Fricktal/Welt

Sie haben sich getraut: Die Fricktaler Weltumsegler sind in den Hafen der Ehe eingelaufen

Pia Koch und Köbi Brem segeln seit 2018 über die Weltmeere. ­Corona hat sie zwar ausgebremst. Dafür liefen sie in einen anderen Hafen ein.

Die Coronapandemie hält die Welt in Atem. Das erfahren auch Köbi Brem, 60, und Pia Koch, 63, auf ihrer Weltumseglung tagtäglich. Vor gut zwei Jahren haben die beiden ihre Zelte im Fricktal abgebrochen und sind seither auf der Segelyacht Lupina auf den Weltmeeren unterwegs. Nur eben: Das Unterwegssein ist derzeit auch segelnd nur schwer möglich. Viele Länder haben ihre Grenzen geschlossen– auch für Segelschiffe.

Die Coronakrise hat die beiden Segler «in Jamaika eingebremst» und die Pläne über den Haufen geworfen, erzählt Köbi Brem. 79 Tage lang durften sie den Ankerplatz in Jamaika nicht verlassen. Und danach ging es nicht wie geplant nach Kuba und zum Panamakanal weiter, sondern nach Bonaire, einer Insel rund 80 Kilometer nördlich von Venezuela. Nach der Einreise mussten sie zuerst zwei Woche in Quarantäne. In Bonaire verbringen die beiden die Hurrikan­saison, die bis Ende November dauert.

Seit Juli sind kaum ­Seemeilen hinzugekommen

«Lange Zeit sah es auch in Bonaire so aus, dass man sonst nirgendwo mehr hinfahren konnte, da rings um uns alle Inseln die Grenzen geschlossen hatten», sagt der ehemalige Gemeindeammann von Wölflinswil. In den letzten Wochen seien nun einige Länder wieder geöffnet. «Aber wie lange? Wir wissen es nicht und müssen flexibel bleiben.»

Entsprechend sieht auch die Segelbilanz der letzten Monate aus. «Seit Juli liegen wir an einer Boje, und das Schiff wird nur ganz selten für eine kleine Spritztour der Küste entlang oder um die kleine Insel davor bewegt», so Brem. So wenig Seemeilen wie in dieser Zeit hätten sie vorher noch nie gemacht.

Um an Land zu gehen, müssen die beiden zuerst ins Dingi, das kleine Beiboot, steigen und rund einen Kilometer entlang der Küste zum Bootssteg fahren. «Ankern ist hier wegen der wunderschönen Korallenbänke nicht erlaubt.»

Immerhin: Bonaire hat die Coronasituation im Griff. «Es hat nur ganz wenige Infizierte, und das Tracking funktioniert sehr gut», berichtet Brem. Wer vom Ausland einreisen wolle, müsse aus einem Low-Risk-Land kommen und einen ak­tuellen Covid-19-Test vorweisen. «Die Menschen hier gehen locker mit den wenigen Einschränkungen um, die es gibt.»

Die Coronasituation stimmt Brem aber nachdenklich. «Es ist tragisch, was auf der Welt passiert. Wir kommen mit dem Schiff in Ländern vorbei, wo der Staat seinen Leuten nicht helfen kann.» Wer seine Arbeit verloren habe, müsse selber schauen, wie er sich und seine Familie über Wasser halte.

Den Bund fürs Leben ­geschlossen

Ihre Familien in der Schweiz besuchten die beiden im Sommer– und brachten eine gehörige Überraschung aus der Karibik in die Heimat mit: ihre Vermählung. 25 Jahren sind die beiden bereits befreundet, und anfänglich wurden sie immer wieder auf eine Hochzeit angesprochen. Mit der Zeit nahmen die Fragen von aussen zwar ab. Eine Heirat blieb aber stets «irgendwo im Hinterkopf», wie die beiden in ihrem Logbuch schreiben.

Bei einem «sehr romantischen Sonnenuntergang auf der Lupina» machte Köbi seiner Pia dann im Oktober 2019 den Antrag. Sie überlegte es sich und teilte ihm ihre Antwort auf ganz spezielle Weise mit: In einem Stück Kuchen fand Köbi Brem kauend ein kleines Zettelchen eingebacken: «Ja, ich will!»

Schmerzen im Rücken nahmen auf einmal zu

Etwas anderes wollte Köbi Brem dagegen überhaupt nicht, bekam es aber trotzdem: Schmerzen im Rücken. Dass etwas nicht in Ordnung ist, hat sich «langsam angekündigt durch Schmerzen im Rücken am Morgen beim Aufstehen», erzählt er. Dann, als die beiden in der Schweiz waren, nahmen die Schmerzen sehr stark zu und begannen, ins rechte Bein auszustrahlen. Ein MRI zeigte: Diskushernie.

Die beiden verschoben deshalb ihren Rückflug um einige Tage, sodass sich Brem kurieren konnte. «Zuerst mit vielen Schmerzmitteln und dann, als die Schmerzen erträglicher wurden, mit Physiotherapie und Cranio-Sacral-Therapie», erzählt er.

Zurück ging es, nunmehr in den Hafen der Ehe eingelaufen, mit der Erinnerung an ein wunderbares Fest im Gepäck – und mit prall gefüllten Koffern. «Wir hatten viel Ersatzmaterial für die Lupina dabei», so Brem. Nach dem zehnstündigen Flug ist insbesondere Köbi Brem mit seinem inzwischen steifen Rücken erleichtert, angekommen zu sein. «Dank einem aktuellen negativen PCR-Test und korrekt ausgefüllten Gesundheitsdeklarationen durften wir ohne zusätzliche Quarantäne in Bonaire einreisen», schreiben die beiden in ihrem Blog.

Inzwischen ist der Rücken «weitgehend schmerzfrei», sagt Brem, «aber das rechte Bein ist immer noch etwas eingeschränkt». Aktuell macht Brem täglich seine Übungen, um die Wirbelsäule wieder beweglich und geschmeidig zu machen. «Zudem hilft mir eine gezielte Akupunktur, die ich hier in Bonaire gefunden habe.»

Alles eine Frage des ­Waschgangs

Alles in allem «geht es uns sehr gut, und wir geniessen die heissen Temperaturen», bilanziert Brem. Diese liegen aktuell bei rund 30 Grad. «Wenn es uns zu heiss wird, springen wir einfach ins glasklare Wasser und schnorcheln ein wenig.»

Die Segelzwangspause haben die beiden genutzt, um die Lupina weiter zu optimieren. So haben sie die eigene Stromproduktion mit zwei Solarpaneelen zu je 180 Watt nachgerüstet. «Und eine neue Waschmaschine ist endlich geliefert worden und auch schon eingebaut», erzählt Brem. Da in Europa immer mehr Haushalte eine eigene Waschmaschine haben, werden die Waschsalons in den Marinas immer seltener. «Und dort, wo es noch welche gibt, sind diese meist sehr teuer oder funktionieren schlecht», haben die beiden die Erfahrung gemacht.

In der Karibik werde die Wäsche meist nur kaltgewaschen, und in der Südsee gebe es schon gar keine Marinas mehr, wo man waschen könnte. «Für uns ist die Waschmaschine deshalb ein unerlässliches Haushaltsgerät.»

Waschtechnisch ist somit alles klar. Wie es segeltechnisch nach der Hurrikansaison weitergeht, ist dagegen noch offen. «Bis vor kurzem machte Planen wenig Sinn, denn die Situation um uns herum ändert sich fast täglich», sagt Brem.

Nun scheine sich aber abzuzeichnen, dass Kuba seine Grenzen für Segelboote wieder aufmache. «Sollte sich das tatsächlich bestätigen, wird das unsere nächste Destination sein, bevor es dann nach Panama und in den Pazifik geht.» Auf Kuba freuen sich beide jetzt schon sehr. Es sei eine ihrer Traumdestinationen, die sie eigentlich schon im Sommer ansteuern wollten, sagt Brem. Wird es in einem Monat klappen? Corona wird es zeigen.

Klar ist auf jeden Fall: Für Köbi Brem und Pia Koch geht der Traum weiter. Sie leben ihn, haben sich getraut, mit 60 nochmals einen neuen Kurs im Leben zu setzen. Segel- und lebenstechnisch.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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