Rheinfelden
Seltenes historisches Fastentuch hängt noch bis Karfreitag in der Stadtkirche

Historische Fasten- und Hungertücher gibt es nur zweimal in der Schweiz. Zurzeit hängt es in der Rheinfelder christkatholischen Kirche St. Martin. Besonderheit: Bis 1977 wusste niemand von seiner Existenz. Das änderte ein Zufall.

Ingrid Arndt
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Das Rheinfelder Fastentuch ist in grau-blauen Farben gehalten und hängt zwischen Aschermittwoch und Karfreitag in der Stadtkirche St. Martin. ari

Das Rheinfelder Fastentuch ist in grau-blauen Farben gehalten und hängt zwischen Aschermittwoch und Karfreitag in der Stadtkirche St. Martin. ari

Seit Aschermittwoch hängt das historische Fastentuch in der christkatholischen Stadtkirche St. Martin am Altar und verdeckt traditionsgemäss das Bild von der Geburt Jesu. Und es ist in vielerlei Hinsicht etwas ganz Besonderes. In der gesamten Schweiz gibt es nur noch zwei historische Fasten- oder auch Hungertücher, die zwischen Aschermittwoch und Karfreitag in Gebrauch sind. Eines hängt eben in der Rheinfelder Stadtkirche, das andere wird in der Kirche Unterägeri ZG gezeigt.

Bei Zivilschutzübung entdeckt

Spannend, fast abenteuerlich ist auch die Geschichte dieses wunderschönen, in blau-grauen Farben bemalten Baumwolltuches, auf dem die gesamte Passionsgeschichte in Bildern erzählt wird. Bis 1977 wusste überhaupt niemand etwas von der Existenz dieser Kostbarkeit. Meister «Zufall» führte hier gekonnt Regie.

Bei einer turnusmässigen Zivilschutzübung, in die die St.-MartinsKirche einbezogen war, schaute sich Restaurator Bruno Häusel die Rückseite des Altars mit seinen zahlreichen Holzplatten etwas genauer an. Dabei betrachtete er eine eigentlich ebenso unscheinbare Platte, wie es die anderen auch waren, ein wenig näher. Er löste sie und entdeckte unter ihr diese zusammengelegte 324 x 253 Zentimeter grosse Rarität.

Nach den notwendigen Restaurierungsarbeiten war klar, dass es aus dem frühen 17. Jahrhundert stammt und mit ziemlicher Sicherheit für den 1609 errichteten Altar bestimmt war. Die Farbgebung von Bild und Altar sind sehr ähnlich. Über den Künstler selbst weiss man nichts. Denkbar ist, dass der Kopf am unteren Ende des Fastentuches ein Hinweis auf den Maler sein könnte.

Dargestellt ist auf dem Tuch die Kreuzablösung Jesus. Hinter ihm steht Maria, zwei Engel mit Kerzen schweben neben ihm. Umrahmt ist die Szene von den «Arma Christi»: der Lanze, den Nägeln, mit denen er ans Kreuz geschlagen wurde, den Würfeln, mit denen man um sein Gewand spielte, einer Schale mit Wasser, in der sich die Heuchler ihre Hände in Unschuld gewaschen haben, einem essiggetränkten Schwamm, mit dem der durstige Jesus am Kreuz gefoltert wurde. Ausser der normalen Brüchigkeit war dieses fast 400 Jahre alte Tuch bei seiner Auffindung noch so gut erhalten, dass sogar die Haken zum Befestigen weiterverwendet werden konnten.

1995 erstmals präsentiert

Da nicht nur das Hungertuch aufwendig restauriert werden musste, sondern in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts auch die Stadtkirche, konnte es erstmalig in der Passionszeit 1995 der Öffentlichkeit präsentiert werden. Fastentücher sollen ein bildliches Zeichen für leibliche sowie spirituelle Enthaltsamkeit sein. Die Sinne sind auf das Wesentliche im Leben gerichtet.

Jeder kennt den Begriff, «am Hungertuch nagen». Nagen kommt in dem Fall jedoch aus dem Altsprachlichen und bedeutet so viel wie nähen. Frauen nähten damals diese Tücher. Das Brauchtum der Fastentücher ist schon 1000 Jahre alt. Anfänglich schlicht und einfach. Später entstanden dann kleine christliche Kunstwerke – besonders in den Alpenregionen.

Die Fastenzeit fällt zusammen mit dem Ende des Winters und da waren damals die Keller leer. Schmalhans war Küchenmeister, aber die Mütter erfinderisch. So hat auch der Gründonnerstag vor Ostern seine Bedeutung. Man ging hinaus und suchte das erste Grün für die «Gründonnerstagsuppe». Hungrige Mägen konnten damit ein wenig beruhigt werden.

Das Fastentuch in der Stadtkirche St. Martin Rheinfelden ist noch bis Karfreitag in den Gottesdiensten zu sehen.

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