Gesundheitszentrum Fricktal

Pro Jahr melden sich 200 Patienten von der «schwarzen Liste» – behandelt werden nur Notfälle

Notfall oder nicht? Diese Frage stellt sich für die Ärzte, wenn ein Patient eingeliefert wird, der auf der «schwarzen Liste» steht. Archiv/dka

Notfall oder nicht? Diese Frage stellt sich für die Ärzte, wenn ein Patient eingeliefert wird, der auf der «schwarzen Liste» steht. Archiv/dka

Das Gesundheitszentrum hat drei bis vier Fälle pro Woche. Behandelt wird nur im Notfall – oder bei Bar-Depot.

Die Regelung ist klar: Wer auf der «schwarzen Liste» steht, wer also seine Krankenkassenprämien nicht zahlen will oder zahlen kann, darf nur im Notfall behandelt werden; nur dann zahlt die Kasse. Es obliegt den Spitälern, beim Eintritt zu prüfen, ob jemand auf der «schwarzen Liste» steht oder nicht. Doch was dann? Wird ein Patient wieder weggeschickt? Wer entscheidet, ob ein Notfall vorliegt oder nicht? Und: Wie oft meldet sich jemand im Spital, der auf der «schwarzen Liste» steht?

Bereits die Antwort auf die letzte Frage ist nicht ganz einfach. Denn das Gesundheitszentrum Fricktal (GZF), das in Rheinfelden und Laufenburg je ein Spital betreibt, führt keine Statistik über säumige Prämienzahler, wie Marcel von Ah, CFO und stellvertretender CEO, auf Anfrage sagt. Er schätzt, dass sich pro Woche drei bis vier Patienten im GZF melden, die auf der «schwarzen Liste» stehen. Auf das Jahr hochgerechnet, seien es rund 200 Fälle. In grösseren Spitälern dürften es deutlich mehr sein. Denn in einem Regionalspital, wo eher jeder jeden kennt, ist die Eintritts-Hemmschwelle für jemanden, der seine Krankenkassenprämie nicht bezahlt, «relativ hoch», so von Ah.

Wer kommt und auf der «schwarzen Liste» steht, wird im GZF nur behandelt, wenn es sich wirklich um einen Notfall handelt. Das Gesundheitszentrum setzt die gesetzlichen Vorgaben damit konsequent um. «Wenn es sich nicht um einen Notfall handelt, haben wir einen relativ klaren und konsequent umgesetzten Prozess», sagt von Ah. Den säumigen Patienten, die sich im GZF behandeln lassen wollen oder zur Sprechstunde kommen, wird «klar kommuniziert, dass sie dafür zuerst die säumigen Prämien oder ein Depot in Bar für die Behandlung bezahlen müssen».

Längst nicht jeder, der seine Prämien – oft über Jahre – nicht einzahlt, tut es, weil er es finanziell nicht kann. Ein Teil will einfach nicht zahlen. Für sie hat von Ah kein Verständnis. «Menschen, die mutwillig ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachgehen, belasten unser Gesundheitswesen», sagt er. Dies gleich doppelt: Einerseits mit den Behandlungskosten, andererseits mit dem administrativen Aufwand, der auf die Gesundheitsversorger zukommt. «Das ist allen anderen gegenüber nicht fair und äusserst unethisch», sagt von Ah. Wenn jemand seine Krankenkassenprämie tatsächlich nicht selber bezahlen könne, gebe es in der Schweiz «erfreulicherweise ein funktionierendes Sozialsystem», so von Ah weiter. Der Sozialdienst des Spitals biete im Gespräch mit säumigen Patienten auch an, den Kontakt zum entsprechenden Amt herzustellen.

Schwierige Frage, was ein Notfall ist

Nicht immer einfach zu beantworten ist die Frage, was ein Notfall ist. Es gebe immer wieder Fälle, in denen diese Entscheidung für die Ärzte sehr schwierig zu fällen ist, sagt von Ah und nennt als Beispiel einen Diabetes-Patienten. «Ist die Behandlung eines Diabetikers, der bei uns vorstellig wird, ein Notfall? Oder erst dann, wenn er abgelehnt wird, sich sein Gesundheitszustand dermassen verschlechtert und er sich dann in einer akuten, lebensbedrohlichen Situation befindet, in der die Behandlung dann erst noch mehr kostet?» Kann der Arzt nicht eindeutig feststellen, ob es sich um einen Notfall handelt oder nicht, geht laut von Ah der Eid des Hippokrates stets vor – sprich: Der Patient wird behandelt.

Dass es dabei auch zu unterschiedlichen Auffassungen zwischen Spital und Krankenkassen kommen kann, verhehlt von Ah nicht. Solche Diskussionsfälle seien aber «tendenziell eher selten». Die Krankenkassen folgen, so von Ah, in den meisten Fällen der Entscheidung der Ärzteschaft. «Bei einem nicht ganz eindeutigen Fall schätzen wir selber ab, ob die Entscheidung anfechtbar wäre.» Bei einer kleineren Summe fange man in solchen Einzelfällen auch keine Diskussionen mit der Versicherung an.

Klar ist aber auch: Nicht alle Krankenkassen handhaben die Notfalldefinition gleich; es gibt kulantere und weniger kulante Kassen. Das bestätigt von Ah.

Ein Bereich, in dem es in vielen Spitälern öfter zu Diskussionen mit den Krankenkassen kommt, sind Geburten. Es gebe Krankenkassen, «die den Begriff Notfall sehr eigenwillig interpretieren», sagte Markus Schwendinger, Leiter des interdisziplinären Notfallzentrums des Kantonsspitals Baden (KSB), unlängst in der AZ – auch im Blick auf die Handhabung bei Geburten. «Aus medizinischer Sicht wäre es jedoch fahrlässig, eine Frau zurückzuweisen, deren Wehen eingesetzt haben.» Auch das GZF kennt solche Fälle. «Dort haben wir entsprechend für eine Kostenübernahme gekämpft und Recht erhalten», sagt von Ah. «Aber auch das ist mit viel Aufwand verbunden.»

Meistens zahlen die Krankenkassen

Insgesamt kamen an der Frauenklinik in Rheinfelden im letzten Jahr 438 Kinder zur Welt. Drei bis vier Frauen davon standen laut von Ah auf der «schwarzen Liste». Die Kosten haben die Krankenkassen in allen Fälle übernommen. «Die Zusammenarbeit klappt mit den Krankenkassen am besten, wenn der direkte Kontakt schon im Voraus aufgenommen wird.»

Kosten, welche die Krankenkassen nicht übernehmen, muss ein Spital selber tragen. Diese Position sei beim GZF «relativ gering», so von Ah. Ganz anders im KSB: Hier haben sich allein die ungedeckten Kosten eines einzigen Onkologie-Patienten, der auf der «schwarzen Liste» steht, inzwischen auf über 40'000 Franken summiert.

Grundsätzlich stehe das GZF nach wie vor hinter der Idee der «schwarzen Liste». Mit dem Instrument lassen sich laut von Ah Behandlungen vermeiden, bei denen die Kosten der Behandlung nicht gedeckt wären und somit die Allgemeinheit zahlen müsste. «Die konkrete Umsetzung gestaltet sich jedoch schwierig», räumt der CFO ein. «Für uns als Spital bedeutet die Umsetzung einen zusätzlichen administrativen Aufwand, für den uns niemand entschädigt.» Einerseits müsse man bei jedem Eintritt prüfen, ob der Patient auf der «schwarzen Liste» sei, andererseits komme es immer wieder einmal zu Diskussionen mit den Krankenkassen, ob eine durchgeführte Behandlung nun als Notfall zu klassifizieren ist oder nicht. «Und wenn wir einen Patienten abweisen (müssen), stehen erst mal wir als Spital in der Kritik.»

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