Rheinfelden
Schreiben um der Schönheit willen: Sie überzeugte eine Jury mit ausgezeichneten Gedichten

Adna Draxl schreibt ausgezeichnete Gedichte und erregt damit in Deutschland Aufmerksamkeit. Bei einem Schreibwettkampf überzeugte sie die Jury.

Florian Binder
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Adna Draxl überzeugte die Gedichte-Jury

Adna Draxl überzeugte die Gedichte-Jury

zvg

Der Deutschlandfunk veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Museumsverband und dem Deutschen Philologenverband seit sieben Jahren den Schreibwettkampf «lyrix». Bei diesem «Bundeswettbewerb für junge Dichterinnen und Dichter» sind aufstrebende Poetinnen und Poeten zwischen 10 und 20 Jahren eingeladen, ihre Gedichte einzusenden.

Der junge Soldat

Mein Leben schwindet,/Von Stunde zu Stunde,/Von Sekunde zu Sekunde,/Von Minute zu Minute,/Immer mehr./Ich lieg nur da,/Schutzlos,/Im Schlamm,/Und höre dem Pulsieren meines Herzens zu./Ich versuche mich zu erinnern,/An die wunderbaren Tage,/Zurück an meine Mutter,/Ihr warmherziges Lachen,/Ich muss weg von hier,/hin zu ihr,/Der Wille ist da,/Die Erschöpfung zu gross,/Ich fühle den Schmerz meiner unzähligen Wunden,/Die sich das Blut blutwarm über meine Haut ergiesst./Angst, Angst wird immer grösser und verschlingt mich fast ganz/Die Angst vor dem Kommenden, die Angst vor dem Tod./Ich werde gehoben, eher gezogen,/Ich schaue unter mir,/Mein Körper erschlafft,/Nur noch eine leblose Hülle,/Ich werde getragen./Ohne Schmerzen,/Frei in Frieden/Dem Licht entgegen.

Dabei wird jeden Monat von den Veranstaltern ein jeweils anderes Thema vorgegeben, das den Rahmen der Schreibbemühungen absteckt und sich auf ein Exponat aus einem der teilnehmenden Museen bezieht. Dazu gesellt sich noch ein zeitgenössisches Gedicht, das die Inspiration der Teilnehmenden beflügeln soll.

In der Schule fängt alles an

Die 15-jährige Adna Draxl aus Rheinfelden ist Schülerin der Rudolf- Steiner-Schule in Pratteln. Eines Tages, im Deutschunterricht, macht ihr Lehrer Peter Meyer seine Schüler auf den Dichterwettbewerb aufmerksam. Er meint, dass dieser eine gute Übung für den kreativen Schreibprozess sei und verteilt die Unterrichtsmaterialien, welche von den Veranstaltern zur Verfügung gestellt werden. Das Thema an jenem Tag lautete «Krieg und Frieden» und stand für den Monat Januar. Das 1915 entstandene «Selbstbildnis als Krankenpfleger» des Malers Max Beckmann und das Gedicht «dezember 1914» von Jan Wagner begleiteten das Thema. «Ich machte eine Mindmap, schrieb alles auf, was mir dazu einfiel und suchte das Beste heraus», erzählt Adna Draxl auf Nachfrage. «Hatte ich nun den Boden, kamen die Wörter wie von selbst.»

Ausser Konkurrenz

Die Jury staunte wohl nicht schlecht, als Adna Draxls Zeilen aus Rheinfelden eintrafen – sind doch eigentlich zum Wettbewerb nur in Deutschland lebende Personen zugelassen.

Doch da die junge Rheinfelderin mit ihrem Gedicht die Jury sehr überzeugt hat, wie es auf der Website von Deutschlandfunk geschrieben steht, wird auch sie auf die Liste der regulären fünf Gewinner des Monats gesetzt.

Sonderling

Mitternacht
Ein kleines Ei
Angebracht
Auf einem Blatt
Verstecktes Leben
Ein Schlupfloch
Ein kleiner Kopf
Herumtastend
Getarnt durch den Schutz der Blätter
Geschützt durch die langen Haare
Friest Blatt für Blatt und wird nicht satt
Unbedacht was es da macht
Mit jeder Hülle kunterbunter und voluminöser
Es ruht sich aus im Seidenhaus
Über eine lange Nacht
Erwacht in Farbenpracht
Sie breitet die Fügen aus und fliegt in die Welt hinaus
Ein Sonderling der Schmetterling

Adna Draxl glaubt, dass es die Aufgabe der Poesie ist, die Menschen zu berühren und zum Nachdenken zu bringen. Früher wurde ihr aus den Büchern der Schriftstellerin Cornelia Funke vorgelesen.

«Ich liebe es noch immer, ihre Bücher zu lesen», erzählt sie, «denn ich finde es wunderschön, was für Wörter sie findet und wie sie es schafft, mich in die Welt der Wörter hineinzuziehen.»

Die 15-jährige Rheinfelderin, die in der Vergangenheit mit einer Freundin zusammen Geschichten zu schreiben versuchte, sagt von sich: «Irgendwie schreibe ich in meinem Kopf schon länger, aber es eher bleibt da drin.» Erst jetzt, nach der Teilnahme am Wettbewerb, hätte sie angefangen, es in einer Art Tagebuch aufzuschreiben.

Gleich zweimal gewonnen

Dass Adna Draxl Talent hat, davon ist die «lyrix»-Jury überzeugt. Dies zeigt sich darin, dass ihr Name bereits im Folgemonat wieder auf der Gewinnerliste zu finden war – mit ihrem Gedicht «Sonderling».

Das Thema des Februars war «Under Cover» und soll auf das Problem von Homosexuellen und ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft aufmerksam machen.

In Adna Draxls Gedicht «Sonderling» wird die Entwicklung eines Schmetterlingseis über die Metamorphose zum vollständigen Sommervogel beschrieben. Am Ende breitet dieser seine Flügel aus und fliegt in die Welt hinaus.

Nun bleibt abzuwarten, wie sich das Schreiben der jungen Dichterin weiterentwickelt, ob auch sie davonfliegen wird auf den Flügeln der Inspiration. Denn schliesslich weiss sie selber: «In der Poesie gibt es keine Regeln.»