Prozess
Wahrscheinlich, aber nicht sicher: Vater wird von sexuellen Handlungen an Kind freigesprochen

Die Staatsanwaltschaft warf einem 46-jährigen Italiener vor, seine Tochter mehrere Minuten unsittlich im Schambereich berührt zu haben. Zwar hält das Bezirksgericht Laufenburg es für wahrscheinlich, dass es einen Vorfall gab, kann den Angeklagten aber hierfür aufgrund bestehender Zweifel nicht verurteilen.

Dennis Kalt
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Das Bezirksgericht Laufenburg sprach einen Angeklagten vom Vorwurf frei, seine Tochter im Schlaf unsittlich berührt zu haben.

Das Bezirksgericht Laufenburg sprach einen Angeklagten vom Vorwurf frei, seine Tochter im Schlaf unsittlich berührt zu haben.

Symbolbild: Christof Schuerpf / Keystone

In Hand- und Fussschellen gelegt, führten zwei Kantonspolizisten den Angeklagten in den Gerichtssaal. Vor dem Bezirksgericht Laufenburg musste sich der 46-jährige Italiener unter anderem wegen sexueller Handlungen mit einem Kind verantworten. Gemäss Staatsanwaltschaft habe er zu einem unbekannten Zeitpunkt zwischen 2010 und 2012 das Zimmer seiner schlafenden Tochter – zwischen fünf und sieben Jahre alt – betreten und im Schambereich während rund vier Minuten angefasst. Die Berührungen seien von unterschiedlicher Intensität gewesen.

Die Staatsanwaltschaft forderte, den bereits vorbestraften Beschuldigten zu einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten zu verurteilen und für fünf Jahre des Landes zu verweisen. Weiter sei er zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 30 Franken und einer Busse über 100 Franken zu verurteilen. In das geforderte Strafmass fliesst auch mit ein, dass der Beschuldigte vor einer Polizeikontrolle geflüchtet sei, sich gegen die Arretierung zur Wehr gesetzt, die Polizisten beleidigt und versucht habe, einen von ihnen anzuspucken.

Eine wüste Scheidung mit Polizeieinsätzen

Von Gerichtspräsident Beat Ackle auf den Vorwurf der sexuellen Handlung mit seiner Tochter angesprochen, verweigerte der Beschuldigte zunächst die Aussage:

«Wenn die Leute nicht da sind, die mir so etwas Schlimmes vorwerfen, werde ich nicht reden.»

Damit meint der Angeklagte seine Tochter, die als Straf- und Zivilklägerin auftritt, und seine Ex-Frau.

Auf die Frage, ob der Vorwurf eine Erfindung der Tochter sei, sagte der Beschuldigte, dass er es nicht wisse. Zum letzten Mal habe er seine Tochter 2018 gesehen. Er sei an ihrem Leben interessiert und hätte gerne wieder das Besuchsrecht. Der Beschuldigte ist überzeugt, «dass jemand auf die Tochter einredet» und sie somit dazu bringe, gewisse Dinge gegen ihn zu sagen.

Der Verteidiger führte in seinem Plädoyer aus, dass es keine Sachbeweise für den Tatbestand der sexuellen Handlung gebe und eine Aussage-gegen-Aussage-Situation vorliege. Zudem:

«In der Videobefragung antwortete die Tochter zögerlich und knapp.»

Auch führt der Verteidiger die «wüste Scheidung» im Jahr 2013 zwischen dem Angeklagten und dessen Ex-Partnerin ins Feld, die mit mehreren polizeilichen Einsätzen einherging. So sei denn die Anzeige von der Mutter ausgegangen, um ihrem Ex-Partner «einen reinzuwürgen».

Dementsprechend forderte der Verteidiger, seinen Mandaten gemäss dem Grundsatz in dubio pro reo vom Vorwurf der sexuellen Handlung freizusprechen und auf den Landesverweis zu verzichten. Für den Sachverhalt gegen die beiden Beamten, den sein Mandant anerkannt und für den er sich entschuldigt habe, hielt der Verteidiger eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Monaten für angemessen.

Keine Hinweise auf eine Racheanzeige

Gerichtspräsident Ackle sprach den Angeklagten der sexuellen Handlung mit einem Kind frei. Im Übrigen sprach er ihn schuldig gemäss Anklage. Das Gericht verurteile ihn sodann zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 30 Franken. In seinem Urteil sagte Ackle, dass die Strafanzeige klar von der Tochter komme und es keine Hinweise gebe, dass dies eine Racheanzeige der Ex-Frau sei. Aber:

«Es ist wahrscheinlich, dass es einen Vorfall gab, aber nicht so wie von der Tochter beschrieben.»

So könne das Gericht den Angeklagten nur verurteilen, wenn es sich ganz sicher sei, dass es so war, wie vom Opfer beschrieben. «Wahrscheinlichkeiten reichen hierfür nicht aus», so Ackle.