«Ich bin masslos enttäuscht vom Verhalten dieser Frau, sie hat mir erst rund anderthalb Jahre nach dem Unfall, bei dem mein Mann gestorben ist, einen kurzen Brief geschrieben.» Das sagte die Witwe des 64-jährigen Arbeiters, der am 18. Mai 2015 sein Leben verlor, vor dem Bezirksgericht Laufenburg. Gerichtet waren diese Worte an eine inzwischen 71-jährige Frau aus der Region, welche den Arbeiter überfahren und tödlich verletzt hatte.

«Mein Mann ging um 7 Uhr morgens aus dem Haus zur Arbeit, um 18 Uhr standen bei mir zwei Polizisten vor der Tür und überbrachten mir die Mitteilung, dass er tot sei», fuhr die Witwe mit zitternder Stimme fort. Sie hätten sich nach 30 Ehejahren auf die Pension gefreut, die gemeinsame Freizeit geniessen wollen – all diese Pläne wurden damals mit einem Schlag zunichte gemacht.

«Gescheppert unter dem Auto»

Kurz nach 15.15 Uhr wurde der Polizei am 18. Mai 2015 gemeldet, dass auf einer Gemeindestrasse in Münchwilen ein Schacht offen stand und ein verletzter Mann darin liege. Zuerst gingen die Behörden von einem Arbeitsunfall aus, deshalb wurde die Ambulanz und eine Polizeipatrouille aufgeboten.

Die Sanitäter stellten den Tod des Mannes fest, den Polizisten fielen Blutspuren und Verletzungen beim Verstorbenen auf, die auf einen Verkehrsunfall hinwiesen. Vorerst fanden sie im Quartier allerdings kein Auto, das als Unfallfahrzeug infrage kam. Erst ein paar Stunden später stellte sich heraus, dass eine damals 69-jährige Frau den Schachtarbeiter mit ihrem Toyota überfahren hatte.

Diese sagte vor Gericht, sie sei von zu Hause losgefahren, die abfallende Strasse hinunter, habe beim Abbiegen auf der rechten Strassenseite das parkierte Auto einer Vermessungsfirma
gesehen, dann habe es gescheppert und «kroset» unter ihrem Auto. Die Frau hielt an, fuhr ein bisschen rückwärts und sah, dass der Schacht auf der Strasse geöffnet war und weiter unten der Schachtdeckel am Boden lag. «Ich bin nicht ausgestiegen, mein Auto fuhr ja noch normal, vom Unfall habe ich erst im Nachhinein erfahren», sagte die Seniorin vor Gericht. Dass der Schachtarbeiter sterben musste, mache sie traurig, «aber ich habe nichts bemerkt und ihn gar nie gesehen».

Baustelle war nicht signalisiert

Genau dies war der zentrale Punkt der Verhandlung. Für die Staatsanwaltschaft war klar: Die Autolenkerin hätte den Arbeiter, dessen Oberkörper zum Zeitpunkt der Kollision rund 40 bis 50 Zentimeter aus dem Schacht ragte, früh genug sehen müssen. Dieser hatte den Auftrag, die Schachttiefe zu messen, dabei fiel ihm wohl etwas in den Schacht, deshalb stieg er die Leiter hinab. Weil die Messung selber nur wenige Sekunden dauerte und sich der Schacht in einer nur wenig befahrenen Strasse befand, trug der Arbeiter keine Schutzkleidung in Leuchtfarben und er hatte die Stelle auch nicht signalisiert.

Bei einer nachgestellten Fahrt habe sich gezeigt, dass die Frau den Arbeiter dennoch hätte sehen müssen, argumentierte Staatsanwalt Pius Suter. Der Schachtdeckel sei geöffnet und angestellt gewesen, daneben lagen Gegenstände am Boden. Dies zeige, dass eine gefährliche Situation vorliege und spezielle Vorsicht geboten sei. Weil die Strasse weder Trottoir noch Fussgängerstreifen aufweise, müsse sie ohnehin damit rechnen, dass Passanten, Kinder oder andere Personen auf der Fahrbahn seien. Sie habe ihre Sorgfaltspflicht verletzt und sich der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht. Zudem sei sie nach dem Unfall nicht ausgestiegen und habe Führerflucht begangen.

Verteidiger fordert Freispruch

Ganz anders sah dies Stefan Meichssner, der Verteidiger der 71-Jährigen, die seit dem Unfall nie mehr Auto gefahren ist. Er sagte, seine Mandantin treffe am Tod des Arbeiters strafrechtlich gesehen keine Schuld. Als dieser den Schacht geöffnet habe, ohne die Stelle abzusperren und zu signalisieren, habe er eine gefährliche Situation geschaffen, damit sei ein erhebliches Selbstverschulden gegeben. Zudem sei nur klar, dass der Arbeiter zum Zeitpunkt der Kollision aus dem Schacht geragt habe. Aufgrund der Spuren lasse sich nicht ausschliessen, dass er unvermittelt aus dem Schacht aufgetaucht und für seine Mandantin nicht sichtbar gewesen sei.

Er sei die Strecke selber mit seinem Auto abgefahren und habe festgestellt, dass der offene Schacht aufgrund der Wölbung der Strasse nicht oder kaum zu erkennen sei. Zudem habe die Frau nicht damit rechnen können, dass plötzlich ein Arbeiter seinen Kopf aus dem Schacht strecke, eine derart ungewöhnliche Situation sei nicht vorhersehbar. Er forderte deshalb einen Freispruch seiner Mandantin vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung, während die Führerflucht der Frau unbestritten sei.

Urteil fiel nicht einstimmig

Auch das Gericht kam bei der Frage, ob die Seniorin das spätere Opfer vor der Kollision hätte sehen müssen, zu keiner eindeutigen Haltung. Bei der Beratung habe eine Mehrheit der Richter die Meinung vertreten, dass der aufgestellte Schachtdeckel und der Arbeiter für sie sichtbar gewesen seien. Dass dieser die Baustelle nicht ordnungsgemäss gesichert habe, vermöge am Fehlverhalten der Unfallfahrerin nichts zu ändern, hielt Gerichtspräsident Beat Ackle fest. Sie könne sich in dieser Situation nicht auf den Vertrauensgrundsatz berufen, der besagt, dass man im Prinzip davon ausgehen kann, dass sich andere Verkehrsteilnehmer korrekt verhalten.

Einstimmig kam das Gericht hingegen zum Schluss, dass sich die Frau der Führerflucht schuldig gemacht habe. Sie habe ein Geräusch gehört, auf der Strasse habe es eine Blutspur gegeben, sie hätte aussteigen und nachschauen müssen. Die Frau wurde zu einem Jahr Gefängnis bedingt verurteilt und muss der Witwe eine Genugtuung zahlen, die vom Gericht später festgelegt wird.