Christian Haller, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schweizer Schriftsteller, feiert am nächsten Mittwoch seinen 75. Geburtstag. Die AZ lud ihn zu einem speziellen Interview – zu einem Gespräch in 75 Stichworten. Ein Experiment.

Wir treffen uns in seinem Haus in der Laufenburger Altstadt. Der Empfang ist, wie immer, herzlich, der Weg in den zweiten Stock wohlbekannt. Wir setzen uns in die gedeckte Laube, direkt über dem Fluss, der ruhig unter uns fliesst.

1 Fluss.

Eine Quelle der Inspiration. Er steht für das ewige Fliessen, das Vergängliche, die Zeit, die vergeht. Zugleich erscheint mir seine Oberfläche wie eine Landschaft, die sich dauernd verändert, ist Symbol für den Wandel, dem alles und jeder unterworfen ist.

2 Lebensfluss.

Er gleicht dem Fluss vor dem Fenster. Auch der Lebensfluss ist stets in Veränderung. Kein Moment ist wie der andere, selbst in den Gewohnheiten ist alles doch immer neu. Die Wahrheit, die schon Heraklit erkannt hat, gilt noch heute: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.

3 Ufer.

Es ist der Übergangsbereich von zwei gegensätzlichen Zuständen, dem Flüssigen, sich Verwandelnden, und dem Festen, Beharrenden. Das Ufer ist ein Zwischenreich, nicht eindeutig dem einen oder dem anderen Zustand zuzuordnen. Faszinierend diese Unbestimmtheit und Unentschiedenheit, die typisch für Übergangssituationen sind, wie es sie im Leben oftmals gibt.

Schriftsteller Christian Haller aus Laufenburg hat soeben seinen neuen Roman "Das unaufhaltsame Fliessen" publiziert.

Schriftsteller Christian Haller aus Laufenburg hat soeben seinen neuen Roman "Das unaufhaltsame Fliessen" publiziert.

4 Haltlos.

Ein problematischer Zustand. Sprachlich ist er negativ besetzt: man verliert seinen Halt, gerät in eine taumelnde Bewegung, die man nicht mehr steuern, nicht mehr kontrollieren kann. Wenn Haltlosigkeit sich einstellt, sind wir den Kräften einer Krise ausgesetzt, die mit einem Wegbrechen gefestigter Strukturen einhergeht.

5 Hochwasser.

Dieses Wort ist das Bild dafür, was ich eben versuchte zu beschreiben. Ein Hochwasser hat die Terrasse unseres Hauses weggerissen.

Seine zerstörerische Kraft hat sich nicht nur im Wegbrechen des Materiellen, also der Terrasse gezeigt, auch bei mir selbst wurde dadurch eine kritische Auseinandersetzung mit meinem bisherigen Leben angestossen. Unsere kleine Hausgemeinschaft brachte das Hochwasser in gehörige Turbulenzen.

6 Fundament.

Es ist zentral, ein Fundament zu haben, und es auch zu spüren. Diese Grundlage wird früh in unserem Leben angelegt. Sie sollte Festigkeit haben, damit darauf gebaut werden kann – doch das ist keine Selbstverständlichkeit, wie viele Menschen im Laufe ihres Lebens erfahren müssen.

Es gibt brüchige Fundamente, die nicht richtig tragen wollen. Zentral für das Gelingen des eigenen Lebens ist es, sich seines Fundaments bewusst zu werden. Nur wenn man weiss, wie gut das Fundament trägt, wo seine Schwachstellen sind, kann man sein Leben so darauf bauen, dass auch schwache Stellen tragen, ja vielleicht gerade Lösungen provozieren, die aussergewöhnlich sind.

7 Grenze.

Sie steht für den Bereich, an dem etwas, das man kennt, zu Ende geht, an dem etwas Neues beginnt, uns ins noch Unbekannte führt. Für mich sind Grenzen immer auch die Orte, die den Blick auf das Bestehende ermöglichen, weil ich von den Grenzen her eine grosse Distanz zu dem habe, was im Begrenzten geschieht.

Auch war es für mich wichtig, an Grenzen zu gehen – auch als Künstler, in meinem Werk. Nur wenn man an die Grenze geht, sie spürt, kann man sie überschreiten.

8 Altstadt.

Ein schön gestalteter Raum. Es ist ein vergangener Raum, ein Raum, an dem eine ganze Gemeinschaft gebaut hat. Die Altstadt ist ein Stück Geschichte, an der wir heute weiterbauen, eine Zeitzeugin unterschiedlicher Bedürfnisse, Absichten, Notwendigkeiten.

Die Altstadt, gerade auch jene von Laufenburg, ist in ihrer Grundkonzeption von grosser Schönheit, auch wenn es ein paar baufällige Häuser gibt oder Umbauten, die wir heute so nicht mehr machen würden. Von den Häusern und Gassen geht eine Ruhe aus, die allerdings durch Umbauten und festliche Anlässe sehr gestört werden kann.

9 Laufenburg.

Ich kam durch einen Zufall nach Laufenburg. Ich lernte die Stadt durch einen Freund kennen, fand später das Haus an der Laufengasse und liess mich mit meinen Mitbewohnerinnen im Städtchen nieder.

Erst später erfuhr ich, dass in Laufenburg meine Grossmutter mütterlicherseits zur Schule gegangen ist. Dass hier meine Grosseltern geheiratet haben. Es traten Bezüge zutage, von denen ich nichts gewusst habe, als ich hierherzog, die ich erst hier entdeckt habe. Die Geschichte der Stadt und die meiner Familie flossen auf einmal ineinander.

10 Eltern.

Meine Eltern kamen aus sehr gegensätzlichen Familien. Sie mochten sich gerne, aber die beiden Familien im Hintergrund waren wie grosse, reibende Mühlsteine. Diese Reibung übertrug sich auf die Eltern und auf uns Kinder.

Bei aller Gegensätzlichkeit der Familien hatten beide Linien etwas absolut Faszinierendes – aber auch etwas ebenso Gefährdendes. Diese Bipolarität hat meine Eltern bestimmt, sie hat aber auch uns Kinder in frühe Konfliktsituationen gebracht.

Sie zeigten sich nicht äusserlich, manifestierten sich nicht als Streit; die Prozesse, die Irritationen auslösten, liefen viel tiefer ab, erzeugten eine Unbestimmtheit der Zugehörigkeit und des Selbstverständnisses.

11 Aufwachsen.

Eine Notwendigkeit, um die man im Leben nicht herumkommt und die sehr stark durch Aussenfaktoren bestimmt ist. Durch die Eltern, den Ort, an dem man wohnt, die Schule, die man besucht, die Nachbarskinder.

Ich selber erlebte dieses Aufwachsen zwiespältig, auch etwas bedrohlich. Deshalb schuf ich mir als Kind eine eigene Welt, in der ich mich geschützt fühlte vor der Aussenwelt. Ich schuf mir mit der Archäologie oder durch die dramatische Literatur einen Rückzugsraum, zu dem nur ich Zutritt hatte.

12 Zoologie.

Das Studium war für mich eine Lebenskunde, die nicht im Erleben, sondern im rationalen Untersuchen ihren Ausgangspunkt hat. Das hat mich sehr fasziniert und mir eine Welt eröffnet, zu der ich vorher keinen Zugang hatte. Die Naturwissenschaften und ihre Forschungsergebnisse interessieren mich auch noch heute sehr.

13 Schmetterlinge.

Sie gibt es in der Natur als wunderbare Wesen, und es gibt sie im Bauch als ein flattriges Gefühl. Zauberhaft, wenn man dieses Gefühl erleben darf, wenn man darin eintaucht, tiefer und tiefer. Das Gefühl überträgt sich auf unser Befinden, trägt uns schwebend, einem Schmetterling gleich, durch den Tag.

14 Lieben.

Lieben ist eine fundamentale Fähigkeit, die wir Menschen haben. Sie ist die Gegenkraft zu Hass, zum Aburteilen, zum Sich-selbst-Überhöhen durch Ausschliessen des Fremden, des Anderen.

Die Liebe ist ein fragloses Zugeneigtsein zu dem, was uns umgibt, zu Menschen, zur Natur, zum Dasein. Lieben ist gleichzeitig eine Komponente des Schöpferischen, ohne die es keine Kunst gibt.

15 Leben.

Es ist uns gegeben. Es ist ein Weg, ein permanentes Suchen und Finden. Wenn ich heute auf den Weg zurückschaue, stelle ich fest, dass es ein schwieriger Weg war, den ich gegangen bin, ein Weg, der mit vielen Enttäuschungen und Beschwernissen gepflastert war.

Aber es ist mein Weg gewesen, mein Leben. Es ist der einzige Weg, den ich beschreiten konnte, den ich beschreiten wollte. So war es wohl auch der richtige Weg.

Christian Haller fotografiert in seinem Zuhause am Ufer des Rheins.

Christian Haller fotografiert in seinem Zuhause am Ufer des Rheins.

16 Erinnern.

Für mich ist es eine der ganz wichtigen Fähigkeiten, wieder wachzurufen, was war; zu betrachten, was droht vergessen zu werden; zu reflektieren, weshalb etwas so war, wie es war.

Erinnern hat für mich einen grossen Reiz, denn es führt mich an Grenzen der Einfühlung. Erinnerungen werden dort interessant, wo sie nahe am Vergessen stehen. Dort bekommen sie eine Dringlichkeit, die nach Gestaltung ruft. Man merkt, dass auch sie vergänglich sind, dass man sie pflegen muss, damit sie in uns lebendig bleiben.

17 Schreiben.

Für mich eine Lebensnotwendigkeit.

18 Denken.

Eine Beschwernis und ein Vergnügen zugleich. Nachzudenken, zu reflektieren, einzuordnen, ist in meinem Leben etwas Grundlegendes.

Es ist Teil meiner selbst. Vieles, was anderen selbstverständlich erschien, war es für mich nicht. Ich musste darüber nachdenken, es ordnen. Das Denken erlebe ich als anstrengende Tätigkeit, die aber das Glück der Erkenntnis mit sich führt.

19 Geburtstag.

Er spielte in meinem Leben nie eine grosse Rolle. Das Schönste an meinem Geburtstag war und ist die Tatsache, dass am nächsten Tag der 1. März – und damit der Frühling nicht mehr allzu weit entfernt ist.

20 Zeit.

Sie hat für mich etwas Zweischneidiges. Wir leben zum einen in der Zeit. Sie nimmt uns mit, unaufhaltsam. Wir sind geprägt von der Zeit, auch als Gesellschaft; Zeitströmungen erfassen uns, ob wir das nun wollen oder nicht. Gleichzeitig hat Zeit auch etwas unglaublich Zerstörerisches an sich. Sie löst auf, lässt zerfallen.

21 Entschleunigung.

Für mich eine Voraussetzung, um arbeiten zu können. Ich brauche Musse, und Laufenburg als ein von der mittelländischen Hektik abgelegner Ort kommt meinem Bedürfnis nach Entschleunigung entgegen, besonders in der Altstadt.

22 Alter.

Eine Zumutung, mit der jeder irgendwann konfrontiert ist. Man muss das Alter in möglichst aufrechter Haltung in den Blick nehmen, auf es zugehen. Man muss auch das Alter gestalten, ihm eine Form geben – auch wenn es letztlich den unaufhaltsamen Zerfall bedeutet.

23 Sterben.

Das eigentlich Unvorstellbare. All das, was ich gedacht habe, was ich gelernt und mir an Wissen angeeignet habe, die Erkenntnisse, die ich zum Teil unter Leiden gewonnen habe, sind mit einem Schlag zu Ende. Unfassbar.

24 Nach dem Tod.

Es wird dunkel sein.

25 Glauben.

Wir leben in einer alten Glaubenstradition, der jüdisch-christlichen. Von ihr sind wir imprägniert – ob wir uns nun zu einer bestimmten Glaubensgemeinschaft bekennen oder nicht.

Die ganze europäische Geschichte ist durch den jüdisch-christlichen Glauben geprägt. Mit ihm muss sich jeder reflektierte Mensch auseinandersetzen. Der Glaube, gerade in Zeiten seiner Abschwächung, hat die Tendenz, sich zu verhärten, fanatische Züge anzunehmen, die lebensfeindlich sind. Das zeigt sich gerade heute wieder sehr stark.

Wir sind aktuell auf dem Weg zu anderen Weltbildern, etwa der modernen Physik, die mit den herkömmlichen Glaubensformen nicht mehr deckungsgleich sind. Wohin uns diese Differenz führen wird, zeichnet sich für mich noch nicht ab.

Klar erscheint mir aber, dass es den Glauben, diese seltsame Fähigkeit des Menschen, immer in irgendeiner Form geben wird. Sie wird künftig, so vermute ich, anders sein als der Glaube, wie wir ihn heute kennen.