – seit 26 Jahren

Marianna Grünig ist seit 26 Jahren Kassierin des Schwimmbads in Möhlin. Sie trat einst die Nachfolge ihrer Freundin an. Von ihrer früheren Arbeitsstelle hat sie den Spitznamen «Mutti» mitgebracht.

Nadine Böni
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So, wie die Badegäste sie kennen: Marianna Grünig (70) am Kassenhaus des Schwimmbads in Möhlin.

So, wie die Badegäste sie kennen: Marianna Grünig (70) am Kassenhaus des Schwimmbads in Möhlin.

Nadine Böni

«Mutti» gibt dem Mädchen ein paar Kirschen mit für den Heimweg. Sie leiht der jungen Frau ein Feuerzeug aus für den Tag, klebt dem Jungen ein Pflaster auf die Schürfwunde am Knie. Und sie zeigt ihm im Fundbüro die Flipflops, die er am Tag zuvor hat liegen lassen. Mutti heisst Marianna Grünig (70). Seit 26 Jahren ist sie Kassierin im Schwimmbad Möhlin.

Angefangen hat alles mit einem spontanen Angebot an eine gute Freundin. Diese arbeitete als Kassierin im Schwimmbad, Marianna Grünig servierte im damaligen Restaurant Sonne. Als ihre Freundin das Pensum als Kassierin nicht mehr schaffte, bot Grünig ihr an, jeden Tag für ein paar Stunden einzuspringen. «Eigentlich dachte ich, das sei so eine Übergangslösung», sagt Grünig. Aber der neue Aushilfsjob gefiel ihr plötzlich besser, als das Servieren: «Im Restaurant bediente ich immer ungefähr die gleichen Leute. Im Schwimmbad habe ich viel mehr Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen.»

Vom Spruch zum Spitznamen

Marianna Grünig trat schliesslich die Nachfolge ihrer Freundin an – geblieben ist ihr Spitzname aus ihrer Zeit im Service. Im Kaffee Schenk arbeitete sie, in den Restaurants Ryburg und Sonnenberg und eben: in der alten Sonne. Dort kam sie schliesslich auch zu ihrem Spitznamen. Eines Tages nämlich fragte ein junger Gast im Spass: «Na, Mutti, kennst du mich noch?»

Sie kannte ihn noch und sie kennt ihn heute noch. Die jungen Menschen von damals ist mittlerweile erwachsen, haben selber Kinder. So sind es inzwischen schon zwei Generationen, die Marianna Grünig als «Mutti» kennen. Die dritte Generation wächst gerade heran.

Klatschhefte bei Regen

Es ist der Kundenkontakt, der ihr bei der Arbeit Spass bereitet. Sie kennt ihr Publikum gut. Kaum ein Gast betritt das Schwimmbad ohne einen Schwatz an der Kasse. Einer erzählt, wie er sein gestohlenes Velo wieder gefunden hat. Eine Frau berichtet von ihrem Coiffeur-Termin. Ein Gast fragt: «Alles klar an der Kaffeebar?» Grünig warnt ihn mit einem Wink zum schütteren Haar vor dem Sonnenbrand auf der «schinige Platte». Beide lachen.

Im Raum, durch dessen Fenster Marianna Grünig die Eintritte verkauft, wirbeln drei Ventilatoren die warme Luft um. Ein Glas Wasser steht auf dem Tisch, eine Schale mit Kirschen und Johannisbeeren. Ein Klatschheft ist aufgeschlagen, im Radio liest der Moderator die Staumeldungen.

Langweilig wird Marianna Grünig nicht. Für die Mittagspause nimmt sie sich 20 Minuten Zeit, in denen sie von einem der Badmeister vertreten wird. Ist im Schwimmbad viel los und müssen die Badmeister auf ihren Posten bleiben, verzichtet sie auf die Pause und bedient «zwischen zwei Bissen» die Gäste, erzählt Grünig und trinkt einen Schluck Wasser. Der Tag verspricht heiss zu werden. Temperaturen über 30 Grad sind angesagt. «Da wird es im Kassenhaus bis zu 40 Grad heiss», sagt Grünig. Aber obwohl dann das T-Shirt am Rücken klebt und die Schweissperlen auf der Stirn stehen – die heissen Tage sind ihr lieber, als wenn es regnet.

Vorfreude im Oktober

Wenn an einem trüben Tag weniger Gäste vorbeischauen, wischt sie den Boden, putzt den Backofen oder wäscht liegen gelassene Badetücher aus. Ist einmal wirklich schlechtes Wetter angesagt, bleibt die Kasse geschlossen und Grünig auf Pikettdienst. Solche Tage gab es in diesem Sommer schon genug, wenn es nach ihr geht. Im Juli sei sie über zwei Wochen zu Hause gehockt. «Langweilig», lautet Grünigs lapidarer Kommentar dazu.

Die dreieinhalb Monate, in denen das Schwimmbad offen ist, sind ihr wichtig. Die befristete Arbeit sei ideal. So behalte sie den Kontakt zu den Menschen. Danach aber braucht sie eine Pause. «Je älter man wird, desto weniger Power hat man», sagt Grünig. So ist sie im September froh, dass die Saison vorbei ist. Dann kümmert sie sich um ihr grosses Hobby: Für Weihnachten bastelt sie Scherenschnitt-Karten. «Aber spätestens im Oktober freue ich mich wieder auf den Tag, an dem das Schwimmbad aufgeht», sagt Grünig.

Jetzt schon spricht sie von der nächsten Saison. Aufhören ist kein Thema. «Solange ich lebe, bin ich hier», sagt Grünig. Auf negative Erlebnisse angesprochen, kommt ihr nur eines in den Sinn: Vor einigen Jahren sei ein Vater auf der Suche nach seinem Sohn ausfällig geworden und habe sogar ihr Kassenhaus gestürmt, als sie sich weigerte, seinen Sohn ununterbrochen auszurufen. Da habe sie das Mikrofon ausgeschaltet und ihn zu Recht gewiesen, sagt Grünig. Man glaubt es Mutti aufs Wort.