Rheinfelden

Rekord bei «Tischlein deck dich»: Mehr Bedürftige als je zuvor

Seit Juni arbeiten die Helferinnen des Frauenvereins Rheinfelden mit Masken.

Seit Juni arbeiten die Helferinnen des Frauenvereins Rheinfelden mit Masken.

In Rheinfelden, wo seit zehn Jahren Essen an Bedürftige verteilt wird, ist die Zahl der Kunden höher denn je.

«Die Armut wird nicht weniger.» Das sagt Charlotte Burkhard vom Gemeinnützigen Frauenverein Rheinfelden. Seit zehn Jahren leitet sie die Rheinfelder Abgabestelle der Lebensmittelhilfe «Tischlein deck dich». 60 Bezugskarten sind aktuell dort registriert, so viele wie noch nie. Corona hat die Zahl nach oben schnellen lassen.

Auch eine Frau aus Rheinfelden liess die Pandemie zur Kundin werden. «Ich wäre eigentlich schon früher berechtigt gewesen, aber ich nutze das Angebot erst seit ein paar Monaten», sagt die Mutter eines 14-Jährigen. Der esse als Teenager so viel, dass sie ihm ohne das Tischlein nicht genügend bieten könne. Sie arbeite, doch den geringen Lohn müsse sie mit Sozialhilfe aufstocken – «working poor».

«So wie ihr ist es seit Corona einigen gegangen», sagt Burkhard: Grenze für ein Vierteljahr zu, deutsche Supermärkte mit günstigen Lebensmitteln unerreichbar, Haushaltsbudget durchs Einkaufen zu Hause strapaziert – all das hat dem Tischlein neuen Zulauf beschert. Burkhard schätzt ihn auf mehr als zehn Prozent.

Corona macht es allen schwer

Wobei Corona die Organisation selbst auch herausforderte: Zum Schutz der mehrheitlich über 65 Jahre alten freiwilligen Mitarbeiter waren während des Lockdowns schweizweit sämtliche Tischlein-Abgabestellen geschlossen. Bei der Rheinfelder Abgabestelle in der früheren Militärküche am Hugenfeldschulhaus standen so manche vor verschlossenen Türen. Dass das Gesundheitsforum Rheinfelden zeitweise einen Ersatz bot, sprach sich nicht überall herum.

Mitte Juni fuhr der Frauenverein den Betrieb wieder hoch. Seitdem tragen die Helferinnen Masken, verpacken die Lebensmittel vorab in Tüten und händigen diese den im Freien wartenden Kunden aus.

Als im Oktober 2010 die Rheinfelder Abgabestelle öffnete, konnten die Kunden in die Militärküche hinein. Konnten darin herumlaufen und sich die Produkte weitgehend selbst aussuchen. «Anfangs sind vielleicht zehn bis zwölf Personen gekommen», erinnert sich Burkhard. «Und dann ist es eigentlich stetig nach oben gegangen.»

Heute sind 60 Bezugskarten im Umlauf. Versorgt werden Singles ebenso wie Familien – insgesamt rund 120 Menschen im unteren Fricktal und im angrenzenden Baselbiet. Ähnlich beziffert die Tischlein-Pressestelle auch das Verhältnis in Frick, wo seit März 2011 ebenfalls eine Abgabestelle besteht.

205000 Kilo Lebensmittel in zehn Jahren

479 Mal geöffnet, 205000 Kilo Lebensmittel abgegeben, Waren im Wert von 1,2 Millionen Franken vor dem Müll bewahrt: So bilanziert «Tischlein deck dich» in einer Medienmitteilung das zehnjährige Bestehen der Rheinfelder Abgabestelle.

Zehn Jahre – zum Innehalten ist keine Zeit. Wird Corona die Kundenzahl auch 2021 nach oben treiben? Charlotte Burkhard weiss es nicht. Sie weiss nur: «Solange wir können, machen wir weiter.» Dass sie eines Tages mal nicht mehr gebraucht werden, glaubt sie nicht.

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