Nachruf

Roland Brogli war ein grossartiger Mensch – eine persönliche Erinnerung

Alt-Regierungsrat Roland Brogli, portraitiert in seinem Haus in Zeiningen am 09. Mai 2017.

Alt-Regierungsrat Roland Brogli

Alt-Regierungsrat Roland Brogli, portraitiert in seinem Haus in Zeiningen am 09. Mai 2017.

Redaktor Thomas Wehrli hat den verstorbenen Alt Regierungsrat Roland Brogli sechs Jahr als persönlicher Mitarbeiter begleitet. Er erinnert sich.

Schalk spielte um seine Augen, als mir Roland Brogli vor gut einem Monat bei sich zu Hause von seiner einmonatigen Auszeit in Costa Rica erzählte. Die Reise war sein Weg, das Amt als Regierungsrat loszulassen, ein Amt, das er 16 Jahre lang, bis Ende 2016, nicht nur ausgeübt hat, sondern das er mit jeder Faser seines Körpers verkörpert und gelebt hat.

Die Reise hatte ihm gutgetan, das spürte ich deutlich. Er erlebte da, fernab von seiner unmittelbaren und mittelbaren Heimat, dem Fricktal und dem Aargau, ein inneres Frei-Sein, wie er es sich in seiner langen und erfolgreichen Zeit als Regierungsrat nie gegönnt hatte. Denn wenn Roland Brogli zu etwas Ja sagte, wenn er eine Aufgabe an die Hand nahm, dann steckte er all seine Kraft hinein, dann wurde er Teil dieser Aufgabe. Er ging eine Symbiose mit ihr ein. Das war schon als Stadtschreiber von Rheinfelden so.

Dieses Sich-ganz-Hineingeben, dieses Eins-Werden mit der Aufgabe faszinierte mich stets aufs Neue an Roland Brogli. Sechs Jahre lang, von 2002 bis 2008, durfte ich ihn während seiner Regierungsratszeit als sein persönlicher Mitarbeiter begleiten. Es waren die lehrreichsten Jahre meines Lebens, für die ich unendlich dankbar bin. Roland zeigte mir, was es heisst, seine Ziele durch alle Wirrungen und Irrungen in eiserner Konsequenz zu verfolgen – und dabei doch den Menschen, das Menschliche nie aus den Augen zu verlieren. Die unverrückbare Basis seiner Arbeit, ja: seines Seins war sein Respekt vor dem anderen.

Viel Fingerspitzengefühl

Ich staunte immer wieder, wie es Roland mit viel Fingerspitzengefühl und taktischem Geschick gelang, verhärtete Fronten aufzuweichen, wie er Widersacher zu Verbündeten machte, wie er den Gesprächspartnern das Gefühl gab: Der nimmt mich, meine Anliegen, meine Sorgen ernst. Er gab ihnen das Gefühl nicht, weil es zum Job gehörte, sondern weil er jeden in seiner Person, in seiner Persönlichkeit wertschätzte und achtete.

So manches Mal musste ich innerlich schmunzeln, wenn ich mit Roland in einer Sitzung sass und sah, wie sich ein schelmisch-verschmitztes Lächeln um seine Mundwinkel legte. Dann wusste ich: Jetzt kommt ein Spruch, ein Gedanke, eine Idee, die für Bewegung sorgen wird, die selbst in die verfahrenste Situation Bewegung bringen konnte.

Schneller Denker

Roland war ein schneller Denker, ein Analytiker, ein Macher. Er war ein erstklassiger Chef und ein grosser Politiker. Vor allem aber war er ein grossartiger Mensch. Er nahm jeden genau so, wie er war. Er gab jedem ein Gefühl der Wertschätzung. Er nahm sich für jeden Zeit, sprach hier Mut zu, hörte dort die Sorgen ab.

Roland Brogli war ein volksverbundener Magistrat. Er war es nicht, weil dies halt zum Job gehörte; er war es, weil es sein ureigenes Wesen war. Er schätzte es, unter die Leute zu gehen, raus aus dem Büro, hin zu den Menschen. Er begegnete dabei jedem mit demselben Respekt und derselben Herzlichkeit, ganz egal, ob dieser ein Handlanger oder ein Hochstudierter war. Nicht nur einmal kamen Menschen auf mich zu, wenn ich Roland an einen Anlass begleitete, strahlten und sagten: «Der hört wirklich zu.»

Nichts Wichtigeres als die Menschen

Oft sassen Roland, seine Sekretärin Jacqueline Blanc und ich am Montagmorgen in seinem Büro im 21. Stock des Telli-Hochhauses, gingen die Termine für die laufende Woche durch. «Willst Du diesen Termin wirklich auch noch annehmen?», fragte ich ihn dann im Wissen, dass meine Frage eine rhetorische war.

Roland blickte mich dann jeweils über den Brillenrand an, zog die Augenbrauen bewusst weit hoch und sagte mit einem milden, väterlichen Lächeln: «Thomas, es gibt nichts Wichtigeres als die Menschen.»

Voller Zukunftspläne

Wir lachten viel, vor einem Monat, bei unserem langen Gespräch für ein grosses Porträt über ihn und sein Leben nach der Regierungsratszeit. Es war für mich, als hätten wir uns erst gestern gesehen, dabei lagen zwischen meinem letzten Besuch bei ihm und Rosmarie zu Hause und dem Besuch am 9. Mai mehrere Jahre. Die Zeit konnte unserer Verbundenheit nichts anhaben. Und, ich gebe es unumwunden zu, wir haben beide gerne in den Erinnerungen geschwelgt.

Der Mensch Roland Brogli ist mir vor einem Monat noch ein Stück nähergekommen. Er war in der Zeit nach der Amtszeit angekommen, hatte so viele Pläne. Das Reisen mit Rosmarie gehörte dazu, die Kultur, die Literatur. Er war voller Elan, voller Lebensdurst, voller Lebenslust. «Weisst Du, Thomas», sagte er mir. «Ich wusste ja auch nicht, wie gut ich das Amt loslassen kann. Doch ich denke, es ist mir ganz gut gelungen.»

Grosse Respekt vor dem Ausstieg

Roland hatte grossen Respekt vor dem Ausstieg, vor dem Loslassen – und meisterte den Weg in die dritte Lebensphase dann besser und leichter, als viele, die ihn kannten oder zu kennen glaubten, vorher annahmen. Auch das war eine der vielen Facetten von Roland: Er war immer wieder für Überraschungen gut.

Am Montag ist Roland Brogli unerwartet gestorben. Ich bin fassungslos. Der Aargau hat einen wirklich grossen Politiker und einen grossartigen Menschen verloren. Ich einen guten Freund. Danke, Roland.

16 Jahre: Roland Broglis politische Karriere in bewegten Bildern

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