Werner Bertschi, die Asylunterkunft in Frick wurde am Mittwoch eröffnet. Was heisst das für Ihre Arbeit?

Werner Bertschi: Die Asylunterkunft wird in den nächsten Wochen einer unserer Einsatzschwerpunkte bilden. Wir werden rund um den Werkhof, aber auch im Dorf verstärkt patrouillieren.

Geht das auf Kosten anderer Aufgaben?

Ja, denn ich habe ja nicht plötzlich mehr Leute. Wir müssen andere Aufgaben etwas zurückfahren.

Welche?

(Lacht.) Das verrate ich nicht.

Sie konnten in Laufenburg mit einer grösseren Asylunterkunft bereits Erfahrungen sammeln. Wie sind diese?

Sie sind fast durchweg positiv. Es gab nur einige wenige Einzelfälle, die uns Probleme bereitet haben. Das haben wir so nicht unbedingt erwartet.

Weshalb nicht?

Die Lebensbedingungen im unterirdischen Notspital waren nicht einfach. Die Asylsuchenden lebten auf engem Raum zusammen. Wir hatten deshalb schon ein mulmiges Gefühl. Das hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Das hing stark damit zusammen, dass die Asylsuchenden von der ORS Service AG sehr gut betreut wurden. Dieselbe Firma, ja, dieselbe leitende Person ist nun für Frick zuständig. Wir sind zuversichtlich, dass es auch hier gut kommt.

Dann können Sie sich ja zurücklehnen.

Das nun auch nicht gerade. Bis zu 180 Asylsuchende werden in Frick leben. Da wird es sicher einzelne darunter haben, die Probleme machen. Dafür sind wir gerüstet.

Das Thema Asyl löst bei vielen Unsicherheit aus. Spüren Sie das?

Ja, ich wurde selbst schon darauf angesprochen. Ich verstehe die Unsicherheit, denn es kommen viele junge Männer aus anderen Kulturkreisen und zum Teil mit anderen Wertvorstellungen. Das kann ein mulmiges Gefühl hervorrufen.

Was empfehlen Sie jemandem, der sich unwohl oder bedrängt fühlt?

Wenn er es sich zutraut, kann er die Person direkt ansprechen. Sind andere Personen in der Nähe, sollte man versuchen, diese mit einzubeziehen. Sobald es ein Ausmass annimmt, in dem sich jemand bedroht oder bedrängt fühlt, soll er die Notrufnummer 117 wählen. Die nächste Polizeipatrouille rückt dann sofort aus.

Sie kamen selber vor dreieinhalbJahren ebenfalls aus der «Fremde» ins Fricktal, nämlich von Spreitenbach. Wurden Sie zwangsversetzt?

(Lacht.) Nein, überhaupt nicht.

Weshalb kommt man dann von der pulsierenden Agglo ins beschauliche Fricktal?

Ein derart grosser Unterschied, wie sich das manche vorstellen, besteht gar nicht. Spreitenbach ist nicht so schlecht wie sein Ruf, und das Fricktal ist nicht so beschaulich, wie manche glauben.

Dann ist die Fricktaler Beschaulichkeit eine grosse Mär?

Wer als Polizist arbeitet, sieht tief in Familienkonstellationen hinein. Ich kann Ihnen versichern: Es ist auch im Fricktal nicht alles heile Welt. Aber klar, für den Grossteil der Bevölkerung stimmt das Bild der heilen Welt nach wie vor.

Die heile Welt ist mit der Terrorgefahr brüchig geworden. Die Polizei im unteren Fricktal hat sich deshalb Sturmgewehre angeschafft. Wie gehen Sie mit dieser Gefahr um?

Eine Garantie, dass es bei uns nie einen Anschlag geben wird, gibt es nicht. Allerdings glaube ich nicht, dass das Fricktal stark gefährdet ist. Die Terroristen suchen sich für ihre Anschläge Orte, an denen sie mit einem Schlag einen grossen Schaden anrichten können. Wir sind aber im Verbund mit den anderen Einsatzkräften vorbereitet, sollte es doch einmal zu einem Anschlag kommen.

Bei Terrorakten wie auch bei anderen Delikten ist man machtlos. Man kann es nicht verhindern, sondern nur begrenzen. Wie gehen Sie mit diesem Gefühl der Machtlosigkeit um?

Für mich ist das kein Gefühl von Machtlosigkeit. Wir kommen meist dann auf den Plan, wenn bereits etwas passiert ist. Dann ist es wichtig, dass wir so schnell wie möglich vor die Lage kommen, also dass wir vom Reagieren zum Agieren kommen. Oft gelingt dies, manchmal nicht. Damit muss man leben können.

Was war Ihr grösster Coup in den letzten dreieinhalb Jahren?

(Überlegt lange.) Einen ultimativen Coup gab es nicht. Ein grosser Erfolg ist für mich unser Team. Jeder steht für jeden ein. Das ist nicht selbstverständlich, aber es ist wichtig: Der Teamgeist ist einer unserer Erfolgsfaktoren. Ein zweiter: Wir sind in den 21 Gemeinden, für die wir zuständig sind, gut verankert. Das ist zentral, um einen guten Job machen zu können.

Der Bürger möchte die Polizei möglichst selten sehen. Wie ist es bei den Verbandsgemeinden? Bekommen Sie auch einmal einen Anruf: He, Polizeichef, patrouilliert mehr bei uns!

Das kann schon vorkommen und das sind auch berechtigte Forderungen. Wir würden gerne überall präsent sein, aber wir müssen Prioritäten setzen.

Welcher Hotspot beschäftigt Sie stark?

Der Bahnhof in Frick. Hier treffen sich häufig Jugendliche, und nicht alle halten sich an die Regeln. Wir markieren deshalb Präsenz und kontrollieren auffällige Personen.

Ein zweiter, omnipräsenter Hotspot, wenn man so will, sind die Kriminaltouristen. Wie gehen Sie damit um?

Wir gehen in die Quartiere. Der Kampf gegen Einbrüche und Trickdiebstähle beschäftigt uns jeden Tag.

Manchmal erwischt man einen Einbrecher, manchmal ist man zwar nahe an ihm dran, er schlüpft aber durch die Maschen. Frustriert das?

Sicher, ja. Unser Ziel ist es, sie zu erwischen, noch bevor sie zuschlagen können. Oder sie zumindest nachher zu stellen. Das gelingt leider nicht immer.

Wie hoch ist die Erfolgsquote?

Die ist hoch. Im Vergleich mit anderen Regionalpolizeien arbeiten wir sehr gut. Wir hatten im letzten Jahr 35 Festnahmen. Das kann sich sehen lassen.

Noch höher ist die Erfolgsquote im Bussen-Verteilen. 2272 Ordnungsbussen stellte Ihr Team im letzten Jahr aus. Das hat sicher Spass gemacht!

Bussen verteilen? Nein, das macht nicht so wahnsinnig Spass. Ich kenne keinen Polizisten, der das gerne macht. Es ist nicht unser Ziel, möglichst viele Bussen zu verteilen. Das gehört einfach zu unserer Aufgabe dazu. Spass macht, einen Einbrecher verhaften zu können.

Viele Autofahrer sagen: Die blitzen nur dort, wo sie abkassieren können. Was antworten Sie?

Es gibt Regeln. Innerorts gilt Tempo 50 oder Tempo 30. Daran muss man sich halten. Wer es nicht tut, muss mit einer Busse rechnen. Aber, ganz klar: Der Schwerpunkt der Kontrollen muss dort stattfinden, wo die Gefahren sind, also bei Schulhäusern, Altersheimen oder in Wohnzonen. Das halten wir auch so.

Oft reagieren Automobilisten, die geblitzt werden oder wegen eines andere Verkehrsdeliktes angehalten werden, emotional. Verstehen Sie das?

Natürlich. Ich bekam auch schon Bussen und ärgerte mich ebenfalls. Die Frage ist dann immer, über wen ärgere ich mich?

Über Ihre Kollegen, die Sie büssen!

Nein, denn nicht sie haben den Fehler gemacht, sondern ich. Also ärgere ich mich über mich. Sehen Sie, wir alles sind nur Menschen. Manchmal hat man einen besseren Tag, manchmal einen schlechteren. Läuft man ausgerechnet an einem schlechten Tag in eine Polizeikontrolle, kann ich sogar verstehen, dass man wirsch reagiert. Grenzen hat es, wenn man den Polizisten als Blitzableiter missbraucht und ihn sogar noch beschimpft.

Die Polizeikollegen im unteren Fricktal stellten im letzten Jahr dreimal so viele Bussen aus wie Ihr Team. Haben Sie eine kulantere Praxis?

Nein, sicher nicht. Die Verhältnisse lassen sich nicht vergleichen. Mit Rheinfelden und Möhlin hat das untere Fricktal zwei städtische Gebiete; da fallen automatisch mehr Bussen an.

Und die Gemeinden dürsten nicht nach mehr Busseneinnahmen?

Nein, zumindest hat sich mir gegenüber noch nie eine Gemeinde so geäussert.

Welche Situationen belasten Sie selber besonders?

Die Todesfälle. Das geht nicht spurlos an einem vorbei, das wird nie Alltag. Ganz schwierig ist es, wenn es sich bei den Opfern um Kinder handelt. Das trägt man mit, das vergisst man nicht.

Wie schaffen Sie es, solche Momente zu verarbeiten?

Wir rücken ja nie alleine aus. Wichtig ist, dass man nach einem solchen Einsatz miteinander redet und das Geschehene nochmals bespricht. Ganz zentral ist es, zu Hause ein gutes Umfeld zu haben, auch wenn man natürlich keine Details erzählen kann. Das hilft beim Verarbeiten ebenso wie ein Hobby, bei dem man abschalten kann.

Und wenn das nicht reicht?

Dann kann man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Wir können den Polizeipsychologen der Kapo jederzeit beiziehen und auch auf einen Polizeiseelsorger zurückgreifen. Das Netz, das heute aufgespannt ist, trägt einen gut.

Wie lüften Sie selber den Kopf?

Auf dem Mountainbike. Am liebsten gehe ich alleine mit dem Bike in den Wald. Dann fahre ich auf einen Hügel und schaue von da ins Tal hinunter. Dieser Blick, dieses Gefühl ist für mich Seelennahrung.

Geht der Polizeichef auch selbst noch auf Streife?

Aber sicher!

Regelmässig?

Nicht mehr so oft wie früher. Aber mir ist es ein Anliegen, dass ich mindestens einmal pro Monat auf Streife gehe. Das ist wichtig, um am Puls zu bleiben und die Probleme der Kollegen 1:1 zu sehen. Es ist etwas ganz anderes, ob man alles vom Bürotisch aus beurteilt oder es auch ab und an live erlebt.

Gehen Ihre Leute gerne mit dem Chef auf Streife?

(Lacht.) Das müssen Sie meine Mitarbeiter fragen.

Erlebt man als Polizist eigentlich auch mal etwas Lustiges?

Vieles.

Erzählen Sie!

Das hängt immer auch von einem selber ab. Ich bin immer gut gefahren, indem ich offen und aktiv auf die Leute zugehe. So kann man eine Hemmschwelle abbauen und mit einem lockeren Spruch das Eis brechen. Im Polizeiberuf kommt man nicht nur mit dem Negativen in Berührung, man erlebt auch viel Positives, etwa, wenn man Menschen helfen kann.

Ein geflügeltes Wort lautet: dümmer als die Polizei erlaubt. Gibt es diesen Typus in der Realität?

Man sagt das ja, wenn eine saublöde Situation passiert ist. Das hat weniger mit Dummheit als mit Pech und Ungeschicktheit zu tun. Oder man ist einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

In Ihrem Corps arbeiten 4 Frauen – bei 16 Mitarbeitenden. Auch nicht gerade eine gute Frauenquote!

Mit Quoten kann ich wenig anfangen. Für mich ist es wichtig, dass wir Frauen im Team haben, denn eine gemischte Patrouille kann eine Situation oft anders angehen, als dies eine reine Männerpatrouille kann. Natürlich, je nach Kontext, in den eine Streife kommt, kann es auch ein Problem sein, wenn eine Frau dabei ist. Das ist aber die Ausnahme, in den meisten Fällen funktioniert eine gemischte Patrouille gut.

Werden die Polizistinnen überhaupt ernst genommen?

Das ist in der heutigen Gesellschaft zum Glück kein Thema mehr.

Noch nicht aus den Köpfen der Leute ist das Zwei-Klassen-Bild der Polizei. Man hört immer wieder: Wer es nicht zur Kapo schafft, geht zur Repol. Ärgert Sie dieses Bild?

Sicher, denn die Repol ist keine Polizei zweiter Klasse. Die Repol hat einfach eine andere Aufgabe als die Kantonspolizei. Sie ist näher beim Bürger, näher bei den Leuten. Davon profitiert wiederum die Kantonspolizei. Wer mehr im Ermittlungsbereich arbeiten will, geht zur Kapo; wer mehr draussen sein will, um Ersteinsätze zu leisten, kommt zu uns. Wir haben etliche Mitarbeiter, die von der Kapo zu uns gewechselt sind. (Überlegt kurz.) Wir haben es zudem jeden Tag selber in der Hand, zu beweisen, dass wir keine Polizei zweiter Klasse sind.

Wie läuft die Zusammenarbeit der beiden Korps?

Die ist sehr gut. Keiner von uns kann die Arbeit alleine machen, wir arbeiten Hand in Hand. Der gemeinsame Stützpunkt erweist sich dabei bei der täglichen Arbeit als riesiger Vorteil.

Sie sind seit 26 Jahren Polizist. Wie hat sich die Polizeiarbeit in dieser Zeit verändert?

Als ich vor 26 Jahren bei der Kapo anfing, waren fast alle Polizisten Allrounder. Heute läuft die Arbeit zum grossen Teil in Spezialabteilungen. Diese braucht es auch, nicht zuletzt wegen der Digitalisierung in der Gesellschaft.

Und auf der persönlichen Ebene?

Der Respekt gegenüber Polizisten hat klar abgenommen. Das heisst nun nicht, dass man uns respektlos begegnet; wenn ich auf Patrouille bin, überwiegen nach wie vor die positiven Begegnungen. Was aber auffällt: Der Stellenwert des Ich hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Das äussert sich bisweilen als egozentrisches bis egoistisches Moment; man sucht den Fehler nicht mehr zuerst bei sich, sondern beim andern.

Die Ich-Gesellschaft floriert. Ruft das Ich dann auch die Polizei schneller?

Ja, man fühlt sich heute schneller gestört. Gleichzeitig fehlt die Bereitschaft, das Problem selber zu lösen. Früher ging man zum Nachbarn und klingelte bei ihm, wenn er zu laut war. Heute ruft man dazu oft gleich die Polizei.

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf Ihre Arbeit?

Einen grossen. Als ich bei der Polizei anfing, gab es noch keine Handys. Heute hat jeder eines. Positiv daran ist, dass jeder von überall her die Polizei alarmieren kann.

Was hoffen Sie für die Zukunft?

Wir versuchen, mit unserer täglichen Arbeit das Zusammenleben der Menschen einfacher zu machen, nicht schwieriger. Ich wünsche mir, dass man dieser Arbeit etwas mehr Wertschätzung entgegenbringt und nicht jedes Mal, wenn man einen Polizisten sieht, denkt: Ou nei!

Und natürlich hoffen Sie auf ein schönes neues Büro am neuen Standort!

(Lacht.) Klar. Nicht nur auf ein schönes neues Büro, sondern auf einen Polizeiposten, der diesen Namen verdient. Der heutige Posten genügt vom Platz und von der Sicherheit her nicht mehr.