Fricktal
Sexualität im Altersheim: Selbst Berührerinnen sind kein Tabu mehr

Alters- und Pflegeheime gehen heute offen mit Sexualität um. Dagegen haben viele Angehörige anfangs ein Problem damit, wenn sich ihr Vater oder ihre Mutter eine neue Beziehung im Heim eingeht.

Thomas Wehrli
Drucken
Teilen
Wenn zwei sich finden: In Alters- und Pflegeheimen entstehen oft wunderbare Liebesbeziehungen. Nicht selten ist dabei Zärtlichkeit wichtiger als Sex.

Wenn zwei sich finden: In Alters- und Pflegeheimen entstehen oft wunderbare Liebesbeziehungen. Nicht selten ist dabei Zärtlichkeit wichtiger als Sex.

Stockbyte

«Was für eine Frage.» Peter, 82, noch voll im Saft, schüttelt verständnislos den Kopf. Er blickt zu seiner Partnerin, streicht ihr liebevoll über die Wangen. «Natürlich haben wir auch Sex.»

Kennen gelernt haben sich die beiden in dem Altersheim, in dem sie leben. Ihre Namen möchten sie lieber nicht in der Zeitung lesen. «Nicht wegen uns», schiebt Peter schnell nach. «Wir lieben uns und stehen auch voll dazu. Aber unsere Kinder kommen mit unserer Beziehung nicht so recht klar.»

Andre Rotzetter, Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im oberen Fricktal: «Wenn jemand die Dienste einer Berührerin will, dann ist das kein Problem.»

Andre Rotzetter, Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im oberen Fricktal: «Wenn jemand die Dienste einer Berührerin will, dann ist das kein Problem.»

ZVG

Privatsphäre wird respektiert

Diese Erfahrung hat auch Heinz Stucki, Leiter des Alterszentrums Klostermatte in Laufenburg, gemacht. «Ist die anfängliche Skepsis überwunden, freuen sich die Angehörigen eigentlich immer für ihre Eltern.» Derzeit lebt in seinem Zentrum ein Paar, das sich auch dort kennen gelernt hat. Beide haben ein Einzelzimmer; Mann besucht mal sie, Frau mal ihn. Was hinter der Türe läuft, «geht uns nichts an», sagt Stucki und Rotzetter ergänzt: «Die Zimmer sind ihre Privaträume, die sie gemietet haben.»

Die Privatsphäre zu respektieren, ist für Stucki wie Rotzetter ebenso zentral wie selbstverständlich. «Die Bewohner sagen es uns auch, wenn sie nicht gestört werden wollen», weiss Judith Dominguez, Leiterin des Wohn- und Pflegezentrums Stadelbach in Möhlin. Sie schmunzelt. «Von vielem, was läuft, wissen wir überhaupt nichts.» Einmal, nach dem Tod eines Bewohners, stand eine Mitbewohnerin lange vor dessen Foto, das nach jedem Todesfall im Foyer aufgestellt wird. Sie war dem Weinen nahe. «Erst da erfuhr ich, dass die beiden seit längerem ein Paar waren.»

Geborgenheit gesucht

Berührungsängste mit dem Thema hat keines der angefragten Heime. «Sexualität ist das Natürlichste der Welt und gehört zum Leben», sagt Stucki. «Wenn zwei sich finden, stehen wir garantiert nicht im Wege.» Miriam Crespo, Pressesprecherin des Gesundheitszentrums Fricktal, das auch ein Pflegeheim führt, ergänzt: «Unsere Bewohner legen grossen Wert auf ihre Intimität und können ihre Sexualität auch ausleben.» Das werde von den Mitarbeitenden respektiert.

Für viele Paare, die sich im Altersheim finden, ist die Sexualität ohnehin nicht das Zentrale. «Es geht ihnen oft viel mehr um Geborgenheit, um Zärtlichkeit, ums Kuscheln», sagt Rotzetter. Diese Verlagerung der Sexualität hat auch damit zu tun, dass sich der Altersdurchschnitt in den Heimen massiv nach oben verschoben hat. Man geht heute erst ins Heim, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Aktuell liegt der Altersdurchschnitt in den beiden Alterszentren des VAOF, Frick und Laufenburg, bei rund 86 Jahren.

Gratwanderung bei Dementen

Als heikel entpuppt sich nicht die Sexualität, «die ist Natur» (Rotzetter), sondern der Umgang mit Altersverlusten. Gerade bei Bewohnern mit einer Demenz ist es oft auch für die Leitung und das Pflegeteam eine Gratwanderung, zu wissen – wohl eher: zu spüren, was richtig und was falsch ist. Fragen wie: Will eine Bewohnerin die Nähe eines Mitbewohners? Wie weit kann sie es beurteilen? Wo beginnt die Ausnützung?, stellen sich. «Auch hier ist das Gespräch zentral», sagt Stucki. Mit den Betroffenen, den Angehörigen, dem Team.

«Es gilt, gemeinsam abzuschätzen, ob die Nähe gewollt und richtig ist oder ob wir einschreiten müssen», erklärt Rotzetter. Er betont aber auch: «Solche Fälle sind selten.» Sexualität als Geschlechtsakt ist in diesen Fällen kaum je das Thema; es geht primär um körperliche Nähe.

Berührerinnen sind ein Thema

Durchaus um sexuelle Nähe dagegen kann es bei Bewohnern gehen, die relativ früh ins Alters- oder Pflegeheim kommen. Dass man sich mit 70 noch zu jung für das Abstellgleis fühlt, ist nachvollziehbar. Fehlt die Partnerin, bleiben die Dienste einer Berührerin oder Prostituierten. «Wenn jemand das will, dann ist das kein Problem», sagen sowohl Rotzetter wie Dominguez. «In Absprache mit den Angehörigen haben wir auch schon einmal einen Besuch bei einer Berührerin organisiert», erklärt Rotzetter. «Natürlich auf Rechnung des Bewohners.»

Dominguez hätte auch kein Problem damit, wenn eine Berührerin zu einem Bewohner aufs Zimmer geht. «Er hat das Zimmer schliesslich gemietet.» Beide, Rotzetter wie Dominguez, stehen dem Thema ausgesprochen unverkrampft gegenüber. So ist für Rotzetter klar: Wenn jemand den Termin bei einer Berührerin selber nicht vereinbaren könnte, weil er beispielsweise nicht mehr gut hört, würde das Heim den Anruf übernehmen.

Meist sind es heute noch die Männer, die ihre sexuellen Bedürfnisse im Heim offen anmelden. «Inzwischen sprechen aber auch immer mehr Frauen über die Sexualität», erklärt Dominguez. «Doch für sie gibt es heute kaum Angebote.» Solche aufzubauen, sei ein «echtes Bedürfnis».

Diese liberale Haltung gegenüber dem Thema «Sex im Alter», einem Bereich, der nach wie vor häufig und von vielen tabuisiert wird, hat sich in den letzten Jahren in vielen Pflegeinstitutionen Einzug gehalten. Als «Normalitätsprinzip» bezeichnet es Rotzetter. «Sexualität ist doch keine Frage der Moral», sagt er, «sondern der persönlichen Lebensgestaltung.»

Aktuelle Nachrichten