«Hm.» Käthi Hasler, 65, blickt kurz von ihrem Puzzle auf, mustert den Journalisten, der sie seit einer Viertelstunde mit Fragen löchert, von oben bis unten. «Hm», meint sie dann nur, «ich weiss grad nicht.» Damit ist für sie die Frage erledigt und sie widmet sich wieder ihrem Puzzle, ihrem Lieblingsspiel.

Bei einem «Weiss grad nicht» lässt sie es auch bei der Frage bewenden, was sie in der Tagesstruktur für Senioren der Stiftung für Menschen mit einer Behinderung im Fricktal (MBF) in Stein sonst noch gerne mache. Ihr Blick sagt: Hast Du es jetzt bald?

Der in 100 Kartonteile gestanzte Hase auf dem Basteltisch nimmt langsam Konturen an. Das Leben von Käthi Hasler dagegen liegt auch nach der guten Stunde, die ich mit ihr in der Tagesstruktur für Senioren verbracht habe und in der ich ihr gefühlte 500 Fragen gestellt habe, noch immer in Puzzle-Einzelteilen vor mir.

Christian Hasler, 64, lacht. «Typisch Käthi», meint ihr Bruder. «Sie will nichts Falsches sagen und lässt es deshalb oft bei einem ‹Das weiss ich nicht› bewenden.»

Auch wenn sie jemand frage, ob sie sich noch an ihn erinnere, sagt sie oft: «Das ist zu lange her» – auch, wenn sie sich noch ganz genau an besagte Person erinnert. «Das ist ihre Strategie, um nichts erzählen zu müssen.»

Wenn der CD-Player stottert

Das Hasen-Ohr will nicht so recht passen. «Hm.» Käthi Hasler schaut das Puzzle-Teil an, schaut die Lücke an, dreht das Teil und versucht es erneut. Es passt. Sie strahlt und ihre Mimik verrät in diesem Moment mehr als 1000 Worte: Sie ist zufrieden. Mit sich. Ihrem Leben. Ihrem Umfeld. «Käthi lebt gerne in der Stiftung MBF», bestätigt ihr Bruder. Man schaue dort gut zu ihr, schaue, dass sie ein Leben nach ihren Bedürfnissen und Wünschen führen könne.

Die Wünsche, sie sind klein. Ein Malbuch, Wasserfarben, etwas Schmuck, ab und an ein Spaziergang, ein Ferienlager – und ein CD-Player. Märchen hört sich Käthi darauf mit Vorliebe an. Hänsel und Gretel, «o ja!», Frau Holle auch. Der CD-Player stottere allerdings manchmal, «einfach furchtbar».

«Einfach wunderbar» findet es Käthi, wenn sie einmal im Monat bei ihrem Bruder Christian in Augst BL ist. Bei ihm lebt sie auf, vergisst sich, die Zeit, die Sprachlosigkeit. Die beiden spielen «Tschau Sepp», malen, geniessen das Zusammensein. Manchmal machen sie auch einen Ausflug. Christian Hasler lacht. «Käthi geht gerne in den Zoo», erzählt er. Einmal fiel ihm auf, dass Käthi gar nicht die Tiere ansieht, sondern die Leute. «Sie beobachtet gerne andere Menschen – und das geht im Zoo natürlich bestens.»

Alle zwei Monate verbringt Käthi ein Wochenende bei ihrer Schwester Rita in Wallbach. Zusammen gehen sie dann auf den Friedhof in Wallbach und besuchen die Gräber der Eltern. Das bedeutet Käthi viel.

Essenszeit in der Wohngruppe. Heute stehen Salat und Fruchtwähe auf dem Menüplan. Käthi Hasler blickt zum Salat, blickt zur Wähe, blickt zum Journalisten. «Ein Gheu», kommentiert sie die Kombination, schneidet sich ein grosses Stück Wähe ab und beisst genüsslich hinein. Ihre Lieblingsspeise? «Weiss ich grad nicht», meint sie, nimmt einen Schluck Tee. «Bratwurst mit Rösti», erklärt ihr Bruder Christian beim Gespräch über das Leben seiner Schwester.

Falsche Diagnose

Käthi Hasler kam als zweitjüngstes von fünf Kindern im September 1949 in Wallbach zur Welt – gesund. Mit drei Jahren erlitt sie eine Gehirnhautentzündung. Der Arzt erkannte es nicht, behandelte Kathrin falsch. «Seither ist meine Schwester behindert.»

Die erste Klasse besuchte Käthi noch in Wallbach. «Doch es ging nicht», erinnert sich Christian Hasler. Es folgten Schulstationen in Bremgarten, Möhlin und Laufenburg. In Strengelbach machte Käthi eine Anlehre und arbeitete ab 1974 in den geschützten Werkstätten in Rheinfelden und Stein.

Vater Hasler hatte am Anfang Mühe, die Behinderung seiner Tochter zu akzeptieren. «Die Mutter nahm es besser», so Christian Hasler. Gemacht haben beide alles für ihre Tochter. Und als es darum ging, dass Käthi auch in der Stiftung MBF wohnen sollte, brauchte es «einiges an Überzeugungskraft» der Geschwister, um die Eltern zu diesem Schritt zu bewegen. «Was wird», sagten sie zu ihnen, «was wird, wenn ihr nicht mehr für sie da sein könnt? Dann muss Käthi von einem Tag auf den anderen ins Wohnheim.»

Das leuchtete den Eltern ein – und seit 1991 arbeitet Käthi nicht nur in Stein, sondern lebt auch dort. Aktuell in der Wohngruppe Grün. «Es ist gut, dass die Menschen mit Behinderung auch nach ihrer Pensionierung in der Stiftung MBF bleiben können», sagt Christian Hasler. «Es wäre schlimm, wenn sie nach so vielen Jahren aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen würden und den Lebensabend an einem völlig fremden Ort verbringen müssten.»

Diese Einschätzung teilt Jean-Paul Schnegg, Geschäftsleiter der Stiftung MBF. Er weiss aber auch: «Nicht in allen Kantonen ist das möglich. Zum Teil müssen Menschen mit Behinderung nach der Pensionierung in ein Altersheim wechseln.» Das hält Schnegg für «den falschen Ansatz» (siehe Box).

Es sei ein «glückliches Leben», das Käthi führe, ist Christian Hasler überzeugt. «Käthi leidet nicht unter ihrer Behinderung.» Er blickt zum Stuhl, auf dem Käthi bei ihren Besuchen meist sitzt, nippt an seinem Mineral. «Sie lebt in ihrer Welt und die ist heiler als unsere», fügt er dann an.

Manchmal, wenn er seine Schwester bei den Besuchen beobachtet, wenn er sieht, wie sie in sich ruht, wie sie ihn anstrahlt «frage ich mich schon: Mache ich genug für sie?» Es sind die Zweifel eines Engagierten. Christian Hasler lächelt verlegen. «Es ist eben zu meiner Lebensaufgabe geworden, für sie da zu sein und ihr etwas zuliebe zu tun.»

Frage: «Was bedeutet Ihnen Ihre Schwester?» Christian Hasler überlegt lange, sagt dann leise: «Wahrscheinlich mehr, als ich weiss.»