Herznach
Sie begleitet Sterbende in den Tod – das gibt ihr Kraft und Zuversicht

Marlis Schmid engagiert sich seit ihrer Pensionierung als Sakristanin, Betreuerin und Sterbebegleiterin. Die wenigsten Sterbenden wollen über den Tod reden, sagt sie. Aus unterschiedlichen Gründen.

Thomas Wehrli
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«Die Sterbebegleitungen belasten mich nicht»: Marlis Schmid ist seit Juli 2013 bei Hospiz Aargau als ambulante Sterbebegleiterin im Einsatz.

«Die Sterbebegleitungen belasten mich nicht»: Marlis Schmid ist seit Juli 2013 bei Hospiz Aargau als ambulante Sterbebegleiterin im Einsatz.

Thomas Wehrli

Der Tod. Er ist Teil des Lebens, ist Schlusspunkt, ist Anfang zugleich, zumindest für all jene, die an ein Leben danach glauben.

Der Tod. Er ist ein Mysterium, die grosse Unbekannte im Leben, die man nur allzu gerne wegschiebt, sie verdrängt, wenn man sie schon nicht eliminieren kann.

Der Tod. Er ist Teil von Marlis Schmids Alltag, war dies auch früher, damals, als sie noch Leiterin des Alterszentrums Bruggbach in Frick war. Seit ihrer Pensionierung, das war 2013, ist Gevatter Tod ihr noch vertrauter geworden: Für das Hospiz Aargau begleitet sie Menschen, meist ältere, in den Tod. Bei ihnen zu Hause, dort, wo lange ihr Leben war. «Diese Aufgabe braucht mich sehr», erzählt die 64-Jährige in ihrem Haus in Herznach. Doch die Begleitung gebe ihr auch viel, gebe Kraft, gebe Zuversicht.

Oft reicht es, einfach da zu sein, eine Hand zu halten, ein Lächeln zu schenken, die Lippen zu benetzen, das Gesicht mit einem Tuch abzutupfen. Manchmal ergeben sich auch Gespräche, amüsante, tiefe, über Gott und die Welt, über Sein und Schein. Und über das Sterben? «Nein», sagt Schmid, «über dieses Thema wollen die wenigsten reden.» Weil sie sich schon vorher damit auseinandergesetzt haben. Oder den Tod bis zuletzt verdrängen, ihn mit Nichtbeachtung abstrafen, wobei die Frage offenbleiben muss, wer am Schluss der Abgestrafte ist.

Sakristanin in Stein

Der Tod. Er kann Marlis Schmid nichts anhaben, zumindest der «fremde» nicht. «Die Begleitungen belasten mich nicht», erzählt sie. «Sonst würde ich es auch nicht machen.» Es falle ihr sogar «bedeutend leichter» als früher, in den 30 Jahren, in denen sie in mehreren Altersheimen gearbeitet hat. Anders als zu den Heimbewohnern hat sie zu den Menschen, die sie heute begleitet, keine Beziehung, lernt sie erst auf deren letztem Weg kennen, begegnet ihnen ein-, wenn es hochkommt zweimal.

«Wann ich einen guten Job gemacht habe?», wiederholt sie die Frage, blickt durch das Fenster in die erwachende Natur. «Wenn jemand ruhig einschlafen kann», antwortet sie nach kurzer Pause. «Oder wenn eine Tochter am Morgen ins Zimmer kommt und sagt: ‹Heute konnte ich wieder einmal gut schlafen, weil ich wusste, dass für meine Mutter gut geschaut wird›.»

Dieses Für-andere-Schauen zieht sich wie ein roter Faden, nein: wie ein rotes Seil durch das Leben von Marlis Schmid. Geben ist seliger als Nehmen, heisst es in der Apostelgeschichte – ein Satz, der auf Marlis Schmid gleich doppelt zutrifft. Zum einen, weil sie die Kraft für ihr eigenes Leben aus dem Geben schöpft; zum anderen, weil die Bibel, der Glaube für sie einen zentralen Stellenwert hat. Im Leben, im Alltag, im Sterben, irgendwann dann.

Ein Stück Alltag ist die Kirche für Schmid seit der Pensionierung auch ganz direkt geworden, in Stein, wo sie seit Mai 2013 als Sakristanin amtet. Die Aufgabe erfülle sie, gebe ihr Ruhe, gebe ihr Kraft. Wenn ein Gottesdienst «rund lief», wenn wieder Stille im Gotteshaus einkehrt, wenn die Messe in ihr nachwirkt – «dann verspüre ich eine grosse innere Zufriedenheit». Nein, übermässig religiös sei sie nicht, «ich sehe es eher als Dienst an der Gesellschaft».

Der Rollenwechsel, von der Heimleiterin zur Zudienerin, macht Schmid nichts aus. «Das entspricht mir mehr, denn ich stand nie gerne im Vordergrund.» Gefehlt haben ihr nach der Pensionierung denn auch nicht die Führungsaufgaben, das «Ich bin der Boss»-Gefühl noch viel weniger. Gefehlt haben ihr die Menschen, «meine Bewohner», wie sie es ausdrückt. Diese hat sie zurück, zumindest Teilzeit.

Einmal pro Woche verbringt sie einen «Gesellschaftstag» mit einer 99-Jährigen, und in der Tagesstätte für Betagte in Frick betreut sie, ebenfalls einmal pro Woche, ältere Menschen. Drei bis neun Senioren kommen jeweils, die meisten sind dement. Hier das richtige Mass zwischen fordernd und überfordernd, zwischen Animation und Kinderkram zu finden, «ist eine stete Herausforderung», eine Gratwanderung, ein Anrennen gegen das Vergessen auch, das nicht zu gewinnen ist.

Das Privileg, früher zu gehen

Als persönlichen Gewinn erachtet Marlis Schmid all ihre Beschäftigungen, all ihr Engagiert-Sein – so ganz nebenbei ist sie auch noch Präsidentin des Vereins Fürenand Staffeleggtal und Aktuarin der örtlichen Kirchenpflege –, als Bereicherung ihres Ichs.

Eine Marlis Schmid ohne eine Aufgabe in und für die Gesellschaft, nein, das kann man sich wirklich nur schwerlich vorstellen, das will man sich nicht vorstellen – und muss es auch nicht: Sie geniesse zwar die Freiheiten, die das Pensioniertsein biete, sagt sie, das Privileg, auch einmal Nein zu sagen, die Möglichkeit, nichts zu tun («auch das kann ich») oder einem Hobby zu frönen. Aber eben: Ein Hobby ist nur so lange spannend, wie es Hobby bleibt, und so ganz ohne Aufgabe, «nein», sagt sie kopfschüttelnd, «so möchte ich nicht leben». Für den, der es kann, sei es richtig, «mein Weg ist es nicht».

Ihr Weg führte sie, die gebürtige Zeiherin, quer durch den Aargau, bevor er sie 2003 ins Fricktal zurückführte. Mit 52 Jahren übernahm sie die Heimleitung in Frick, eine Aufgabe, die sie liebte, die sie mit Passion, mit Verve auch lebte. Und doch war für sie bereits mit 60 klar: Ich lasse mich frühpensionieren. Weil sie zusehends Mühe mit den Auflagen im Gesundheitswesen bekam, weil sie ihre Kräfte für anderes als fürs Administrieren einsetzen wollte: für die Menschen. Es sei ein «grosses Privileg», früher in Pension gehen zu können, ist sie sich bewusst, ein Privileg, das nun anderen zugutekommt.

Und wo bleibt sie? «Keine Angst», sagt sie lachend, «Ich komme schon nicht zu kurz. Es sind alles Aufgaben, die ich gerne mache und die mir viel zurückgeben.»

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