«Das, was der Müller macht, ist eine Blackbox», stellt Adolf Tschudi regelmässig fest. Bei der Erklärung seines Berufes wie auch bei den Führungen durch die Wittnauer Altbachmühle blickt er so manches Mal in staunende Gesichter. Längst sind die nostalgisch-romantischen Zeiten vorbei, in denen das Korn durch einen Mühlestein, angetrieben von einem Wasserrad, offen zu Mehl gemahlen wurde.

Heute geschieht diese Verarbeitung geschlossen in einem hochkomplexen, elektronisch gesteuerten System. In blitzsauberen Chromstahlrohren – eine feine Schicht von Mehlstaub sucht man in der Wittnauer Mühle vergebens – wird das Mehl von der Vermahlung zur Mischerei bis in die Silos der Abpackanlagen transportiert. Ein Teil des Stroms wird durch das eigene Kleinwasserkraftwerk produziert.

Tradition und Entwicklung

Tradition ist der Familie Tschudi wichtig, ohne dabei aber den Anschluss an das Heute und Jetzt zu verpassen. Seit 255 Jahren befindet sich die Altbachmühle im Familienbesitz. Vater Adolf und Sohn Lukas Tschudi führen das Unternehmen nunmehr in der achten und neunten Generation. Lukas Tschudi hat seine dreijährige Lehre als Müller mit Fachrichtung Lebensmittel absolviert. Im heimischen Betrieb in Wittnau bringt er sein neustes Wissen ein, und ist auch begeistert dabei, neue Mehlvariationen zu entwickeln.

«Ich habe mir sogar überlegt, eine Bäckerlehre anzuhängen», so der junge Mann. Er macht damit deutlich, dass für ein qualitativ hochstehendes Endprodukt das Mehl eine entscheidende Rolle spielt. Und je mehr der Müller von der Brotherstellung weiss, desto mehr kann er dieses Wissen auch beim Mahl- und Verfeinerungsprozess in der Mühle einbringen. Auch von Mutter Erika, die immer dabei ist, mit dem hauseigenen Mehl neue Brotkreationen auszuprobieren, bekommt er Tipps und Anregungen.

Apropos Backen. Die Zusammenarbeit mit Bäckereien und Gastrobetrieben ist für die Tschudis ein tragendes Element in ihrer Firmenphilosophie. So wurde unter anderem gemeinsam mit Bäckereien aus der Region das Jurapark-Brot entwickelt.

Wittnau verfügt über ein Ortsbild von nationaler Bedeutung. In dieses harmonische Ortsbild passt das grosse Mühlegebäude am Bach perfekt. Bauliche Veränderungen, auch wenn sie zur Weiterentwicklung und Erhalt eines Unternehmens notwendig sind, lassen sich hier nur schwer umsetzen. Das haben die Tschudis in der jüngeren Vergangenheit zu spüren bekommen.

Sie haben während eines Jahres mithilfe von Adolf Tschudi jun. (Bruder von Lukas) die neue Misch- und Abpackanlage aufgebaut. Adolf jun., ist gelernter Anlagen- und Apparatebauer und betreibt seine eigene Mühlenbau- und Montagefirma. Um am Markt mithalten und auch alle Hygienevorschriften einhalten zu können, war es eine wichtige und zukunftsorientierte Investition.

Vom Wohn- zum Gewerberaum

Beim Rundgang durch den Betrieb – regelmässige Führungen gehören zum Firmenkonzept – bleibt Adolf Tschudi in einem Raum stehen: «Hier habe ich in meiner Jugendzeit mit meinen Eltern gefrühstückt.» Heute befindet sich hier die neue Mischanlage. Die Eigentümer haben Wohnraum in einen Produktionsraum umgewandelt und so vermieden, dass äusserliche Bauerweiterungen nötig gewesen wären.

Seit der Liberalisierung des Getreidemarktes hat sich die Zahl der Mühlen massiv reduziert. Heute gibt es schweizweit gerade noch um die 50 Betriebe. Kleinbetriebe wie die Altbachmühle müssen sehr innovativ sein, um mit der grossen Konkurrenz mithalten zu können. «Die Bedürfnisse der Kunden sind gestiegen», so die beiden Wittnauer.

Trotz der grossen Bandbreite an verschiedenen Mehlerzeugnissen und der damit wachsenden Zahl von Abnehmern sind für die Familie Tschudi nicht Wachstum, sondern die hohe Qualität ihres Mehls und damit auch die Kundenzufriedenheit das Wichtigste. «Wir sind heute mit unseren verschiedenen Mehlen voll im Trend», weiss Adolf Tschudi und führt weiter an: «Wir sind regional tätig und unsere Mehle sind naturbelassen. Und das alles ohne Label.» Vater Tschudi lacht: «Das Label sind Lukas und ich. Wir stehen für Qualität.»

Zehnte Generation

Mit Adolf und Lukas Tschudi dreht die achte und neunte Generation am Firmenrad. Auch Tochter Rebekka hat im Betrieb mitgeholfen. Seit Januar ist sie stolze Mutter eines kleinen Sohnes. Wächst damit die zehnte Generation im Unternehmen heran? Die junge Mutter lacht: «Das werden wir sehen. Für uns Kinder war es nie eine Vorgabe, dass wir in den Betrieb einsteigen müssen. Wir sind damit aufgewachsen und auch hineingewachsen. Druck gab es von unseren Eltern aber nie.» Adolf Tschudi fügt an: «Meine Frau hat gerade vor wenigen Tagen gesagt, dass wenn sie gewusst hätte, wie schön und spannend der Beruf Müller ist, hätte sie Müllerin gelernt.»