Das idyllische Heim mit Umschwung am Friedweg 10 in Laufenburg gefällt nicht nur seinen Besitzern, Beatrice und Christoph Obrist. Erst im August hat das Ehepaar sein neues Zuhause in der ruhigen Einfamilienhaussiedlung bezogen. Kurz darauf – Anfang September – zeigte sich, dass sie zwar nicht das Haus, dafür einen Teil des Gartens gleich mit Hunderten, wenn nicht sogar mit Tausenden von anderen Bewohnern teilen. «Ich habe an einem Bord gejätet. Plötzlich kamen aus dem sehr sandigen, lockeren Boden unzählige Insekten hervor», erinnert sich Beatrice Obrist. Ob Wespen oder Bienen war sich die Laufenburgerin nicht sicher.

Allergisch auf Wespenstiche, daher mit dem nötigen Respekt, aber gleichwohl voller Gwunder über das ungewöhnliche Flugtreiben in ihrem Garten, nahm Beatrice Obrist eine Probe und brachte sie zur Begutachtung in die Gärtnerei. Dort wurde man gemeinsam und mithilfe von Fachliteratur schnell fündig. Im Garten der Obrist hatte sich eine ungewöhnlich grosse Aggregation, insbesondere äusserst seltene Wildbienenart niedergelassen.

Um noch mehr über ihre emsigen Gartenbewohner zu erfahren, nahm Beatrice Obrist Kontakt mit wildBee, einem Netzwerk für Wildbienen-Freunde, auf. Dank Deborah Millett von wildBee und dem regen Kontakt mit ihr, hat sich die Fricktalerin mittlerweile ein recht umfangreiches Wissen über ihre Gartengäste angeeignet.

Viel Informationsmaterial hat sie zudem von Dr. Paul Westrich erhalten. Er ist Spezialist für Wildbienen. Bei den Wildbienen-Freunden ist die Freude, dass sich nun eine sehr seltene Art in einem Laufenburger Garten niedergelassen hat, gross. Deborah Millett möchte an diesem Beispiel auch aufzeigen, dass es sich nicht um Wespen, sondern eben um Wildbienen handelt.

Keine Wespe, sondern Biene

Tatsächlich ähneln die Efeu-Seidenbienen beim ersten kurzen Hinschauen einer Wespe. Erst beim zweiten Blick zeigen sich deutliche Unterschiede. Der pelzige Kopf und Brustbereich geht über in den breit karamellcreme-schwarz gestreiften Hinterkörper. Diese Art Biene, die wie ihr Name es bereits erahnen lässt, kommt nur in der Nähe von Efeu vor. Sie ernährt sich hauptsächlich vom Staub der Efeublüten.

Der weitere Begriff Seide rührt daher, dass die Brutzellen aus einem seidenartigen Häutchen bestehen, welches das Weibchen selbst herstellt. «Wir wissen leider noch nicht viel über die Entwicklung dieser Art in der Brutzelle, dies wird gerade von Paul Westrich erforscht. Die Arten der Seidenbiene bauen aus eigenen Drüsen eine Brutzelle aus einem seidigen Häutchen, in welchen sie Pollen einbringen und darauf ein Ei legen.

Auch dies ist sehr speziell, denn die meisten anderen Arten verwenden dazu Lehm, Erde, Steinchen, Pflanzenblätter etc. Deshalb ist auch die Zunge der Seidenbiene kürzer als die anderer Bienen», führt hierzu Deborah Millett aus.

Schauplatz: Laufenburger Garten

Fast zwei Jahre stand das Haus am Friedweg 10 leer, bis es vom Ehepaar Obrist gekauft und umfassend saniert wurde. Das lange Leerstehen, die damit verbundene Ruhe im Garten dürfte einer der Gründe sein, weshalb sich die Bienen über viele Quadratmeter ein verhältnismässig grosses Stück Boden erobert haben.

Die fleissigen Tiere graben sich bis 60 Zentimeter tief in den Boden ein, verbinden dann die unzähligen Gänge miteinander. Anfangs September verlassen die Insekten ihre unterirdischen Wohnungen, um sich während kurzer Zeit der Fortpflanzung in der wärmenden Septembersonne zu widmen.

Erfahrungsreiche Zeit

Im Garten am Friedweg gab es bis vor wenigen Tagen so manch Schauspiel zu beobachten. Die nur gerade zwei Wochen alt werdenden Männchen umgarnten zuhauf die Weibchen. «Richtige Knäuel bildeten sich da wenige Zentimeter über dem Boden», erzählt Beatrice Obrist noch ganz erfüllt von dem Summen und Fliegen in ihrem Garten.

Als ganz speziell erlebt sie in dieser Zeit, dass die Bienen absolut frei von jeder Aggressivität sind. «Ich kann mich sogar sogar, während ich einen Apfel esse, mitten in die umherschwirrenden Bienen setzen. Keine von ihnen kommt mir zu nahe, keine sticht.»

Beatrice Obrist weiss auf jeden Fall, dass die grosse Wohngemeinschaft in ihrem Garten während der letzten Tage und Woche für viel Gesprächsstoff, viel interessantes Wissen, viele gute Begegnungen und vor allem für das Sensibilisieren für andere Lebewesen und deren Lebensräume gesorgt hat.

In einem Jahr wieder

Und wer weiss, vielleicht wird in einem Jahr nicht nur das Ehepaar Obrist, sondern auch viele andere Leute grosse Freude dabei empfinden, wenn sie in ihren Gärten die kleinen, hübschen Bienchen bei schönstem Herbstwetter in voller Aktion und die Beinchen voller Efeupollen, beobachten dürfen.