Schule
Wenn die Maske die Kommunikation erschwert: So geht das Unterrichten an der HPS Fricktal zu Coronazeiten

Die Coronapandemie erschwert den Unterricht an der HPS Fricktal. Wie gehen Lehrpersonen mit der Situation um? Wie reagieren die Schüler auf die Maskenpflicht? Sarah Vender und Sabine Siegenthaler geben Einblick in den nicht alltäglichen Schulalltag. Schulleiter Urs Jakob sagt: Das Distanzhalten funktioniert bei Kindern mit einer Beeinträchtigung nur beschränkt.

Thomas Wehrli
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Noch bis im Sommer unterrichtet die HPS Fricktal an den Standorten Frick (im Bild) und Rheinfelden. Auf das neue Schuljahr hin werden die Schule in Mumpf zusammengelegt.

Noch bis im Sommer unterrichtet die HPS Fricktal an den Standorten Frick (im Bild) und Rheinfelden. Auf das neue Schuljahr hin werden die Schule in Mumpf zusammengelegt.

Nadine Böni / Aargauer Zeitung

Die Coronapandemie stellte auch bei der HPS Fricktal den Unterricht auf den Kopf. Wie gingen die Lehrpersonen und Schulassistenzen mit den besonderen Herausforderungen um? Wie mit der Maskenpflicht? Wie mit dem Lockdown?

Sabine Siegenthaler, Lehrperson an der HPS Fricktal in Rheinfelden, und Sarah Vender, Schulassistentin an der HPS Fricktal in Frick, erzählen von den speziellen Herausforderungen, welche es mit und für die Kinder mit einer Beeinträchtigung zu meistern galt.

Vender betreut Schülerinnen und Schüler zwischen 13 und 18 Jahren im Schulalltag. Sie bietet dort Hilfestellungen, wo die Jugendlichen etwas nicht alleine können. Das kann im Unterricht ebenso sein wie in der Pflege. Dazu gehört aber auch die Mittagsbetreuung. Siegenthaler unterrichtet auf der Basisstufe, ihre Schützlinge sind vier bis acht Jahre alt. Sowohl die Klasse von Vender als auch jene von Siegenthaler besuchen aktuell acht Kinder und Jugendliche.

Individuelle Lernpakete während des Lockdown.

Beim Lockdown vor einem Jahr waren auch die Schulen zu. «Wir haben Aufgabenpakete geschnürt, die individuell auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler zugeschnitten waren», sagt Vender. Diese wurden den Eltern in regelmässigem Abstand zugestellt und die erledigten Aufgaben im Gegenzug wieder eingesammelt. «Das hat gut funktioniert», sagt Vender. Mit den Eltern standen die Lehrpersonen in dieser Zeit telefonisch in Kontakt. Die Rückmeldungen der Eltern seien positiv gewesen, freut sich Vender. Zwei der acht Kinder mussten in die Notbetreuung, weil die Eltern aus familiären respektive beruflichen Gründen Unterstützung brauchten.

Auch Siegenthaler hat während des Lockdown viel mit den Eltern telefoniert. «Aufgrund dieser Telefonate haben wir jeweils ein Spielpaket zusammengestellt.» Diese wurden den Eltern von den Lehrpersonen und Schulassistenzen vorbeigebracht und zugleich die «ausgespielten» Pakete wieder eingesammelt. Drei ihrer Schützlinge mussten phasenweise in die Notbetreuung.

Der direkte Kontakt fehlte.

Der direkte Kontakt mit den Kindern habe natürlich gefehlt, sagen Vender und Siegenthaler unisono. Auch, weil so jegliche Kommunikation – auch die nonverbale – mit den Schützlingen gänzlich fehlte und sich die Teams voll auf die Aussagen der Eltern verlassen mussten. Die Kommunikation funktionierte mit den meisten Eltern einwandfrei. «Von einigen wenigen hörten wir leider fast nie etwas», so Siegenthaler. «Das hat die Arbeit erschwert.»

Beide loben aber den unermüdlichen Einsatz der Eltern. «Gerade wenn das Kind stark beeinträchtigt ist, stellte der Lockdown viele Familien auf eine harte Probe», sagt Siegenthaler. Einige hätten wegen des Lockdown sogar nicht mehr arbeiten können.

Der Bedarf an Notbetreuung war in Frick kleiner.

Schulleiter Urs Jakob hat während des knapp dreimonatigen Lockdown ein Phänomen festgestellt, das ihn erstaunt hat: «Der Bedarf an Notbetreuung war in Frick deutlich kleiner als in Rheinfelden.» Woran es lag, vermag er nicht abzuschätzen. «Vielleicht liegt ein Grund in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Strukturen einer Land- und einer Stadtgemeinde.»

Das Augenmass bei der Maskenpflicht in gemischten Klassen behalten.

Als die Schulen im Mai wieder in den Präsenzunterricht wechselten, herrschte noch keine Maskenpflicht. «Den Lehrpersonen stand frei, ob sie eine tragen oder nicht», sagt Jakob. Einige trugen Masken – auch weil sie Vorerkrankungen haben.

Die Freiwilligkeit ist längst vorbei. Lehrpersonen und Oberstufenschüler müssen schon seit Herbst eine Maske tragen, seit den Sportferien trifft es auch Schüler in der fünften und sechsten Klasse.

«Das klappt in der Regel gut», bilanziert Jakob. Mit einer Regelung hat er allerdings Mühe: In jahrgangsgemischten Klassen müssen, sitzt auch nur ein Fünft- oder Sechstklässler im Schulzimmer, alle Schüler eine Maske tragen. Dies sei einem sieben- oder achtjährigen Kind mit einer Beeinträchtigung kaum zuzumuten, sagt Jakob.

Die Masken erschweren die Kommunikation.

Die Masken erschweren die Kommunikation, sagt Siegenthaler. Denn gerade Kinder mit Autismusproblematiken sind darauf angewiesen, die Mimik – man kann auch sagen: die Gesichter zu lesen. Damit haben Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen schon ohne Masken Schwierigkeiten; die Masken verstärken die Schwierigkeiten zusätzlich.

Erwartet hätte Siegenthaler, dass einige Kinder Angst vor den Masken haben und sie immer wieder abnehmen. Das sei nur vereinzelt der Fall. «Ich bewundere die Kinder, die eine Maske tragen müssen, wie toll sie es machen und wie gut sie sich an die Regeln halten», fügt Vender beim Interview per Zoom an.

Das Distanzhalten geht mit beeinträchtigten Kindern nicht immer.

Die Regel sagt: Zwischen zwei Personen muss immer mindestens 1,5 Meter Distanz sein. «Das funktioniert bei Kindern mit einer Beeinträchtigung nicht», sagt Jakob und Siegenthaler ergänzt: «Man kann niemanden mit 1,5 Meter Abstand pflegen.»

Die Schutzmassnahmen helfen.

Bislang blieben die beiden Schulen vor einer Infektionskette verschont. «Viel dazu beigetragen hat, dass die Angestellten sich eisern an die Schutzmassnahmen halten», ist Jakob überzeugt. Der Betrieb laufe normal weiter, so Jakob. «Er ist einfach durch viel Vorsicht und auch etwas Unsicherheit geprägt», ergänzt Siegenthaler.

Eine schnelle Impfung würde begrüsst.

Noch können sich die Angestellten der HPS Fricktal nicht impfen lassen. «Wir würden es sehr begrüssen, wenn wir bald an der Reihe wären», sagt Jakob. Denn zum einen seien die Schulen gefährdeter als andere Arbeitsbereiche, zum anderen hätten die heilpädagogischen Schulen auch eine gewisse Systemrelevanz.

«Die Eltern sind darauf angewiesen, dass der Schulbetrieb nicht eingestellt werden muss», so Jakob. Dies trifft zwar auf alle Eltern zu. Doch für Eltern von Kindern mit einer Beeinträchtigung akzentuiert sich die Situation noch, da der Betreuungsaufwand hier nochmals deutlich höher ist.

Derzeit laufen Abklärungen beim Kanton, wann eine Impfung frühestens möglich ist.

Der Wunsch nach Präsenz.

Auf ihren Wunsch angesprochen, antworten alle drei Interviewpartner ähnlich. Jakob wünscht sich, dass bis zum Start des neuen Schuljahres wieder mehr live möglich ist. «Das wäre gerade für die Zusammenführung der beiden Schulstandorte wichtig», sagt er. So konnte der geplante Startevent zwischen Schulen und Stiftung MBF nicht durchgeführt werden. «Natürlich geht es auch digital. Aber das ist nicht das gleiche», so Jakob.

Auf Präsenz im Unterricht hofft Siegenthaler. Der Lockdown habe gezeigt, wie schwierig das Unterrichten gerade an der HPS auf Distanz sei. «Das Zusammensein ist unersetzbar.» Es macht die Arbeit nicht nur einfacher, sondern auch befriedigender. Vender unterstreicht dies. Sie wünscht sich, «dass die Arbeit weiter so abwechslungsreich ist wie jetzt».