Möhlin

Sammlung an Kanton abgegeben: Auf den Spuren der Steinzeitmenschen

Werner Brogli hat er die Sammlung inventarisiert und übergibt sie dem Kanton.

Werner Brogli hat er die Sammlung inventarisiert und übergibt sie dem Kanton.

Werner Brogli hat 25'000 urzeitliche Steinwerkzeuge gesammelt. Nun hat er die Sammlung inventarisiert und übergibt sie dem Kanton.

Es sind oft die kleinen Dinge, die das Leben besonders machen. Bei Werner Brogli, 72, sind es inzwischen mehr als 25'000 solcher kleinen Dinge: In den letzten 60 Jahren hat der inzwischen pensionierte Lehrer auf den Äckern in und um Möhlin akribisch nach Steinwerkzeugen aus vergangenen Zeiten gesucht. Und er wurde, wie gesagt, mehr als 25000 Mal fündig. Zu Hause hat er die zum Teil nur zahngrossen Fundstücke feinsäuberlich gereinigt, angeschrieben und inventarisiert.

Rechnet man die Zeit zusammen, die Werner Brogli für sein Hobby, oder vielleicht treffender: für seine grosse Leidenschaft investiert hat, so kommt man auf weit über zwei Lebensjahre – allein an Suchzeit, also an Zeit, in der er unterwegs war und an über 60 Fundstellen in Möhlin und der Region mit geübtem Blick ­Silices, Faustkeile und andere Werkzeuge aufgestöbert hat.

«Das hat viel Zeit in Anspruch genommen»

Werner Brogli hat sich mit seiner Arbeit einen Namen weit über die Region hinaus gemacht; seine Sammlung gilt in Fachkreisen als einmalig. Nun hat er, zusammen mit Reto ­Jagher von der Universität Basel, die immense Sammlung fein säuberlich inventarisiert und detailliert beschrieben.

«Das hat viel Zeit in Anspruch genommen», erzählt er, Zeit, die er aber «gerne investiert hat». Denn: «Die Sammlung soll weiterleben.» Das ist sein grösster Wunsch – und dazu übergibt er die Funde in den nächsten Monaten an den Kanton Aargau.

Sehr oft trifft man Brogli bei seinen Suchgängen auf dem Fahrrad an. Mehr als 118000 Kilometer hat er mit dem Drahtesel bereits zurückgelegt. Am Tag, als die AZ ihn besucht, will er am Nachmittag noch nach Basel radeln, um die Texte zur Inventarisierung mit Reto Jagher zu besprechen. Auch das ist Brogli: ein Energiebündel, ein Macher, was er als junger Mann auch im Sport zeigte: Er spielte mehrere Jahre beim TV Möhlin in der Nationalliga A Handball.

Fasziniert vom Einswerden mit der Geschichte

Wenn er von seinen Suchgängen berichtet, vom Fund X erzählt, dann spricht aus ihm die Begeisterung eines Laien, der vom Wissen her längst Profi ist. Er sei jüngst über ein Weizenfeld gelaufen, erzählt er in seiner gemütlichen Stube in Möhlin, da sei ihm ein kleiner Gegenstand aufgefallen. Was jemand anders wohl als (fast) normalen Stein taxiert hätte, erkannte er als 6000 bis 7000 Jahre altes Beil.

«Das hat vor Jahrtausenden einmal einer unserer Vorfahren in der Hand gehalten», verdeutlicht er. Genau diese Vorstellung, dieses Einswerden mit der Geschichte ist es, das ihn fesselt. Jedes Stück sei ein Unikat, sagt er, von Menschenhand mit einfachen Mitteln gefertigt.

«Solche Werkzeuge gibt es hier überall», weiss er – und man spürt das Reissen in ihm, noch möglichst viele davon freizulegen. Was ihn reizt, ist die Suche, der Moment des Findens, dieser intensive Augenblick, in dem er das Fundstück aufhebt und im Sein der Zeit verortet. Der damaligen wie der heutigen.

Grosse Anerkennung durch Faustkeilfund

Sein speziellster Fund war der Faustkeil in Zeiningen, den er 1965 entdeckt hat. Er ist wissenschaftlich anerkannt und er hat ihm grosse Anerkennung eingebracht. Das ist nicht bei jedem Fundstück der Fall – und genau das ist auch der«kleine Ärger», den er in sich trägt. «Ich muss mich als Laie für das wehren, was ich gesehen und gefunden habe.»

Das Suchen und Sammeln war für Brogli auch immer dann ein gutes Rezept, wenn ihn mal etwas geärgert hatte. «Ich konnte auf den Äckern Dampf ablassen», erzählt er, schmunzelt. Sein Hobby habe auch «einen psychohygienischen Effekt».

Ein solcher Moment, in dem er «schon etwas verärgert war», war damals, in den 1990er-Jahren, als er auf einem Acker in Möhlin ein Gräberfeld aus dem Frühmittelalter entdeckt hatte. Die Funde wurden weggebracht, noch bevor die Bevölkerung sie sehen konnte. «Das war eine verpasste Chance», findet Brogli.

Die ersten Werkzeuge fand er als Kind auf dem Acker

Das Hobby zum Beruf zu machen, hat sich Brogli, der vor bald 40 Jahren auch die Gruppe der Freiwilligen Bodenforscher ins Leben gerufen hat, nie überlegt. Er sei als Lehrer besser gefahren, ist er überzeugt. «So hatte ich die Freiheit, genau das zu tun, was ich wollte, und dort zu sammeln, wo ich wollte.»

Brogli ist zudem überzeugt: «Ich wäre heute nicht weiter, wenn ich mich beruflich umorientiert hätte.» Zumal: Stellen als Urgeschichtsforscher sind rar und die Festanstellung brachte auch ein festes Einkommen – und das war ihm, dem dreifachen Familienvater, wichtig.

Und noch etwas ermöglichte ihm der Lehrerberuf: seine Faszination an die Schüler weiterzugeben. An Erwachsene – Brogli unterrichtete nebenamtlich «Didaktik der Heimatkunde» an der FHNW und gab Kurse – wie an Kinder. Oft traf man Brogli denn auch mit seinen Schülern – er war jahrzehntelang Lehrer in Möhlin – im Freien an: suchend, sammelnd, staunend.

Genau so, als Kind, hatte auch bei ihm die unstillbare Leidenschaft begonnen: Brogli, der mit seinen Geschwistern auf dem Widmatthof in Zeiningen aufwuchs, half zu Hause selbstredend mit. «So fand ich bald beim Kartoffelauflesen die ersten Silices, ohne jedoch zu wissen, was ich in den Händen hielt», schreibt er in einer kurzen Forschungsgeschichte. Die bunten Farben, der Glanz und die feinen Oberflächen seien ihm ins Auge gestochen. Er bewahrte die Fundstücke in einer Kartonschachtel auf.

Ans Aufhören denkt Brogli noch lange nicht

Einige Jahre später – Brogli besuchte nun die Primarschule – sagte ihm Hansrudolf Burkart, «ein Pionier der Urgeschichtsforschung»: «Das sind nicht einfach Steine; das sind geschichtsträchtige Funde.» Von da an «gab es kein Halten mehr».

Und das wird es auch künftig nicht geben: Ans Aufhören denkt Brogli noch lange nicht. Er wird weiterhin nach steinernen Zeugen aus vergangenen Zeiten suchen. «Die Katze lässt das Mausen nicht», meint er mit einem schelmischen Grinsen. Solange er gehen könne, werde er weitersuchen.

Das wissen auch viele an Geschichte Interessierte der umliegenden Gemeinden. Bei Brogli zu Hause läutet ab und an das Telefon und ein Bauer oder Landbesitzer sagt: «Werner, ich habe da was entdeckt. Schaust Du dir das an?» Er schaut es sich natürlich an – und sehr oft ist es auch ein Treffer.

Münzschatz auf dem ­Wittnauer Horn gefunden

Und was ist sein Traum? Noch den einen oder anderen Faustkeil zu finden. Oder einen Münzschatz, wie er ihn vor Jahren auf dem Wittnauer Horn entdeckt hat. Oder eine Skulptur, beispielsweise einen zur Tierform bearbeiteten Kalkstein. «Solche gegenständlichen Fundstücke sind rar», erzählt er.

Wenn er nun die unzähligen Forschungstagebücher, die er im Laufe der letzten sechs Jahrzehnte erstellt hat, im Computer erfasst, wenn er sein Lebenswerk nun an den Kanton abgibt, ist das auch ein Loslassen. Das Wissen darum, dass die Kantonsarchäologie seine Sammlung als eines der wichtigen Projekte einstuft, hilft ihm dabei. Und das Wissen: Es geht weiter. Schon morgen, wenn er will. Auf dem nächsten Acker.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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